Flughafenneubau in Kassel

Während in Kopenhagen über C02-Reduktion verhandelt wird, beginnt in Kassel der Bau einer neuen CO2-Schleuder.
In Kassel- Calden, etwa 15 Kilometer nördlich der Innenstadt, befindet sich seit 1970 ein Verkehrslandeplatz. Er dient der Sport- und Geschäftsfliegerei und als Basis für mittelständische Luftfahrtindustrie.
Dieser ist grundlegend veraltet und sollte „ausgebaut“ werden.
Was unter der Flagge „Ausbau“ segelt, ist allerdings der komplette Neubau eines Regionalflughafens auf 250 Hektar Fläche mit 2500 Meter-Bahn, zudem noch in anderer Lage.
Treibende Kraft waren die IHK Kassel und die Koch-Regierung nach 1998. Roland Koch, seinerzeit Aufsichtsratsvorsitzender der Fraport, fädelte auch die Übernahme des Flugplatz-Managements durch die Fraport ein. Die SPD Nordhessen steht hinter dem Neubau.
2008 stand das bereits planfestgestellte Projekt nochmals auf der Kippe, als die Grünen im Koalitionsvertrag mit Ypsilanti den Bau durch eine Kappung der Finanzierungszusage zu verhindern versuchten – es blieb beim Versuch.
Tatsächlich hat sich kein privater Investor gefunden, die Kosten von -zunächst- 150 Millionen Euro trägt fast ausschliesslich die Steuerzahlerin in Kassel, Hessen und der EU. Hauptaktionärin ist das Land Hessen. Es stellt den Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft, Finanzminister Karlheinz Weimar. Finanzielle Binnentransparenz ist also gewährleistet.
Warum ein Flughafen in Kassel, wo Paderborn gerade 50 km weg ist ? Damit, so Weimar, die Region „mittelfristig nicht von wichtigen Verkehrs- und Wirtschaftsentwicklungen abgekoppelt wird“.
Einige Fluggesellschaften haben sich sehr abfällig über das Projekt Calden geäussert, aber wenn sie nur gut genug subventioniert werden, dann kommen sie auch. Gedacht ist an viel Charterverkehr. Offen wird gesagt, dass erst neuer Bedarf geschaffen werden muss. Besonders über das Argument eines fehlenden öffentlichen Interesses an dem Neubau haben ihn die BI`s im Weserbergland und die Umweltverbände gerichtlich zu kippen versucht.
Für den Flughafen werden 40 Hektar Wald und 250 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche verbraucht. Für die nötige Infrastruktur und Anbindung wird noch einiges hinzukommen. Da die Startbahn auf einer heutigen Hanglage errichtet wird, sind umfangreiche Erdbewegungen nötig: 4.5 Millionen Tonnen. Boden- und Kostenerosionen sind also zu erwarten.
Der Widerstand konzentriert sich vor allem auf die künftigen Flugschneisen im Umland, vor allem auf Hannoversch Münden. Mit den juristischen Niederlagen ist er weniger geworden. Kassel selbst kriegt wenig Lärm ab.
Unter der Hand wird gemunkelt, dass „Kassel International“ vor allem nachts brummen soll. „Das wird ein Fracht-, kein Touri-Flughafen“ sagte ein informierter Beobachter der Szene. Dass die Frachtfunktion („nur vier Nachtflüge“) von den Befürwortern so vehement bestritten wird, muss stutzig machen. Kassel ist -wie die HNA am 3.12.09 stolz berichtete- zum drittwichtigsten Cargo-Hub in Deutschland aufgestiegen.
Vor allem entlang der A 7 und der A 44 ballen sich Grosslager und Speditionen.
Die Region ist arm und die Menschen gefügig. Als Protestler ist man/frau dort Exot. Die Projektsteuerer des Neubaus bringen viel „Spirit“ mit: „Hier läuft das anders als bei Euch in Frankfurt, wir sind hier so eine Art Flughafen-Familie“.


5 Antworten auf “Flughafenneubau in Kassel”


  1. 1 Wolfgang 07. Dezember 2009 um 15:48 Uhr

    „Die Region ist arm und die Menschen gefügig.“

    Stimmt, was die Menschen angeht. Die haben in der Tat nicht begriffen, dass hier das Blaue vom Himmel gelogen wird. Es geht immer um die Jobs, und damit kannn man hier oben jedes Projekt durchziehen, das der Bau- und Verkehrsbranche Geld bringt (Calden, A44).
    Man kann auch den Verdacht hegen, dass die Gefügigkeit mit einer gewissen Denkfaulheit einhergeht, die sich in 40 Jahren Zonenrandgebietsförderung eingenistet hat.

    Stimmt nicht, was die Armut angeht. Diese Region hat ein herausragendes touristisches Potenzial, wenn’s die Kleinmütigen nur endlich kapieren wollten. Und dass wir als Standort im Sektor der Erneuerbaren Energien in der ersten Liga spielen, ist auch bekannt. Und dafür brauchen wir keinen Flguhafen.

  2. 2 mensch 07. Dezember 2009 um 20:09 Uhr

    kurze Berichtigung: PB ist knapp 90km von KS weg, nicht 50km.
    allerdings will die Bahn die Verbindung per Fernzug wg. angeblich mangelnder Nachfrage noch weiter ausdünnen und natürlich gibt es auch bis jetzt keinerlei konkrete Planungen, den Flughafen Calden direkt an das Schienennetz anzuschließen.

  3. 3 vega-lounge 09. Dezember 2009 um 0:52 Uhr

    Geplant war eine sogenannte „Nordspange“ (Schnellstrasse) von Calden zur A 7 mit einer grossen Fuldatalbrücke. Die ist zurückgestellt worden. Vermutlich zugunsten des Weiterbaus der A 44 bei Kaufungen. Im Gespräch ist jetzt eine Regiotram – Schienenverbindung von Kassel aus, die aber hauptsächlich aus Landesmitteln finanziert werden müsste.

  4. 4 vega-lounge 18. Dezember 2009 um 11:19 Uhr

    Nach zwei Wochen war ich nochmals in Kassel-Calden. Wie zu erwarten war, ist der betroffene Wald abgeholzt, der letzte Fleck Unterholz wurde gerade gefällt.
    Überraschenderweise gelang es, mit ein paar Knäueln Wolle die Abräumarbeiten ins Stocken zu bringen.
    Das hochwertige Unterholz und Astwerk wird nicht mehr verbrannt, sondern zu Pellets verarbeitet. Da dürfen keine Fremdkörper drin sein. Neongelbe und giftgrüne Polyesterwollfitzelchen im Schreddergut würden offenbar dazu führen, dass die Holzfirma das Zeug nicht verkaufen kann. Die Fäden müssen sofort wieder herausgepriemelt werden.
    Entsprechend die Begeisterung bei den Waldarbeitern über den „Besuch“. Dann das Übliche: Polizei, Androhung eines Platzverweises, Aussprache eines unbefristeten Betretungsverbots durch die Flughafen GmbH.
    Es ist erstaunlich, wie viele Leute gegen den Bau sind, besonders gegen den Bau zum jetzigen Zeitpunkt. Es sieht so aus, als hätte er keine Mehrheit in der Bevölkerung (mehr). Das erklärt auch eine gewisse Nervosität bei den Flughafenbetreibern. Trotz erfolgter Rodung stünden die Chancen für politisch effektive Aktionen eigentlich nicht schlecht.

  1. 1 Kassel - Blog - 07 Dec 2009 Pingback am 13. Januar 2010 um 12:13 Uhr

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