Bericht von der Räumung im Hambacher Forst

Lange erwartet und doch überraschend begann die Polizei am Dienstag mit Tagesanbruch die Räumung des Waldcamps. Ebenso wurde mit der Umzäunung des bedrohten Waldstücks begonnen. Was als maximal zweitägiger Einsatz geplant war, entwickelt sich inzwischen zu einem Räumungskrimi

Räumung erster Teil

Als die Räumung begann, befand sich nur die Stammbesetzung, ziemlich genau 20 Leute , im Camp. Die Polizei rückte mit starken Kräften, etwa 500 BeamtInnen an. Es gelang ihr sehr schnell alle Zugänge zum Wald abzusperren, so dass die alarmierten UnterstützerInnen ausgesperrt blieben.
Darauf liess sich die Polizei nach der Devise „Gründlichkeit und Sicherheit vor Geschwindigkeit“ Zeit. Einige Kilometer entfernt war im Bereich der Kohleverladung ein Bereitstellungsraum eingerichtet, aus dem schweres Gerät herangeführt wurde. Zuerst wurden eine Dreibein-Blockade geräumt und einige Barrikaden geschleift, um schliesslich eine Schneise für die Hubsteiger in den Wald zu schlagen.
Die Räumung am Boden, wo sich etwa zwei Drittel der Personen befanden, verlief bis auf einige kleinere Reibereien recht friedlich. Die Räumung mehrerer Bäume und Baumhäuser wurde gleichzeitig in Angriff genommen. Dabei wurde die Polizei in Amtshilfe von der Feuerwehr aus Kerpen unterstützt . Eine der Baumblockaden war eine Betonblock-Ankettaktion , bei deren Räumung Presslufthämmer zum Einsatz kamen. In einem anderen Fall lösten Polizei und Feuerwehr die Ankettung an einen tragenden Balken eines Baumhauses, indem sie die Konstruktion auseinandernahmen und den Balken herausschnitten. Eine weitere Einbetonierung mittels eines Rohrs scheiterte daran, dass der Beton noch nicht abgebunden war und sich abstreifen liess. Eine Person, die auf einer Traverse war, gelangte in einen hohen Baum und war für den Hubsteiger zunächst unerreichbar.

Die festgenommenen Leute wurden zu einer Gefangenensammelstelle in Köln verbracht und dort viele Stunden festgehalten. Durchweg erfolgte eine erkennungsdienstliche Behandlung, die mehrfach auch mit körperlichem Zwang durchgesetzt wurde. Alle festgenommen Personen wurden mindestens wegen Hausfriedensbruch von der RWE angezeigt und zudem mit einem dreimonatigem Betretungsverbot des Waldes belegt, bei Zuwiderhandlung ist eine empfindliche Geldbusse angedroht. Die Leute, auch die ohne EU-Pass, kamen im Lauf des Tages wieder frei und wurden von UnterstützerInnen empfangen und versorgt. Mittlerweile werden schwere Vorwürfe bezüglich Misshandlungen durch die Polizei erhoben.

Es gab noch am Dienstag und dann auch am Mittwoch Soli-Aktionen in mindestens sieben Städten. Die grösste war die Blockade der RWE in Köln-Marsbach, wo es zu mehreren Festnahmen kam.
Unterdessen wurde vor der Polizeiabsperrung am Hambacher Wald eine Mahnwache eingerichtet, die als Anlaufstelle für UnterstützerInnen fungierte. Abends wurde die Polizeiaktion unterbrochen- aber noch immer befanden sich drei Besetzer im Camp.

