Abgehoben: Der „neue Flughafen Istanbul“

Den 3. Mai 2013 dürften die Fraport-Manager nicht in besonders guter Erinnerung behalten. An diesem Tag fand in Ankara die Bieterauktion für die Ausschreibung des dritten Istanbuler Flughafens statt. Die Fraport ging dabei -wohl aus politischen Gründen- leer aus. Das Flughafenprojekt ist zentrales Element einer ganzen Reihe „verrückter“ ( O-Ton Tayyip Erdogan) Großprojekte.

Eigentlich sah für das türkisch-deutsche Bieterkonsortium IC Ictas/Fraport bis kurz vor der Auktion alles blendend aus. So blendend, dass der türkische Verkehrsminister die Ausschreibungsbedingungen lockerte: Von nun an wurden auch Bietergemeinschaften von mehr als drei Firmen zugelassen und eine mindestens 51 prozentige Majorität einer Firma war nicht mehr notwendig.

Bei der Veranstaltung in Istanbul stieg der Bewerber Maykol bei etwa 8 Milliarden aus , die Bewerber TAV Operations (Betreiber des Istanbuler Atatürk-Flughafens ) und IC/Fraport zogen bei 22,1 Milliarden Euro die Reißleine. Damit gewann ein Konsortium aus fünf türkischen Baufirmen (Cengiz/Kolin/Limak/Mapa/Kalyon) mit schliesslich 22,152 Milliarden Euro die Ausschreibung.

Damit hat sie nun das Recht erworben, den Grossflughafen zu bauen und 25 Jahre lang (mit staatlich garantierten Mindesteinnahmen) zu betreiben. Dann fällt der Airport an den Staat.
Dieses PPP (public private partnership)- Modell heisst „BOT“ (build-operate-transfer) und ist beispielgebend für die Verflechtung von Wirtschaft und Politik in neoliberalen Wirtschaftsbezügen. Die staatlichen Instanzen sind nun verpflichtet, dem von oben verordneten Projekt -auch gegen Widerstände aus der Bevölkerung- zum Erfolg zu verhelfen.

Dass die Fraport -trotz oder auch wegen der undemokratischen Um- und Zustände- mitgeboten hat (sie bot bereits im „closed envelope“ Vorverfahren 20 Milliarden) hat gute Gründe:


Der neue Flughafen soll im Norden Istanbuls nahe der Schwarzmeerküste entstehen und den stadtnäheren, nicht mehr erweiterbaren Atatürk Airport ersetzen. Er soll in der Endausbaustufe sechs Startbahnen und ein Gelände von 7695 Hektar umfassen. Das Ziel ist, ab 2017 nach nur 42 Monaten Bauzeit bis zu 90 Millionen , später sogar 150 MillionenPassagiere/Jahr abfertigen zu können.
Der Flughafen soll zum Heimat- Drehkreuz von Turkish Airways werden, die bis 2020 zur „größten Airline der Welt“ mit 400 Maschinen wachsen will. Begünstigt durch seine weltweit zentrale Lage soll der Airport zu den fünf oder sechs größten der Welt werden. Dabei soll er als Motor für eine gigantische Erweiterung der Stadt Istanbul dienen: Eine neue Flughafencity könnte, über eine (umstrittene) dritte Bosporusquerung, eine Ringautobahn und eine Schnellbahn an Innenstadt und Hinterland angebunden werden – und dabei gigantische Investitionsräume für die Wirtschaft eröffnen. Gepusht werden soll dies mit einer Bewerbung um die Austragung von Olympia 2020.
Geplant ist auch ein neuer Bosporus-Kanaldurchstich nebst Hafen in Flughafennähe.
Die Pläne beruhen weitgehend auf der Initiative des Ministerpräsidenten Erdogan. Sie gehen zumeist auf die Zeit zurück, als er Bürgermeister von Istanbul war.
Nicht so der Flughafen. Der dritte Flughafen taucht erstmals in einem Infrastruktur-Memorandum der Europäischen Union auf, welches den Investitionsrückstand bei der Anpassung der Infrastruktur an EU-Standards im Jahr 2008 auf ca. 20 Milliarden Euro schätzte.

Eigentlich ist in dem dicht besiedelten Umland Istanbuls überhaupt kein Platz für einen Großflughafen. Stadtplaner haben deshalb den Ausbau des 135 Kilometer westlich gelegenen Flughafens Terkidag oder des Sabiha Gokcen Airports (auf asiatischer Seite) empfohlen. „Atatürk“ könnte dann nach dem Vorbild von Berlin Tempelhof rückgebaut werden.

