Pfingsten 1983

Es gab mahnende Stimmen in der Bürgerinititiative: Geht da bloss nicht hin, die Gefahr einer gewalttätigen Konfrontation ist viel zu gross. Ihr wisst nicht, wer da mitmacht. Werdet ihr organisatorisch das Heft des Handelns in der Hand behalten? Oder doch die Gegenseite…..
Die Rede ist nicht von Blockupy 2012, sondern vom Pfingstcamp der StartbahngegnerInnen 1983. Schauplatz war nicht ein Zentrum der Bankenmacht, sondern ein Zentrum der Militärmacht, die US-Airbase…
Trotzdem wollten die etwa 400 TeilnehmerInnen des Zeltlagers auf dem Militärgelände demonstrieren. Geplant war, einzeln auf das Gelände einzusickern. Dort fand erstmals seit längerem wieder der traditionelle „Tag der offenen Tür“ der amerikanischen Luftwaffe statt. Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Gegen 15 Uhr wollten sich die Leute zu einem „symbolischen Massensterben“ auf den Boden legen – unter dem zweifelhaften Schutz der Öffentlichkeit durch die etwa 400.000 übrigen Besucher des Flugtages.
1983 war das Jahr der sogenannten „Nachrüstung“. Auch die Startbahn West wurde mit den Plänen eines führbaren, begrenzbaren Krieges in Verbindung gebracht, sowie der Möglichkeit, schnell Truppen einfliegen und amerikanische Zivilpersonen ausfliegen zu können. Für viele Mitglieder der autonomen Gruppen war die militärische Bedeutung des Flughafenausbaus der Hauptgrund, den Protest und Widerstand über die Waldrodung hinaus aufrecht zu erhalten.
Gegen 14 Uhr begann das Showprogramm, eine Kunstflugstaffel kanadischer F 104-Starfighter startete in kurzen Abständen unter infernalischem Gedröhn. Der Nervenkitzel war genau das, was die Leute haben wollten. Das war dann auch nett umschrieben die offizielle Begründung für die Schauflüge („Demonstration des Leistungsstandes des Militärs“) Allerdings war der einstrahlige Überschalljäger ein Kriegsgerät, kein Objekt um nette Tricks und Kunststückchen aufzuführen. Eine Maschine bekam im Langsamflug technische Probleme und schmierte ab. Vor den Augen des Publikums. Eine Rauchsäule, die Form einer Pilzwolke annahm, stieg auf.
Reaktion einer „Gaffer“-Familie: da hinten steht doch unser Auto! Einer anderen: „Ihr Startbahngegner habt die Maschine zum Absturz gebracht“. Das Die-In fand trotz Militärpolizei-Abriegelung tatsächlich noch statt, obwohl es von der Wirklichkeit überholt worden war.
Die „Demonstration fliegerischen Könnens“ hatte nämlich bereits 5 Menschen real das Leben gekostet. Die 3-Generationen-Familie Jürges aus Frankfurt hatte die Entscheidung, zum Ausflug in den Odenwald und nicht in den Taunus zu fahren, mit dem Leben bezahlt.
Pfarrer Jürges war ein typischer Vertreter der „68er“ Generation. Er hatte die Gutleutgemeinde gegen Widerstände zu einem Zentrum gemeinwesenorientierter Sozialarbeit gemacht.
Die sechste Insassin des Autos, 19-jährige Nichte Gesine Wagner aus Detmold, überlebte den Aufschlag zunächst. Sie erlitt schwerste Verbrennungen. Sie war eine typische Vertreterin der Friedensbewegungs-Generation der 80er, jenen Leuten mit lila Halstuch und BAP-Aufkleber auf dem Schulranzen. Heute im Jahr 2012 hätte sie vielleicht eine medizinische Chance. Damals -noch- nicht. Sie starb nach 50 Tagen an den Sekundärinfektionen, mit vollem Bewusstsein dessen, was passiert war.
Jedes Jahr Pfingsten wird an die Ereignisse erinnert, vor allem durch Mitglieder der Paul Gerhardt Gemeinde Niederrad und der Gutleutgemeinde Frankfurt. Ein Gedenk-Holzkreuz am Stadion steht -in zweiter Generation- heute noch.
1983 gab es den offiziellen Beschluss, Schauflüge in Frankfurt künftig zu unterlassen. Unter anderem, weil KlassenkameradInnen von Gesine Wagner eine Kampagne gegen Flugschauen starteten und Unterschriften sammelten. In Walldorf wurde später der Weg an der KZ-Gedenkstätte nach der Familie Jürges benannt.
Im Waldcamp 2008 gab es, etwas abseits, einen „Gesine Wagner Platz“. Der Gedanke war, dass sich vielleicht Besucher fragen würden, was es mit diesem Namen auf sich hat. Gesine Wagner war ein zufälliges Opfer dessen, das was Militärs als „Kollateralschäden“bewusst einkalkulieren . Es war nicht die Absicht , ihr Schicksal politisch „für den Wald“ zu instrumentalisieren. Niemand weiss, wie sie darüber gedacht haben würde. Das Beim- Namen- Benennen zeigt aber auf, dass es wichtig ist zu handeln, denn dies entscheidet mit darüber, wie mensch behandelt wird….


1 Antwort auf “Pfingsten 1983”


  1. 1 Helmut, Mainz 31. Mai 2012 um 13:19 Uhr

    Herzlichen Dank für diesen informativen Artikel.
    Es kann nicht oft genug an dieses schreckliche Ereignis von damals erinnert werden.
    Ich frage mich ehrlich wann es beim Frankfurter Flughafen wieder zu einem großen Unfall kommt, aufgrund der hohen Dichte der an- und abfliegenden Flugzeuge.
    Reduzierung und die Schließung der Landebahn Nordwest ist das Gebot der Stunde.

    Soli-Grüße
    Helmut

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