Vor 30 Jahren: Die „Waldschlacht“

Der Bau der Startbahn West vollzog sich in mehreren Etappen – ebenso der Widerstand dagegen. Gegenüber den Ereignissen am „Baulos 1″ vom Herbst 1981, wird an die vom „Baulos 2″ im Winter 1981/82 nicht mehr so gerne erinnert. Mit massivem Widerstand vor Ort wollte die Bürgerinitiative den Bau der 18 West doch noch politisch undurchführbar machen. Und aus den Fehlern bei den Waldbesetzungen des Vorjahres lernen.
Der lang angelegte Protest dauerte dann nur eine Woche und endete mit einer bundesweiten Platzbesetzungsaktion, die als „Waldschlacht“ in Erinnerung geblieben ist. Warum kam es so, und was ist bis heute geblieben ?


Der Januar 1982 war eisig kalt. Auch politisch. Zwar war der Bau der Startbahn West „eingefroren“ – ein Baustopp bis zum Beschluss des Staatsgerichtshofes zum Volksbegehren sorgte für eine Atempause – aber die Startbahnbewegung rang auf ihren Vollversammlungen -das waren Plena von bis zu 900 Menschen- um ihr Selbstverständnis und die politischen Ziele. Die Landtagswahlen waren nicht mehr weit.
Klar schien: Gelänge es nicht, die Waldabholzungen – noch standen zwei Drittel des Startbahnwaldes – zu verhindern, dann war der Bau der Piste kaum noch zu stoppen.
Für das Wochenende nach Wiederaufnahme der Rodung wurde zu einer Großdemo mit Platzbesetzung aufgerufen. Dabei gab es große Differenzen in der Gewaltfrage: Überzeugte Gewaltfreie wollten mit den Mitteln der militanten Gewaltlosigkeit im Sinne Gandhis tausendfach die Absperrungen überschreiten und so die Scharte vom „Nacktensamstag“ auswetzen. Auf der anderen Seite standen gut organisierte „städtische“ autonome Gruppen, die mit Massenmilitanz die politische Situation nutzen um gesellschaftlichen Verhältnisse radikalisieren und zuspitzen zu wollen. Und dazwischen standen Viele, die zur Wahl der Widerstandsform ein eher taktisches Verhältnis hatten…
Unter diesen Umständen gelang es nicht, eine gemeinsame politische Strategie zu finden. Man einigte sich schließlich auf ein gemeinsames Handlungskonzept: Die Besetzungsaktion wurde auf zwei Tage angelegt. Sie würde nach dem „Gewaltfrei, aber aktiv“-Konzept der regionalen BIs durchgeführt werden. Mit Sternmärschen sollte das Baugelände erreicht und Stacheldrahtverhaue massenhaft mit Teppichen überwunden werden. Militante Gruppen sollten den Vorstoß abdecken und sich anschließend an die Demontage der von Polizei und FAG im Wald errichteten Hinterlassenschaften -etwa angefangene Betonmauern- machen. Das Baulos 1 mit seiner quasi-militärischen Befestigung sollte dabei tabu bleiben. Die „Gewaltfreien“ sollten ihrerseits den Wald befestigen. Im Aufruf der BI Walldorf heißt es:

„Den Wald umgraben !“
-wenn wir den Startbahnwald Sonntagnacht verlassen (wir schlafen uns aus und kommen wieder) darf keine Schneise mehr als Fahrweg zu benutzen sein.
-alle Schneisen müssen Schlammlöcher sein, es müssen Gräben gezogen werden, tote Bäume fallen.
-wir errichten südlich der Aschaffenburger Strasse Hütten und Unterstände (über das gesamte Gelände verteilt)
-die Bäume im Startbahnwald werden ausnahmslos vernagelt (die Sägeblätter der Holzfäller müssen brechen), mit unserem Wald macht die FAG keinen Reibach
-wir errichten im Bereich der Aschaffenburger Strasse (Hauptzufahrt) eine symbolische Linie mit Palisaden
„samstag, der 30.1.1982, das muss der tag einer gewaltigen manifestation unseres wollens werden. wir verteidigen unseren lebensraum“

Am 20.1.1982 wies der Staatsgerichtshof in Wiesbaden den Antrag auf ein hessenweites Volksbegehren ab: Die Luftverkehrsgesetzgebung sei Bundessache. Am selben Abend demonstrierten 800 StartbahngegnerInnen an der Hauptwache und legten den Verkehr lahm. In der Woche darauf begannen die Rodungen für das Baulos 2. (Nur) etwa 1500 Leute stellten sich mit Blockaden und Baumbesetzungen dagegen. Demonstranten. Die Beteiligung ging täglich zurück. Es gab Knüppeleinsätze und Aktionen von agent provocateurs. Die Sanistation und das vierte Hüttendorf wurden von der Polizei geräumt.

