Das Terminal 3 JETZT stoppen! (Vorsicht! Eine lange Geschichte mit kurzfristigem Handlungsbedarf)

November 2012-Ostwind. Ein Schatten huscht über die Wohnbebauung von Flörsheim. Er gehört zu einer A 340 der Lufthansa, die sich im Endanflug auf die neue Landebahn Nordwest befindet. Unten sammeln sich Demonstranten, um gegen die Verlärmung und den Abstieg ihrer Stadt zu demonstrieren. Wie viele mögen sich an die Zeit vor 32 Jahren erinnern?

Alles war schon einmal da. Es ist der 12.12.1980. Die Stadthalle ist von der Polizei abgesperrt. Die drohende Enteignung vor Augen, will das Stadtparlament den Gemeindewald an die Flughafen AG verkaufen. Sicher, nach 15 Jahren Rechtsstreit gilt die „18 West“ als ausprozessiert. Und die FAG hat der Stadt Flörsheim ein höchst unmoralisches Angebot gemacht: Zusätzlich zu den 34 für die Startbahn benötigten Hektar Wald will sie gleich noch 177 weitere Hektar zu einem guten Preis abkaufen.
Es kommt zu einer Saalschlacht, aber im Hinterzimmer wird der Deal besiegelt. Es gibt ja auch viele Vernunftargumente dafür. Die kommunale Abwehrfront gegen die 18 West aber ist durchbrochen. Und der Schritt wirft lange Schatten voraus…

Wenige Tage später: Im nun akut räumungsbedrohten Hüttendorf wird ein Flugblatt verteilt: „Bürger wacht auf“- Auch Bischofsheim will nun weit mehr Wald verkaufen, insgesamt 374 Hektar: Wozu dient dieser riesige Waldaufkauf? Gibt es noch weitere Ausbaupläne über die Startbahn West hinaus? „Die Startbahn West ist nur der Anfang – wehrt Euch!“

Die Startbahn West (welche den Vorzug gegenüber der Ausbauvariante einer dritten Parallelbahn bekommen hatte) wurde trotz des massiven Widerstandes gebaut. Aber schon während der Bauphase gab es Berichte von Luftverkehrsjournalisten: Das ist nur ein halber Ausbau, denn ohne Erweiterung der Landekapazität machen die Investitionen keinen Sinn. Da kommt noch was.

In Wiesbaden regierte nun als direkte Folge des Protests eine rot-grüne Landesregierung. Der Lohn der grünen Machtbeteiligung war der Verzicht auf die WAA und Biblis C, der Preis die Akzeptanz der Startbahn West. Um die Bevölkerung zu beruhigen, gab es zwei Bonbons: Nachtflugverbot für die 18 West und ein Bannwaldgesetz, welches weitere Rodungen um den Flughafen herum faktisch verhindern sollte.
Und ein drittes Bonbon: Billiges Fliegen. Eines der Argumente der Ausbaugegner war schon immer schwach, denn es war von den Prämissen der Politik abhängig: Die Behauptung, Ausbaumassnahmen seien nicht nötig, weil die Wachstumsprognosen übertrieben wären. Frachtraten, Passagierzahlen und Flugbewegungen wuchsen in den 80er Jahren nach einer Konjunkturdelle 1982 kontinuierlich an.
Im Jahr 1987 beschliesst die FAG unter ihrem Chef Erich Becker den Bau des Terminal Ost (heute: Terminal 2) und weitere Massnahmen „bis zum Jahr 2000″ für 5,3 Milliarden DM. Aber: „Eine Anpassung des Frankfurter Flughafen an den Verkehr von morgen ist möglich, ohne dass das System der Start und Landebahnen grundsätzlich verändert werden muss. Eine neue Bahn wird also nicht gebaut.“

