Dachschäden

In einem politisch nicht ganz korrektem Kommentar hat der Rundschau-Redakteur Jürgen Ahäuser den Flughafenausbaugegnern innere Gespaltenheit und Inkonsequenz vorgeworfen. Das Leitungsteam der Bürgerinitiative setzt derweil auf Einigkeit: „Wir lassen uns nicht in Alt- und Neubetroffene spalten“.
Die Fraport bietet derweil in demonstrativer stoischer Ruhe sowohl den Flörsheimern als auch den Raunheimern ein Dachinspektionsprogramm an.

„Einig für sich selbst“ betitelt der Rundschau-Redakteur seinen Artikel, mit dem er einen Bericht über politische Schlagabtäusche in Folge des Air-India-Wirbelschleppenvorfalls in Flörsheim kommentiert.
Was da steht, ist nicht sehr angenehm zu hören. Und doch ist es genau die Meinung, die dort um so mehr verbreitet ist, wo der Fluglärm weniger ist: „Die Leute rennen zur Montagsdemo und fordern die Vernichtung von Arbeitsplätzen, auch wenn sie es anders nennen“. Die Kommunalpolitiker schimpfen über den Lärm, werben aber gleichzeitig mit der Flughafennähe um Gewerbe“.
Es ist wahr, dass die Trennlinien nicht so klar sind. Sie können es aber auch gar nicht sein. Wenn es um „Lärmumverteilung“ geht, ist die Auseinandersetzung vorprogrammiert. Ebenso, wenn PolitikerInnen bestimmten Klientel verpflichtet sind.
Und eben Wirtschaftsinteressen. Darüber schreibt die FR aber nichts.

Eskaliert war der Streit über eine Auseinandersetzung zwischen Raunheims Bürgermeister Thomas Jühe und Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink, die bereits vor der Inbetriebnahne der neuen Bahn begann.
Michael Antenbrink bezeichnete Raunheim in einem Presseinterview als eine Stadt, in der es Beispiele für beginnende Ghettoisierung gäbe. Thomas Jühe hielt dagegen, seine Kommune erlebe einen Aufstieg, meinte aber auch, seine Nachbarn müssten einen gewissen Abstieg akzeptieren: „Eine soziale Oberschicht ist in Flörsheim wohl langfristig nicht zu halten, geschweige denn anzusiedeln.“

In der Auseinandersetzung um den Wirbelschleppenvorfall warf Jühe den Nachbarn jenseits des Mains vor, mit der Forderung nach Schliessung der Bahn mit Argumenten, die für Raunheim noch stärker gälten, die Altbetroffenen zugunsten der Neubetroffenen ausspielen zu wollen.

Er sprach den Flörsheimern auch die moralische Legitimation ab, für ein öffentliches Gesamtinteresse zu sprechen: „Die Schliessung einer anderen Bahn [gemeint ist wohl die Südbahn] könnte den Flugverkehr effektiver beschränken als eine Stillegung der Nordwestbahn.“

Natürlich ist das reine Rhetorik, was viele Fluglärmbetroffene gegen Jühe aufbringt. Sein Ziel ist es nicht, den Flughafen als Haupterwerbsquelle „seines“ Raunheims abzudrehen. Jühe wird in seiner Doppelfunktion als Bürgermeister und als Vorsitzenden der Fluglärmkommission denn auch vorgeworfen, in letzterem Amt nicht objektiv sein zu können.

Die Bürgerinititiative gegen die Flughafenerweiterung reagierte auf der jüngsten Montagsdemo denn auch auf den Streit: Wenn die Nordwestbahn nicht mehr für mittelschwere Flugzeuge zugelassen wird, dann fordere sie das auch für die anderen Bahnen, wenn dort die Sicherheitsprobleme die gleichen seien. Spätestens dann hätte Fraport ein richtiges Problem.

Der Konflikt wurde mit viel Rhetorik und Wahlkampfkanonendonner geführt („Ignoranz und Arroganz“), wobei den Flörsheimern, die sich eher passiv verhielten, die Frankfurt-Sachsenhäuser beisprangen. Die fordern schon seit einigen Monaten den Rücktritt von Jühe als Vorsitzender der Fluglärmkommission.

Seit jeher wurden die Kommunen rund um den Flughafen von der Flughafen AG und später der Fraport gegeneinander ausgespielt, ebenso von der Landesregierung. Es ist positiv zu bewerten, wenn die Kommunen und die örtlichen Initiativen ein eigenes Interesse formulieren. Eine Ortschaft, die sich nicht mehr entwickeln und nicht mehr wachsen kann -wie Flörsheim- muss sich wehren. Wichtig ist dabei eine Kooperation mit anderen Betroffenen.
Notwendig ist, dass die Kommunen einen gemeinsamen Anti-Ausbau Grundkonsens einnehmen. Im Zuge des Mediations- und Planfeststellungsverfahren haben sie einen Tabubruch begangen, als sie sich auf eine Ausbaudiskussion und eine Standortauswahl eingelassen haben.
Die Bürgerinitiative hat sich auf eine Einbindung in die Variantendiskussion nicht eingelassen und daher auch den Ausbau mit moralischer Integrität überlebt- was sie befähigt hat, den Protest nach der Landebahneröffnung im gemeinsamen Interesse neu zu organisieren. Insofern ist die der Titel der Rundschau-Kolumne „Einig für sich selbst“ durchaus positiv zu wenden.

Die Nervösität, welche die Forderung nach Betriebsbeschränkungen u.a. in Raunheim ausgelöst hat, zeigt: Die Montagsdemos mit ihrer Kernforderung nach Schliessung der Nordwestbahn haben deutlich politische Wirkung gezeigt.
In der Landespolitik hat sich ausser den Linken aber bisher keine Partei die Forderung offen zu eigen gemacht. Offenbar fürchtet man, nach dem Streit um die Flugtrassen könne sich ein Streit um die Nutzung der Bahnen entwickeln – etwa die Forderung einer Stillegung der Startbahn West, oder auch einer Südverlagerung des Flughafens.
Unklar ist aber, welche weitere Forderungen über „Deckelung der Flugbewegungen“ und „Kein Terminal Drei“ hinaus die AusbaugegnerInnen verbinden. Es muss einen Alternativplan zur Entwicklung der Region unter verringerter Abhängigkeit vom Flughafen geben. Momentan arbeiten fast alle Kommunen auf eine Verstärkung dieser Abhängigkeit hin – ohne das sich gross Protest regt. Da hat die „Rundschau“ recht.


1 Antwort auf “Dachschäden”


  1. 1 Medienkritik 22. April 2013 um 0:19 Uhr

    Das ist Floriansprinzip auf FAZ-Niveau.

    Deswegen entgeht dem Verfasser auch dass der Flughafenwiderstand dort erfolgreich ist wo sich eigene Lärmreduzierungsinteressen mit einer generellen Kritik an der Verspieltheit des Betriebsmodells verbinden. Weil der Flughafen keine Arbeitsplätze schafft sondern nur zusammenrafft wird seine Gesundschrumpfung sie auch nicht abbauen sondern wieder verteilen. Nur Journalisten die so ratloses und unsolidarisches Zeug schreiben werden dann nicht mehr gebraucht. Und Dachdeckern überflüssige Arbeit zu machen ist kein Argument.

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