Stichwort: Cargo-Kult

Mit Automobilen und Flugzeugen drangen die Forscher vor, die die letzten weißen Flecken der Landkarten ausmerzten. Mit Flugzeugen zum Beispiel wurden die Maschinen verfrachtet, die aus dem bisher unzugänglichen Inneren Neu-Guineas eines der ergiebigsten Goldgebiete machten.“ – Anton Zischka: Ölkrieg (1939)

Als mit der Einführung des Flugzeuges die Kolonialmächte die Hoheit über die Inselreiche des Pazifik erlangten, kam dies oftmals einer Ankunft von Besuchern von einem anderen Planeten gleich: Aus der Luft wurden Pioniere und Fracht abgeworfen, um im Gelände Landebahnen zu bauen, auf denen Flugzeuge immer mehr Menschen und Material ausluden, welche wiederum den Empfang weiterer Flugzeugladungen vorbereiten, bis sich schließlich innerhalb kürzester Zeit die Ressourcen ganzer Flächenländer über kleinste isolierte Gemeinschaften ergossen, um beispielsweise eine Luftwaffenbasis gegen die Achsenmächte zu errichten.

Unabhängig voneinander und über das gesamte Gebiet der pazifischen Inseln verstreut verarbeitete ein Teil der Eingeborenen der Südsee den Kulturschock der Kolonialisierung aus der Luft heraus durch eine charakteristische Form paradoxer Affirmation: Mittels so genannter Cargo-Kulte, die wie ein Tsunami dem Siegeszug des Flugzeugs folgten, deren Vorläuferformen jedoch bis in die Ära der Seefahrt zurückreichen, wurden die Landung der Fremden mit allen Requisiten der örtlichen Heilsgeschichte abgesegnet, sowie die Requisiten ihres Auftretens als neue Erlösungsbringer gewürdigt. Im Mittelpunkt stand dabei die Ware: Cargo.

So errichteten im 20. Jahrhundert immer wieder kultistische Eingeborene Landebahnen samt Leuchtfeuern, Betriebsgebäuden und Radar, bzw. diesen zum Verwechseln ähnliche Investitionsruinen, um auf diese Weise Flugzeuge von jenseits des Horizonts zur Landung zu verlocken bzw. überhaupt Fracht und Passagiere anzuziehen. Die Bereitstellung von Landeflächen und zugehöriger Anlagen, so die Vorstellung des Cargo-Kults, werde Flugzeuge nicht näher hinterfragter Herkunft dazu veranlassen, den Wohlstand zu bringen, jene sagenumwobene Cargo, welche die Anhänger des Kultes von allen Mängeln erlösen und zurück ins Goldene Zeitalter führen wird.

Die Cargo-Kulte des pazifischen Kulturschocks waren kurzlebig und von geringer Destruktivkraft – längst sind die in leerem Wahn errichteten Landebahnen wiederbegrünt, die kauzigen Erwartungshaltungen ihrer Protagonisten in Vergessenheit geraten, und die Erben der davon angerichteten Entfremdung ernüchtert. Mit einigen Generationen Erfahrung erscheint die Welt hinter dem Horizont etwas weniger übermächtig, als dass es sich auszahlen könnte, sich zur Warenform geradeso zu bekennen wie zum Ahnenkult eines überlegenen Stammes. Aus diesem Abstand bleibt vom Cargo-Kult wenig mehr als eine Parodie der eigenen Tradition.

Der historische Verdienst der Cargo-Kulte besteht freilich darin, über den Kontext ihrer eigenen Kultur hinaus eine allgemeinmenschliche Versuchung aufgezeigt zu haben: Wenn sie vom Lauf der Geschehnisse sowie ihren eigene Zukunftsängsten überwältigt werden, neigen die Eliten von Wohlstandsgesellschaften dazu, in symbolischen Ersatzhandlungen ihr Erbe zu verleugnen. Hier in Europa gilt dies insbesondere für das Lieblingsspielzeug der deutschen Banken, die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens Fraport, sowie deren politisches Umfeld in den technokratischen Parteien, welche die Errichtung einer Investitionsruine anstreben, die im Herzen des Kontinents den betongewordenen Seufzer der bedrängten Kreatur verwirklichen würde.

Auch in diesem Fall erfolgt der Bau einer Landebahn nicht zur Bedarfsdeckung sondern zur Bedarfsweckung. Fremde Flugzeuge nicht näher hinterfragter Herkunft sollen der Region und dem Land den Wohlstand bringen, die Arbeitsplätze und die Steuereinnahmen, die Vollbeschäftigung, den Bürgerfrieden und die Erlösung von der Krise. Und wenn die Besucher vielleicht nicht von dieser Erde kommen, dann – so der Mythos des hessischen Rolandsliedes – muss der Landeplatz bei Frankfurt attraktiver eingerichtet sein als irgendein anderer auf dem Planeten, damit die Götterfracht auch hier entladen werde und nicht etwa in Dubai, wo sie womöglich dem anderen Stamm in die Hände fiele. Und wenn sie heute nicht gelandet sind dann kommen sie vielleicht morgen.

Wikipedia bilanziert die Langzeitfolgen der Cargo-Kulte eher tragisch: „Die Kultausübenden nahmen an, die Flieger verfügten über einen besonderen Kontakt zu den Ahnen, die ihnen als die einzigen Wesen mit der Macht erschienen, solche Reichtümer auszuschütten. Indem sie die Flieger nachahmten, hofften sie, auch ihnen möge ein solcher Brückenschlag gelingen. In einer Art Analogiezauber bauten sie zum Beispiel lebensgroße Flugzeugmodelle aus Stroh oder schufen Anlagen, die den militärischen Landebahnen nachempfunden waren, in der Hoffnung, neue Flugzeuge anzuziehen. Die kulturelle Auswirkung dieser Kultübungen war jedoch nicht die Rückkehr der wundersam beladenen gottgleichen Flugzeuge; vielmehr wurden ihre religiösen Bräuche ausgerottet, die vor dem Krieg bestanden hatten.“


5 Antworten auf “Stichwort: Cargo-Kult”


  1. 1 Verfasser 10. Dezember 2008 um 22:16 Uhr

    Noch zwei Links zum Weiterlesen:
    Mike Jay: The Last Cargo Cult
    Wikipedia: Cargo-Kult

  2. 2 KVK 11. Dezember 2008 um 1:09 Uhr

    Ein Kompliment dem Verfasser!

  3. 3 anton02 11. Dezember 2008 um 14:42 Uhr

    ICh arbeite zwar in der Luffrachtbranche, aber dass meine Exportsendungen soo erwartet würden, hätte ich nicht gedacht… ;-)

  4. 4 waldbesetzung.blogsport.de 24. März 2011 um 14:55 Uhr

    Stichwort cargo kult.. OMG! :)

  1. 1 Der Einsatz von Requisiten | Erotik Fotografie Pingback am 19. Dezember 2008 um 1:38 Uhr
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