Vogelstimmenwanderung am 24.5.2009


„Normalerweise wache ich ja davon auf , wenn ich einen Vogel höre, den ich noch nicht kenne. Aber heute war ich einfach zu müde.“
Katha leert ihren Rucksack und räumt alle Utensilien, die sie für eine vogelkundliche Führung braucht – Bestimmungsbücher, Ferngläser und Kamera mit Teleobjektiv – auf eine der Holzbänke der Mahnwachenküche. Sie studiert Biologie in Heidelberg und hat im Winter- vom Hüttendorf aus- ihre Abschlussarbeit zu schreiben begonnen. Nun steckt sie in der Endphase und nimmt sich im Wald eine kurze Auszeit von der Uni.

Es ist zehn vor acht, und alle Vögel sind schon da – nicht aber das Publikum für die Wanderung. Allmählich schälen sich dann aber doch ein paar Interessierte aus den Schlafsäcken. Nachdem sie feststellen, dass heute nacht niemand für sie containert hat, fällt das Frühstück sehr spärlich aus und nach einem Kaffee kann es losgehen.
Erst einmal horchen wir uns um, was im Camp – ausser schnarchen und Flugzeuggedröhne- zu hören ist. „Kleb-kleb-kleb“-was ist das ? fragt Katha. Die Antwort gibt sie selbst:“ Der Kleiber natürlich, übrigens der einzige Vogel hier, der kopfüber den Stamm runterlaufen kann. Dafür hat er seine Beine auch sehr praktisch am Schwerpunkt an der Bauchmitte.“ Zur Bahnlinie hin kreischen ein paar Spechte. Vorne am Weg flöten Jungmeisen, die ausserhalb des Nestes auf Fütterung warten. „ Die Kleinen bleiben zusammen, das erhöht ihre Überlebenschancen“ meint Katha.
Doch es geht noch kleiner und trotzdem viel lauter:. „Das ist der Zaunkönig, winzig und unscheinbar, aber das gleicht er mit seiner Stimme aus“
Wir gehen an das Seeufer und versuchen uns an der botanischen Bestimmung einiger Bäume. „Tut mir leid,“ sagt Katha,“ da kann ich euch nicht helfen, da kenne ich mich überhaupt nicht aus.“ Zum unserem Glück ist in der Gruppe jemand mit Baumklettererfahrung dabei und weiss die Antwort: „Schwarzerle“. Quer über den See sehen wir einige grosse Vögel, welche auf und ab fliegen. Katha zückt ihr Teleobjektiv und identifiziert sie dann anhand der Bilder. „Hätte ich nicht gedacht – keine Greifvögel, sondern Tauben.“ Hoch über der Wasserfläche kreisen einige Mauersegler. „Wissenschaftler haben Mauersegler mit Ortungschips ausgerüstet und festgestellt, dass sie an einem Tag in Deutschland und tags darauf in Spanien waren. Mauersegler fliegen auch im Schlaf, einmal aus dem Nest, bewegen sie sich nie wieder am Boden, ihre Füsse sind nicht dazu geeignet um sich abzustossen. Ihre langen Flügel schlagen auf den Boden, die Tiere müssten am Boden sterben. Bei schlechtem Wetter fliegen die Tiere oft in Zonen mit besserem Wetter, wo sie ausreichend Futter finden, um das kalorienzehrende Fliegen aufrechtzuerhalten. Die verlassenen Jungvögel fallen derweil in eine Art Schlafzustand. Wird das Wetter besser, kehren die Altvögel sofort zurück“.
Am See sind schon etliche Angler und auch ein paar Badegäste. Immer wieder fragen sie ,wenn sie uns als Landebahngegner identifiziert haben, wie lange das Betreten des Areals noch möglich sein wird. „ Das hängt auch von Ihnen ab, dass nämlich der Widerstand grösser wird“ sagen wir.
Auf dem Wasser sind ein paar Stockenten unterwegs, die aber abdrehen, als sie sehen, dass bei uns nichts zu holen ist. Aus dem Wald ruft ein Kuckuck.“ Das hier ist ein typischer Standort für einen Kuckuck. Der Vogel benötigt ja den Teichrohrsänger als Lieblingswirt, um ihm im Gelege sein Kuckucksei unterzuschieben. Dabei ist er ungeheuer „tricky“, denn normalerweise räumt jeder Vogel Eier aus dem Weg, die nicht von ihm sind. Aber hochspezialisiert wie er ist, braucht er ein intaktes Umfeld,und da es das immer weniger gibt, gilt er inzwischen als bedroht.“
An der Schilfzone unterbrechen wir den Rundgang und setzen ihn am Nachmittag fort. Bei einem Blick in das saubere Wasser entdecken wir mehrere amerikanische Flusskrebse, die sich hier sehr wohl fühlen. Einer lümmelt an einem Brötchenrest. Im Uferbereich schwimmen amerikanische Sonnenbarsche –schöne, kompakte Fische ,welche aber auch schon mal zuschnappen, wenn man ihren Eiergelegen zu nahe kommt. Der Mönchwaldsee hat das klarste Wasser von allen Seen im Umkreis, es gibt wenig Nährstoffeintrag und das nachdrückende Grundwasser wird durch eine Quarzsandschicht gefiltert.
Auch Vögel sind mittags aktiv, etwa die Mönchsgrasmücke, der Trauerschnäpper oder die hörenswerte Singdrossel-„die wiederholt stets alles, aber dafür fällt ihr auch immer wieder was neues ein“.
Inzwischen sind sehr viele Badegäste am See. Ein Mann zieht seinen Schäferhund zurück, als eine Gruppe junger Leute mit einem Kampfhund vorbei kommt. Aber alle arrangieren sich- hoffentlich auch mit der Natur. Heute abend werden dann hier die Wildschweine patrollieren und nach Essensresten suchen. Nach einiger Zeit stossen wir auf die Steilböschung des Sees, oben ist es viel trockener und die Vegetation ist dem Sandboden angepasst. Bald kommen wir zum ehemaligen Eingang vom Waldcamp: Stacheldraht, gleich vier Wachschützer sitzen auf Campingstühlen hinter dem Baustellenzaun. Sie sollen verhindern, dass wir den vorläufig bewahrten Waldstreifen wiederbesetzen.
„Wir kommen wieder“, sagen wir ihnen, als wir zur Mahnwache zurücklaufen. Vielleicht schon sehr bald, denn geplant ist, jeden Sonntag einen Rundgang durchzuführen – es lohnt sich.


