Umwelthaus Kelsterbach – Wenn Aktionäre informieren

Ende April öffnete in Kelsterbach das Umwelthaus seine Türen. In einer Ausstellung will es den Konflikt um den Flughafenausbau dokumentieren. Dabei sollen die unterschiedlichen Positionen neutral wiedergeben, ein Dialog angestoßen werden. Dieser Anspruch ist mit größter Skepsis zu sehen (wir berichteten), denn tatsächlich passiert hier etwas anderes: Akzeptanzbeschaffung für den Flughafen, dezent aber mit viel Aufwand. Ein Rundgang mit Hintergründen.

Das Umwelthaus ist auf eine Anregung des Regionalen Dialogforums (RDF) hin entstanden. Beim RDF handelt es sich seinerseits um die Fortsetzung des Mediationsverfahrens zum Flughafenausbau. [1] Das Mediationsverfahren von 1998-2000 sollte durch Einbindung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen einen möglichst störungsfreien Flughafenausbau gewährleisten. Da der Ausbau von Anfang an feststand, wurde das Verfahren von den über 40 damals bestehenden Bürgerinitiativen boykottiert. Sechs der teilnehmenden Kommunal-Vertreter haben das Ergebnis (Flughafenausbau mit Auflagen) abgelehnt. [2] [3] [4]

Das Umwelthaus ist organisatorisch eingebettet in das Forum Flughafen und Region. Träger des Ganzen ist die gemeinnützige Umwelthaus GmbH, deren einziger Gesellschafter das Land Hessen ist. [5] Das Land Hessen ist größter Fraport-Aktionär. [6] Man stelle sich einmal vor, die Deutsche Bank wäre größter Anteilseigner der Fraport AG und würde ein Informationszentrum einrichten, um die Positionen aller am Flughafen streitenden Konfliktparteien neutral wiederzugeben. Würde das irgendwer glauben? Zugegeben: Der Vergleich hinkt. Die Deutsche Bank wäre neutraler. Denn das Land Hessen profitiert zusätzlich von den Steuereinnahmen aus dem Flughafenbetrieb und schafft aktiv den politischen Rahmen, um den Flughafen zu betreiben und auszubauen.

Diese versteckte Parteilichkeit des Umwelthaus zeigt sich auch an seinem Vorstand. Dieser besteht aus Oliver Quilling, flughafenkritischer CDU-Landrat von Offenbach, Fraport-Vorstand Peter Schmitz und Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner als -laut Umwelthaus- „neutrales Mitglied“. [5] Letzterer ist so neutral wie das ganze Umwelthaus.

Johann-Dietrich Wörner ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). [7] Die Luftfahrtforschung des DLR umfasst zwar auch die Arbeit an leiseren und weniger klimaschädlichen Flugzeugen. Insgesamt verfolgt sie aber andere Ziele: „Vorrangiges Ziel der DLR-Luftfahrtforschung ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der nationalen und der europäischen Luftfahrtindustrie und Luftverkehrswirtschaft zu stärken […]“ Konkret heißt das: „Steigerung des europäischen Flugverkehrsaufkommens auf 16 Millionen Flüge pro Jahr“. [8]
Damit ist eigentlich klar, auf wessen Seite Herr Wörner steht. Mit dem Ergebnis der Mediationsverfahren d.h. dem Bau der Landebahn mit all ihren Folgen war er zufrieden. 2011 hat er sie so beschrieben: „Auf der einen Seite Ausbau, mehr Verkehr, auf der anderen mehr Ruhe.“ Vor seiner Vorstandstätigkeit für das Umwelthaus war er Leiter des Regionalen Dialogforums. Auch im Konflikt um Stuttgart 21 hat er versucht, durch Gespräche den Protest mundtot zu machen. [9] [10] [11] Auch in Stuttgart haben Projektgegner den Dialog unter seiner Leitung abgelehnt, weil die Durchsetzung des Projektes nie zur Debatte stand. [12]
Herr Wörners politische Philosophie ist beispielhaft für das Umwelthaus: Statt „Politik durch Macht“ ist er ernsthaft für eine wesentlich stärkere Einbeziehung der BürgerInnen, aber unter einer nicht diskutierbaren Bedingung: „Wir brauchen Infrastruktur, Straßen, Stromnetze, Abwasseranlagen.“. [10] Letztlich ist es egal, um was für Infrastruktur es geht, denn entsprechende Konflikte werden immer erst durch Begehrlichkeiten der Wirtschaft angestoßen. Solchen Projekten steht regelmäßig das Interesse der Geschädigten an Selbstbestimmung über ihre Umwelt im Weg. Durch den von Herrn Wörner propagierten Politikstil wird dieses Interesse entschärft und im Kapitalinteresse kanalisiert. Anstatt konsequenterweise den Konflikt zu suchen, zerbrechen sich die Leidtragenden im Sinne der Kapitalisten den Kopf. Aber welches Interesse haben AnwohnerInnen von Flughäfen an den absurden Warenströmen der globalen Konzerne (Stichwort Tempowahn), warum soll den durch neue Stromtrassen Geschädigten der Energiebedarf der Rüstungsindustrie am Herzen liegen? Interessenunterschiede werden durch Dialog verwischt, parteiische Profiteure geben sich so neutral und gemeinwohlorientiert. Das alles findet sich bei einem Rundgang durch das Umwelthaus wieder.

