Die Frankfurter Rundschau und der 2.11.1987

Vor 25 Jahren wurden an der Startbahn West zwei Polizisten erschossen. Diesen Jahrestag nahm die FR zum Anlass, einen Nachwuchs-Journalisten eine Bestandsaufnahme schreiben zu lassen.

Wenn ein junger Journalist ein ihm fremdes Thema bearbeitet, geht er ins Archiv und macht sich ein Bild. Vielleicht wäre es aber doch besser, auch noch ZeitzeugInnen und altgediente KollegInnen (wenn es die noch gibt) zu befragen, um eine bessere Rundumschau zu gewinnen.
Sonst kann er schnell zu Schlüssen und Bewertungen kommen, welche den Quellen nicht gerecht werden. Besonders schwierig und auch peinlich wird es, wenn dann noch ein (ab)wertender, provozierender Schreib-Slang gewählt wird, um authentischer zu wirken.

Das liest es sich im Artikel „Todesschüsse in der Nacht“, auf den Frankfurt-Seiten F 8 und F 9 vom 2.11.2012 dann so:

….Frank .H. (konnte) die Polizei dann im März 1988 eher durch Zufall in Amsterdam verhaften…: Eine Dirne hatte versucht, den vermeintlichen Touristen aufs Kreuz zu legen.
Noch unappetitlicher war das, was ausserhalb des Gerichtssaales passierte. Die nach wie vor aktiven Startbahngegner bildeten einen eigenen „Untersuchungsausschuss“ – dessen grösste Leistung es wohl war, die Initiative „Anna und Arthur halten`s Maul“ zu gründen, deren Ziel es war, Aussagen vor Gericht und damit vermeintliches Denunziantentum zu verhindern. Das gelang ihnen nicht. Wie diese Leute tickten, kann man in einem Interview mit Aktivisten lesen, das 1991 in der „konkret“ erschien….

Das sollte so nicht stehenbleiben.

Das Datum “ 2.11. 1987″ ist ohne die Hüttendorfräumung am 2.11. 1981 und die Folgeereignisse nicht nachvollziehbar (ein Bezug, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Gegensatz zur FR hergestellt hat). Ob der Mauer-Aktionismus sechs Jahre danach politisch sinnvoll war, darüber lässt sich streiten- und wurde es auch damals schon. Aber Politik und Polizei wussten damals ganz genau, dass die Scharmützel der in Raten abzuzahlende Preis für die teilweise sehr gewaltsame Durchsetzung der 18 West waren.
Allerdings galt bei allen Aktionen, und das auf beiden Seiten, die Verwendung von Schusswaffen als Tabu- und Kulturbruch. Von „RAF-Methoden“, also von einer rechtfertigenden Ideologie, Menschen als reine Funktionmasken zu betrachten, wurde sich bei den Autonomen distanziert. Es gab einen Ehrenkodex, der sich beschreiben lässt als „Lasse den Gegner im Zweikampf vorher wissen, über welche Waffen du verfügst“.
In der militanten Szene hatte die vermeintliche oder tatsächliche Systemrelevanz von Aktionen, also wie stark etwa Sachbeschädigungs- und Sabotageaktionen „Sand im Getriebe“ darstellten, einen hohen Stellenwert.
Noch in der Nacht auf den 3. November starteten die Kripo und die Staatsanwaltschaft Frankfurt eine Offensive, deren Ziel nicht nur die Aufklärung der Startbahnschüsse, sondern auch ein Aufrollen der militanten Szene war.
Die Mitglieder der Szene wurden von den Ermittlern damit konfrontiert, unter Mordverdacht gestellt zu werden, wenn sie nicht hinsichtlich der Aufklärung der „Nebenstraftaten“ (etwa der Strommastanschläge) kooperierten.
In dieser Lager startete die Kampagne „Anna und Arthur halten das Maul“. Sie hatte zum Ziel, die Betroffenen zu schützen. Wer nicht gegen andere aussagt, belastet niemand. Und wenn dies konsequent durchgehalten wird, kommt er/sie auch nicht in die Lage, von anderen belastet zu werden.
Was an einer solchen Kampagne „unappetitlich“ ist, welche durchaus eine Abgrenzung von den Startbahnschüssen – gegen die Vernehmungsstrategie- beinhaltete, ist schwer nachzuvollziehen. Auch nicht, dass Leute falsch ticken würden, die sich zunehmend von Andreas E. distanziert hatten (wie im Konkret-Interview geschehen) .
Auch viele Autonome bewerteten die Schüsse moralisch als eine Mordabsicht. Andreas E.`s Verurteilung nur wegen Totschlags wurde als Justizdeal gewertet.
Allerdings fällt es bis heute schwer, der Person des Andreas E. gerecht zu werden – er war immerhin Mitglied eines Zusammenhangs, der auch einiges gemeinsam verantwortet hat. Und ob es nicht doch mit der Trennschärfe und der Kontrolle der Einhaltung des „Ehrenkodex“ schwierig wird wenn man sagt, die Verwendung einer Pistole für Signalmunition ist o.k., eine scharfe Waffe nicht. Die Faszination von und für Waffen hat eine Eigendynamik, so dass sehr viele dann davon für immer die Finger gelassen haben.


1 Antwort auf “Die Frankfurter Rundschau und der 2.11.1987”


  1. 1 vega 03. November 2012 um 20:02 Uhr

    2 Dinge fallen mir dazu ein:
    Zum einen hat die FR als linksbürgerliches Blatt wenn die Sprache auf die radikale Linke kommt sicherlich besonders großen Abgrenzungsbedarf. Mensch vergleiche nur die Hasstiraden die der selbe Stefan Behr zum Auftakt des RZ-Prozesses in Frankfurt schrieb.
    Zum anderen ist in bürgerlichen Medien immer wieder eine unglaubliche Wut greifbar, wenn Solidarität und Nicht-Kooperation gegenüber der Justiz organisiert wird – mensch vergleiche nur die Berichte über das Verfahren gegen Verena Becker.

    Ein besonderes Bonbon in dem FR-Artikel ist sicherlich auch die behauptete weitgehend friedliche Räumung des Hüttendorfes. Hier werden Bezüge nicht nur nicht hergestellt, sondern gezielt verwischt.

    Eine gelungene Aufarbeitung der ganzen Bewegung ist in meinen Augen das Buch „Tödliche Schüsse“ von Wolf Wetzel.

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