Mit Kohle zum Kerosin

Ein kurzer Pfiff, die Bremsen legen an , und schnaufend kommt „Lotte“ im Zeppelinheimer Bahnhof zum Stehen. „Lotte“ heisst eigentlich 50 3552 – Stadt Hanau und ist eine Güterzug-Schlepptender-Dampflokomotive aus dem zweiten Weltkrieg. Bis 1987 zog die Lok Züge der Agrochemie in der Magdeburger Börde, liebevoll gepflegt von (meist männlichen) Reichsbahnern. Denn ihre „Lotte“ liess sie nicht im Stich, im Gegensatz zu so mancher Diesellok aus rumänischer Produktion. Nach der Wende folgte eine zweite Karriere als Museumslok. Doch dann kam, was kommen musste: Lotte wurde arbeitslos. Die meisten Strecken rund um Salzwedel wurden von der DB AG stillgelegt, trotz Widerstand aus Teilen der Bevölkerung . Diese verarmte aber und konnte sich die Sonderfahrten kaum mehr leisten. Nach der Jahrtausendwende musste die Lok notverkauft werden. So wie viele menschliche Arbeitssuchende auch machte sie sich auf den Weg nach Westen. Sie landete in Hanau. Und genauso wie viele Arbeitskräfte –etwa am Flughafen- fand sie sich in prekarisierten Verhältnissen wieder: Sie hat kein Dach über dem Kopf, der Museumsbahn-Verein ist auf dem Deutsche-Bahn-Gelände nur geduldet, und sie nimmt jede Arbeit an.
Heute die „Erlebnis-Rundfahrt“ für die Fraport. Sie findet unter dem Label „Tage der Industriekultur“ statt. Mit zweihundert Teilnehmern ist die Tour ausgebucht und verspricht einen bescheidenen Gewinn – zurückzulegen als „Krankenversicherung“ für „Lotte“. Das Zugpersonal hingegen arbeitet ehrenamtlich. Die Fahrgäste machen sich derweil auf den langen Fussmarsch zum Flughafen-Einlasstor. Dabei müssen sie an einem „Scheiss Ausbau“ –Plakat in drastischer Farbe vorbei.
Drastisch auch die Behandlung der Besuchswilligen durch die Fraport: Das Mitbringen von Taschen und Fotoapparaten ist untersagt und wird am Einlass streng kontrolliert. Wertvolle Besuchszeit verstreicht, bis die Ausflugsbusse losfahren können.
„Lotte“ muss einen Atomstrom –IC vorlassen. Qualmen tut das rollende Kohlekraftwerk nicht. Wenn die Kohle und der Heizer gut sind, sieht man die –letztlich aber doch so problematischen- Rauchgase kaum. Wiederum ein Pfiff , und weiter geht es Richtung Walldorf. Ach ja: Weit und breit liess sich kein einziger Polizist sehen. Wozu denn auch.


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