Konzert mit Siggi Liersch an der Mahnwache

Ein Zitat, dass von Siggi Liersch ausgewählt sein könnte,vorweg:
„Auch der Einzelne hat seine Geschichte. Man weiss, mit welchem Nutzen die Nationen ihre Geschichte aufzeichnen. Den gleichen Nutzen hat auch der einzelne Mensch von der Aufzeichnung seiner Geschichte. Me-ti sagte: Jeder möge sein eigener Geschichtsschreiber sein, dann wird er sorgfältiger und anspruchsvoller leben.“

B. BRECHT, Me-ti. Buch der Wendungen

Nun, „Konzert“ ist vielleicht nicht die treffenste Beschreibung des Sonntagnachmittags an der Mahnwache- „Literatur auf der Gitarre“ wäre passender.

Rund um die Feuerstelle auf der Mahnwache haben sich etwa 20 Leute versammelt. In der Mitte thront der 56-jährige Siggi Liersch. Neben seiner Gitarre hat er Bücher und zahlreiche Manuskriptblätter dabei. Er wird mindestens ebenso viele Stücke vorlesen wie vorspielen. „Papier ist mir wichtig“ betont er. Als Notenblatt, zum Niederschreiben von Prosa, als Ausgangsmaterial für Collagen.

Konzert

Siggi Liersch hat sich sein Leben lang nicht immer quer, aber zumindest schräg gestellt. Neben dem Studium der Germanistik und Pädagagogik und der Tätigkeit als Künstler hat er sich mit zahlreichen Brot-Jobs über Wasser gehalten. Die Lebensform des Dauer-Studenten war damals noch möglich und teilweise auch sozial akzeptiert.

Beginnend in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war er im Walldorfer Startbahn-West-Widerstand verwurzelt. Sein Song „Startbahn West-niemals“ diente als „Opener“ vieler regionaler Anti-Startbahn-Demos, bevor er von lauteren Songs wie „Ein Jahr-es geht voran“ von den Fehlfarben abgelöst wurde. „Es gibt ein Foto von mir, wie ich mitsamt Gitarre von der Polizei weggetragen werde“ erzählt Liersch von dem Protest-Höhepunkt 198O/1981.
Irgendwie mussten dann alle, die an der Startbahn West mit hohem persönlichen Einsatz gekämpft hatten, die folgende Niederlage wegstecken.
Hier schliesst sich der Kreis zur Situation an der Mahnwache, in deren Sichtweite die Landebahn immer klarere Konturen annimmt.
Siggi Liersch würde wohl den Satz unterschreiben, dass Unangepasstheit und Widerständigkeit ohne Spass und Kreativität nicht zu haben ist. Sein Konzept geht dahin, den Leuten erstmal die Basics, die Anstösse an die Hand zu geben, ihrem Behagen oder Unbehagen Ausdruck zu verleihen.Er möchte Kinder und Erwachsene über Workshops selbst zum Schreiben und Gestalten anregen.
Seine Texte sind meist skurril, verzerrt und machen Sinn-Sprünge. Sie handeln von der bösen Heimat, der Heimat des Bösen ,den Abgründen des Alltags .Kläffende Hunde, Eigenheime wie Bunker, hohle Statussymbole, Umweltzerstörung.
Etwa die Geschichte vom letzten freistehenden Baum. Schon ohne Blätter. Ist in einem Event zum Klettern für jeden freigegeben- wenn mensch sich die Kosten für die künstliche Sauerstoffbeatmung leisten könnte…
Aufgemuntert wird hier nicht,im Gegensatz zu den alten Anti-Startbahn- Bekennersongs.

Das ist Absicht,das ist schräg – und es verfängt auch an der selbst durchaus schrägen Mahnwache. Ein harmonischer Protestsong-Nachmittag ist das nicht gerade, das Lachen über die Anspielungen bleibt meist im Hals stecken. „Ob die Leute es mögen oder nicht ist eine Sache, aber man soll verwirrt sein und nachdenken“, so Liersch in einem Interview mit dem
Darmstädter Echo über seine Kunst.
Aber bewirkt es was, wenn die Leute eh schon abgestumpft sind ? Wenn es nichts mehr bewirkt, dann wird die Überspitzung Realität, würde Liersch vielleicht sagen. Inzwischen ist er im Lehrerberuf angekommen und hat die Rolle auch angenommen.
Die Zugabe muss sich die wackere Landebahngegner-Gemeinde dann tatsächlich selber geben. Zettel werden verteilt- Zeitgemässe Hymne, Autor Siggi Liersch, zu singen nach der Melodie von Haydn`s Kaiserquartett:

Deutschland, Deutschland, über alles
Startbahn West, dein Meisterstück
Vom Atomstaat zum Computer
Ist versorgt der Bürger Glück
Deine Macht, die lässt sich zeigen
Helme auf und Schilder vor
Deutschland, Deutschland über alles
Singt der Polizistenchor

Deutschland, Deutschland unter andrem
Zeigt sich Freiheit im detail
Wenn wir nur von Freiheit schwätzen
Wird uns Freiheit nie zuteil
Wenn so fassungslos wir hier stehen
Vor der Dämonokratie
Deutschland, Deutschland unter andrem
Sind wir mehr als Stimmenvieh

Deutschland, Deutschland, lass dir sagen
Ewig kanns nicht weitergehn
Wenn uns unsre Enkel fragen
Konntet ihr nicht widerstehn ?
Werden wir dereinst dann sagen
Weisend auf das öde Land
kapital verbraucht die Freiheit
Übrig bleibt Beton im Sand

„Diesen Text hat ein Bekannter von mir damals im Schulunterricht behandelt“. merkt Siggi Liersch an. „Das hat ihn seinen Lehrerjob gekostet.“


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