Räumung zweiter Teil

Nachts um zwei musste einer der verbliebenen Baumbesetzer aufgeben – nicht alle hatten sich in der Räumungshektik mit Thermowäsche, Schlafsack und Hängematte ausrüsten können. Die Temperaturen lagen nur knapp über dem Nullpunkt.
Am Mittwochvormittag wurde mit Hebebühnen der letzte Baumbesetzer abgeräumt. Er wurde zur Beobachtung in ein Krankenhaus gefahren und anschliessend auf Zeit in die Gefangenensammelstelle verbracht.
Jetzt war nur noch ein Tunnelbesetzer übrig. Ein Aktivist hatte unter dem Wohnturm ein sechs Meter tiefes Labyrinth mit einer Belüftung und einer Lock-on-Einrichtung besetzt. Dieses Erdloch war so konstruiert, dass es ohne Abriss des Turms und ohne manuelles Ausschachten faktisch nicht räumbar war, wollte man die Sicherheit des Angeketteten nicht gefährden.
Die taktischen Massnahmen der Polizei waren weiterhin sehr restriktiv, die Berichterstattung der Medien wurde durch massive Bewegungseinschränkung stark beeinträchtigt. Ebenso wurde dem Tunnelbesetzer lange Zeit die Kommunikation mit einer Vertrauensperson verweigert. Dies änderte sich durch den Druck der Oeffentlichkeit, bestärkt wohl auch durch die Einsicht, dass eine Kooperation des Tunnelmenschen nicht erzwingbar war.
Nachdem die Räumung bei den Fernsehanstalten nur in der Regionalberichterstattung Thema gewesen und eigentlich bereits abgehakt war, bekam sie durch die Ausdauer des unterirdischen „Endgegners“, wie ihn die Besetzis ironisch nannten, neuen Nachrichtenwert.
Zur Vorbereitung der Räumung wurden Expertenteams der Grubenwehr Herne, des Technischen Hilfswerks und der Bundespolizei herangeführt. Mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Arbeiten unterbrochen. Vom Tunnelmenschen war zu erfahren, es ginge ihm abgesehen von einem Schlafdefizit recht gut.
Die Mahnwache an der Polizeisperre entwickelte sich zu einem Anlaufpunkt für Medienvertreter und für zahlreiche Anwohner aus Buir und den Nachbardörfern.
Am Donnerstag wurde mit dem vorsichtigen Abtragen des Wohnturms begonnen. Die Berichterstattung über die spektakuläre Tunnelaktion kippte in die Richtung, dem Besetzer selbstgefährdendes Handeln vorzuwerfen. Am Nachmittag gaben Aktivisten an der Mahnwache deshalb ein Statement für das Fernsehen ab, in dem die Beweggründe und politischen Ziele des Aktivisten (wer gefährdet hier wen?) übermittelten. Ein weiteres Statement, das in die selbe Richtung geht, findet sich hier.

Aktualisierung:

Auch am Freitagvormittag war die Räumung des Tunnels noch nicht abgeschlossen. Das Gebäude ist inzwischen soweit möglich und nötig abgetragen.
Der Tunnelbesetzer befindet sich in einer Konstruktion, aus der er sich offenbar nicht ohne Unterstützung lösen kann. Es ginge ihm „den Umständen entsprechend gut“. Zumindest zeitweise soll die Polizei eine Kommunikation mit Bezugspersonen unterbunden haben.

Es wird Technik eingesetzt, die ansonsten bei der Bergung von Verschütteten zum Einsatz kommt. Dabei wird eine Art Rettungsstollen seitlich herangetrieben. Das freigelegte Erdreich scheint abgesaugt zu werden, um die Erschütterung durch Baggern zu vermeiden.

Die Ex-Besetzer haben vergeblich argumentiert, eine sichere Bergung sei nur durch eine Aufweitung der bestehenden Anlage möglich, in England sei diese Räumungsweise wiederholt praktiziert worden und werde dort von einer privaten Spezialfirma ausgeführt. Diese könne auch für Hambach angefordert werden.

Weitere Aktualisierung:

Die Räumung ist abgeschlossen, der Besetzer wurde anscheinend gegen seinen Willen aus dem Schacht geholt. Er konnte sich nach Darstellung der Räumungskräfte in dem selbstgebauten System frei bewegen .Dies bedeutet, dass der „Waldmensch“ (Bild-Zeitung) die ganze Zeit die Situation unter Kontrolle gehabt haben dürfte und er nicht zu rettendes Opfer, sondern politisch handelndes Subjekt war- und ist !