Über den von der Regierung festgelegten Standort an der Schwarzmeerküste urteilt die durchaus dem religiösen Lager zugehörige Zeitung „Todays Zaman“: „Das erste was hier abfliegen wird, ist die Umwelt“. Es handelt sich um ein ehemaliges Braunkohleabbaugebiet – hier versorgte sich früher die Metropole Istanbul mit billigem Brennstoff. Das Gelände hat sich, von stehenden Gewässern durchzogen, selbst renaturiert. Es gilt zusammen mit dem Terkos-See als grüne Lunge und als Trinkwasserreservoir der Stadt. Außerdem ist es wichtiger Rastplatz für den Vogelzug, etwa dem der Ostroute des Weißstorchs. Nach gegenwärtiger nationaler Natur- und Wasserschutzgesetzgebung dürfte auf dem Gelände gar nicht gebaut werden.

Für den Bau in sind gigantische Erdbewegungen erforderlich, es wird von 2.500.000.ooo Kubikmetern ausgegangen. Ein forstwissenschaftlicher Untersuchungsbericht geht davon aus, dass von den benötigten 7660 Hektar insgesamt 6170 Hektar bewaldet sind – und schlägt die Verpflanzung von genau 1855391 Bäumen vor. Unmöglich und auch unbezahlbar, so Kritiker der Universität Istanbul.
Präsident Erdogan sagt dazu: „Für jeden gefällten Baum in Istanbul pflanze ich fünf neue“.

Ungeklärt ist auch noch die Lage der Startbahnen und Bewältigung der metereologischen Bedingungen (häufiger Nebel vom Meer).
Kritiker befürchten unkalkulierbare Baurisiken (es wird explizit auf „BER“ verwiesen). Die Firmen müssen jährlich eine Milliarde Euro Franchise-Miete bezahlen, Folge könnte eine Pleite der Erbauer sein .

Da kommt auch der neue bürgerschaftliche Protest in Istanbul, der eine gerichtsfeste Revision und transparente Offenlegung aller Erdogan-Projekte fordert, sehr ungelegen. (Siehe etwa deutsch-türkische Nachrichten vom 15.07.) Eine der grundlegenden Forderungen ist eine Demokratisierung und Dezentralisierung der zentralistischen Regierungsstruktur. Über den Flughafen gab es keine öffentliche Debatte. Die jetzt aber in Istanbul und direkt betroffenen Gemeinden wie Arnavutkoy oder Silivry anlaufen könnte.

Erdogan sieht in dem Protest eine Verschwörung des Auslandes, um über einen Zinskomplott die Nationalwirtschaft zu ruinieren. Die Proteste in den Städten, ausgeführt von „Lumpen“, seien von außen beeinflusst und gesteuert. Allerdings ist die Kriminalisierung des Protests nicht mehr so einfach. Anfang der 80er Jahre verschwanden politisch Aktive noch ohne Verfahren im Gefängnis. Heute lässt sich der Vorwurf der „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ gegen die Taksim-Solidaritäts-Plattform nicht mehr so einfach halten.

Erdogan, welcher der aufbegehrenden Jugend ein sittsames, alkoholarmes und fortpflanzungsreiches Leben vorschreiben will, gerät in die Zwickmühle: Gleichzeitig die liberale, nachwachsende Elite zu bedienen und auch die TraditionalistInnen, ist schwer zu machen. Aber viele seiner Projekte würden sicher auch von seinen politischen ErbInnen weiterbetrieben, falls er irgendwann abtritt.

So wartet auch Fraport auf eine weitere Chance. Neben fähigen Bauleitern, welche die Türkei vielleicht hätte, würden ja irgendwann auch Troubleshooter und Betreiber benötigt, so dass sie ihr Know How weiter anbiete. Man gab auf die Worte des türkischen Verkehrsministers Binali Yildirin „Es war ein faires und transparentes Bieterverfahren“ dann auch keinen Kommentar ab.

Immer mehr zeigt sich, das die Erschließung eines Netzes von Großflughäfen mit der Globalisierung, der Organisation der Arbeitsteilung und der Warenströme eng zusammenhängt. Es geht um eine massive Gesamtsteigerung, gekämpft wird zwischen den Flughäfen um die Verteilung der lukrativen Teuer- und der Billigverkehre. Stimmen aus der Bürgerinitiative, es wäre gut wenn Istanbul 3 käme, weil dann die Landebahn Nordwest zugemacht werden könnte, gehen an der Realität vorbei. Wahrscheinlicher wäre da noch eine Aufhebung des Nachtflugverbots zur Steigerung zögerlicher Auslastung.
Es sei denn, die im Wirtschaftssystem angelegte Ausbaulogik wird durchbrochen. So gilt weiter : „Stop airport expansion worldwide“ – sowohl in Frankfurt wie in München und auch in Istanbul.


1 Antwort auf “Abgehoben: Der „neue Flughafen Istanbul“”


  1. 1 Aufschub für „Istanbul 3″ « Waldbesetzung Pingback am 12. Februar 2014 um 22:10 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.