25/26.1.: Besetzung Baulos 2

Dann kam der 30.1. Zur Grossdemo hatten u.a. der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, die Grünen Hessen und die Jungsozialisten Untermain aufgerufen. Die Demo wurde wegen zu erwarteten Gewalttätigkeiten vom Regierungspräsidium verboten. Trotzdem kamen etwa 15000 Menschen in den Wald. Die Polizei schätzt 7000. Sie fanden aber keine Polizeiabsperrungen vor. Die Polizei hatte sich taktisch zurückgezogen.
Während die „Gewaltfreien“ anfingen zu buddeln, vernageln und zu schanzen, orientierten sich die „Militanten“ an der Polizeikette vor der maroden Betonmauer von Baulos 1. Es kommt zu ersten Scharmützeln: „Die Demonstranten bewarfen die Beamten mit Farbbeuteln, erste Molotow-Cocktails flogen. Die Polizei setzte Schlagstöcke ein, worauf die Demonstranten sich zunächst in den Wald zurückzogen“ (FNP, 1.2.1982)
Später entwickelte sich in dem unwegsamen Gelände eine offene Schlacht, die hin und her wogte: „14.15 Uhr: Knüppel fliegen, im dichten Nieselregen rücken württemberische Polizisten 400 Meter vor. In einem Ausfall versuchen 20 Beamte, Signalpistolenschützen zu fassen, werden aber von Demonstranten umzingelt und laufen nach Handgemenge in ihre Kette zurück. 14.30 Uhr. Auf breiter Front werfen Startbahngegner Wurzelstöcke und Steine. Auf ihre Schilde schlagend geht die Polizei vor. „ (FNP, 1.2.1982)

Gegen 16 Uhr ist das gesamte Waldgelände von der Polizei geräumt, die Demonstranten evakuieren zahlreiche Schwerverletzte in den eigenen Reihen. Die Polizei spricht von 96 eigenen Verletzten, die BI zählt über 100 verletzte Aktive , teilweise mit schweren Kopfverletzungen, darunter eine Zwölfjährige.
Die Demonstranten sammeln sich in Frankfurt am Paulsplatz, die Formierung eines Demonstrationszuges wird mit brutalen Schlagstockeinsätzen verhindert. Am Sonntag kommt es zu einer Polizeiaktion in Walldorf, der sich über 500 Bürgerinnen und Bürger entgegenstellen.

Der hessische Innenminister Gries (FDP) machte „Grüne und Kommunisten“ für die Eskalation verantwortlich. Zudem griff der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Horst Winterstein, die Bürgerinitiative scharf an: Deren rechtswidriges Verhalten habe die Ausuferung der Gewalt verursacht. Dies sei „erschreckend und entlarvend“ (FR, 4.2)

Ein BI-Sprecher erklärte, man werde vorerst zu keinen grösseren Aktionen mehr aufrufen: „Personen, die von ausserhalb angereist seien, fehle vielfach das Verständnis für den gewaltfreien Grundkonsens in der Region“

Die Abholzung des Waldes zog sich noch über einen Monat hin und stiess auf faktisch keinen Widerstand mehr. Der „praktische Widerstand“ formierte sich erst im März mit den Sonntagsspaziergängen neu. Tatsächlich bildete sich durch die Startbahn-Kämpfe eine regionale militante Bewegung mit starken Sympathien bis ins bürgerliche Lager hinein aus.
Das Datum der Waldschlacht symbolisiert auch die Loslösung eines großen Teils der Anti-Startbahn-Bewegung von direkten Aktionen hin zum Parlamentarismus, aufbauend auf den hessenweiten Strukturen der Volksbegehren-Initiative.


1 Antwort auf “Vor 30 Jahren: Die „Waldschlacht“”


  1. 1 vega-lounge 12. Februar 2012 um 16:55 Uhr

    Eines hat der 30.1.1982 gezeigt: Eine verpasste historische Chance wie der „Nacktensamstag 7.11″ -als nicht nur die Polizeiabsperrung, sondern auch die Landesregierung wackelte-liess sich nicht zurückholen. Es war definitiv zu spät, weder gewaltfreie noch militante Aktionen konnten noch nennenswerten Druck auf die Landesregierung entfalten.
    Dies hing auch mit der Ablehnung des Volksbegehrens zusammen. „Flughafen ist Bundessache“ hiess es da. Auf den Schachzug des Staatsgerichtshofs, den Gesetzentwurf zur Beschränkung der räumlichen Ausdehnung des Flughafens als unvereinbar mit dem verfassten Recht zu erklären, fanden die Leute um Alexander Schubart keine politische Antwort. Der SPD-Linke und Jurist „Aschu“ Alexander Schubart, der durchaus das Zeug zum „Regional-Revolutionär“ hatte, war zudem durch massive Kriminalisierung in die Defensive („Verfassungsfeind“)gedrängt.
    Bereits bei der -einstimmigen- Ablehnung des Volksbegehren-Entwurfs durch den hessischen Landtag hatte Ministerpräsident Holger Börner die bundespolitische Bedeutung des Standortes Frankfurt betont. Diese unterstrichen auch die Emissionäre der Bundesregierung um Volker Hauff, welche die zaudernde Landesregierung nach dem 7.11 1981 wieder auf Kurs gebracht hatten.
    Dies ist auch heute noch aktuell – siehe Einfliegen von Angela Merkel zur Landebahneröffnung. Es unterstreicht die Notwendigkeit, sich bundesweit auf gemeinsame Forderungen zum Luftverkehr zu einigen.
    Das reicht aber auch schon nicht mehr, denn die Luftfahrtlobby ist längst europaweit -und am EU-Recht orientiert- dabei, ihre Interessen zu organisieren.
    Und da ist noch etwas anderes: Die sich formierenden Grünen von 1982 traten mit dem Ziel an, durch parlamentarische Arbeit gesellschaftliche Verhältnisse zu ändern. Letztlich waren es aber zuvorderst die Grünen , die von den realen (Macht-) Verhältnissen verändert wurden. 1999 war der Anti-Ausbau-Protest schlechter aufgestellt als 20 Jahre zuvor. Im Parlament mitspielen und parallel Protest gegen die eigenen Spielregeln organisieren, das nimmt kaum keiner ab.

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