6 Antworten auf “Vogelstimmenwanderung am 24.5.2009”


  1. 1 vega 04. Juni 2009 um 17:38 Uhr

    Und was hat das mit dem Flughafenausbau zu tun?

  2. 2 Jörg Lüsing 05. Juni 2009 um 20:38 Uhr

    Die Mahnwache im Kelsterbacher Wald ist eine Versammlung zum Zweck des Sichtbarmachens von Protest gegen den geplanten und vorzeitig Betriebenen Ausbau des Flughafens. Ausgangsort für diesen vogel-/pflanzenkundlichen Spaziergang ist die Mahnwache gewesen. Spaziergänge zählen seitdem zu den regelmäßigen Aktivitäten dort.

    Es ist ein Grundsatz in der Bildungsarbeit: Nur was man kennenlernt, kann man wertschätzen.
    Durch die inhaltliche Auseinandersetzung erlangt das Ökosystem eine individuelle Bedeutung.
    Das ist meiner Meinung nach auch innerhalb einer anthropozentrischen Sichtweise möglich als Aspekt der eigenen Identität und der eigenen Alltagskultur. (Dies erwähne ich nur als Anknüpfungspunkt für die Anti-Speziezismusdiskussion.)

    Der Mönchwaldsee wird möglicherweise während eines derzeit projektierten Landebahnbetriebs weiterhin zugänglich sein. Aber was macht dann die Vogelwelt dort?
    Während eines Landebahnbetriebs würde die angrenzende Waldfläche noch weniger als derzeit geworden sein. Um diese Veränderung Festzustellen bietet sich diesen (und nächsten) Sommer möglicherweise die letzte Gelegenheit eine vor-Landebahnsituation zu erleben. Situation zu Zeitpunkt ein emit der Situation zu Zeitpunkt zwei vergleichen. Damit ließe sich eine eigene Anschauung bekommen. Und mit dieser Anschauung lassen sich dann die Vogelschlag-Diskussion individuell nachvollziehen. So zum Beispiel auch die umfassende Bestandaufnahme und Prognosen über Lebensraumveränderungen am Main durch Vernichtung des Kelsterbacher Waldes, die in Untersuchungen von einem Ornithologen Petri so um das Jahr 2005 gemacht wurden.

    Soweit was mir dazu einfällt als Anknüpfungspunkt für die Rhein-Main-Flughafen-Ausbaupläne.

    Eine andere gute Frage ist immer auch „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“

    Liebe Grüße, Jörg

  3. 3 Peter, Paul und Mary 06. Juni 2009 um 0:47 Uhr

    Nachdenken hilft manchmal…

    Hier zwei Fragen, die du dir selbst stellen solltest:
    Wo leben und nisten Vögel normalerweise?
    Was wird für den Flughafenausbau platt gemacht?

    Wenn der Zusammenhang dann immer noch nicht klar wird, scheint bei dir alles verloren.

    Ganz nebenbei ist es ein schöner Bericht, der nach außen zeigt was auf der Mahnwache so passiert.

  4. 4 vega 09. Juni 2009 um 15:05 Uhr

    @ Jörg
    Danke für die Ergänzung, genau das hat meiner Meinung nach im Artikel gefehlt.

    @ Peter, Paul und Mary
    Zum Glück gehen nicht alle Menschen die in der Mahnwache aktiv sind so wie du mit Kritik um, sonst hätte das Ganze wahrscheinlich nicht anähernd den Anklang in der Bevölkerung den es hat…

  5. 5 BFE 15. Juli 2009 um 11:41 Uhr

    Hat es…?

    O.o

  6. 6 Donauwelle 30. Juli 2009 um 21:05 Uhr

    Was ist denn das da über mir für ein Vogel?

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