Allerdings diskutieren Experten, darunter auch der SPD-Umweltpolitiker Dr. Kurt Oeser, längst darüber, dass der Airport wegen des „gegebenen Start und Landebahnsystems seit Jahren unter Problemen in den Hauptlandephasen leide“.
Auch in der Landesregierung wird darüber diskutiert, was passiere wenn sich „ab 2000″ das Passagieraufkommen verdoppele. Im März 1988 prescht die Lufthansa vor und fordert -der kalte Krieg ist vorbei- dass mit den Amerikanern energisch über die Freimachung von Air Base Gelände für eine neue Bahn im Süden verhandelt werde. Zur selben Zeit kommt es zu einem Waldtausch mit dem Land Hessen, welcher die FAG in den Besitz des „Krüppelwalds“ südlich des Airports bringt.
Tatsächlich kommt es in den 90ern zur Übergabe eines Teilgeländes der Airbase für die neue Cargo City Süd. Erster Wald fällt, zunächst innerhalb des Zauns. Die Ausbaudebatte läuft, unter der Regierung Eichel wird eine „Mediation“ eingerichtet, welche der Politik Vorschläge für die optimalste Ausbauvariante machen soll. Am 7. Februar 1999 kommt es nach erdrutschartigen Stimmenverlusten der Grünen zum Machtwechsel an Koch. Nun geht alles sehr rasch. Der Flughafen wird teilprivatisiert (FRAPORT), der Bannwald entbunden. Nachdem die Airbase nicht mehr für den REFORGER-Airlift benötigt wird, bauen Fraport und Landesregierung der US-Air Force deren Stützpunkt Ramstein aus und um. 2005 werden dann die Flächen von Gateway Gardens und der Airbase geräumt. Dafür behalten die Amerikaner Erbenheim. Entgegen den Empfehlungen der Mediatoren, fällt die Wahl der Landesregierung aber nicht auf eine neue Südbahn, sondern auf die Nordwestvariante. Damit hat nun die Startbahn West ihr Landebahnpendant. Kelsterbach und die Flörsheimer haben die Arschloch-Karte gezogen. Der lange Schatten voraus hat Flörsheim nach 30 Jahren eingeholt. Noch meinen die Frankfurt-Lerchesberger, aufgrund der Verhinderung der Variante Nordost wären sie keine Hauptbetroffenen.
Ausspielen und spalten, in der Mediation hat es funktioniert. Die BI-Aktivität halbiert und drittelt sich.

Mit der Nordwestbahn wird auch das Terminal 3 planfestgestellt. Damit sollen über 20 Millionen Passagiere pro Jahr zusätzlich abgefertigt werden können. Die neugewonnene Bahnkapazität soll abgeschöpft werden.
Am 20.1.2009 ist Baubeginn für das dritte Terminal. Bäume fallen nahe des Radarturms neben der Cargo City. Im Sommer 2009 muss die Fraport unter ihrem neuen Chef Schulte einräumen, dass das neue Terminal erst nach 2015 fertig wird. (Ursprünglich sollte es zusammen mit der Nordwestbahn kommen.) Infolge der Wirtschaftskrise fehle es vorläufig an Notwendigkeit und -vor allem- an Investitionskapital. Vorbereitende Massnahmen laufen trotzdem. Im Jahr 2011 wird der Bau wieder aufgenommen.

Infolge der Fluglärm-Demobewegung und der Forderung nach einer Kapazitätsbegrenzung gerät das Terminal 3 -endlich- wieder in den Fokus der Bürgerinitiativen. Noch ist der Bau unter wirtschaftlich vertretbaren Kosten abzubrechen. Aber das muss schnell passieren! Bei einer Begrenzung der Flugbewegungen auf 380.000 Flüge im Jahr ist es überflüssig (statt der von Fraport anvisierten 660.000)
Und nun kommen wir wieder zurück in das Jahr 1980. Was will der Flughafen mit fast 700 Hektar Wald? fragte damals die Bürgerinitiative. Nun, er dachte halt schon an die Zeit „nach 2020″. Es gab im Februar 2012 eine Meldung, die aufhorchen ließ: „Wegen Nordwind musste die Startbahn West gesperrt werden. Es kam zu Verzögerungen in den Hauptstartphasen.“ Nach all der Logik der vergangenen Jahre dürfen wir uns wohl schon bald auf die Entdeckung der „Startkapazitätslücke“ und die Forderung nach einer fünften Bahn im Süden gefasst machen.

Wenn die Ausbau-Logik nicht durchbrochen wird. Wie hätten die braven Flörsheimer Stadtparlamentäre der CDU (die SPDler durften nicht anwesend sein) 1980 wohl entschieden, hätten sie etwas mehr Phantasie gehabt wie es in Politik und Wirtschaft läuft?