Wer den eher unscheinbaren Bau betritt, wird auch kritische Argumente zum Flughafen finden, wird nur gelegentlich auf Texte stoßen, die direkt aus der Fraport-PR stammen könnten. Die Manipulation der BesucherInnen erfolgt meistens subtiler. Umso schlimmer, dass hier auch Schulklassen durchgeschleust werden sollen. [13] Möglicherweise sogar der Hauptzweck des Hauses – denn ansonsten wirkt es (nach Augenschein aus diesen Tagen) nicht besonders gut besucht.

Eine halbwegs vollständige Wiedergabe der einzelnen Themenräume ist verzichtbar. Lohnender ist ein Blick auf die Methoden, mit denen die Ausstellung arbeitet:

Manipulative Emotionalität
Das Umwelthaus betont immer wieder Interesse an einem sachlichen Dialog. In krassen Kontrast dazu wird an verschiedenen Stellen versucht, jenseits aller Argumente durch pure Manipulation ein flughafenfreundliches Bauchgefühl zu erzeugen.

Der erste Raum etwa soll sich mit der Geschichte des Flughafens befassen (ohne Hinweis auf das KZ-Außenlager). Dazu wird ein Film gezeigt. Die Leinwand umfasst drei Wände des großen Zimmers, die Bilder wechseln schnell, völlig hoffnungslos alles zu erfassen was da gezeigt wird, keine Chance das Gesehene zu reflektieren. Es wird penetrant Musik eingesetzt, um Emotionen zu erzeugen. Mit diesen Methoden arbeitet minutenlang die erste Sequenz, das Erste, was überhaupt in der Ausstellung gezeigt wird. Motto: „Faszination Fliegen“.

Ein weiteres Beispiele aus dem Themenraum Luftfracht: An die Wand wird eine Visualisierung der im Laufe eines Tages von Frankfurt abgehenden Flüge projiziert. Die Darstellung ist mittels Perspektive, Farbe, Licht, Rhythmus und fehlender akustischer Unterlegung so arrangiert worden, dass der Eindruck eines funkelnden Diamanten entsteht – der plötzlich während der Stunden des Nachtflugverbots gewaltsam eingefroren wird.

Im selben Raum kann ein Vortrag über die Entwicklung der Luftfracht, das Hub-System und die Bedeutung der Nachtstunden angehört werden. Abgestimmt zu den Flugzeugsitzen auf denen Platz genommen wird, ist der Text von einer warmen, freundlichen Stimme im Stil von Ansagen einer Stewardess eingesprochen. Es wirkt ziemlich grotesk, wenn in diesem Tonfall die Bedeutung der Luftfracht für die Kriegsmaschinerie der Nazis erwähnt wird. Trotzdem wurde nur an einer Stelle des Vortrags eine kühlere Tonlage gewählt – als es um das Nachtflugverbot geht.

Vorgetäuschte Parallelen
Wo es tatsächlich um Argumente geht, ist ihr Kontext meist manipulativ. Statements von BefürworterInnen und KritikerInnen werden bezugslos nebeneinander gestellt. Welche Interessen die Sprechenden vertreten, ob die genannten Fakten objektiv richtig sind, welche Bedeutung und Konsequenzen ihre Ziele haben wird meist mit keiner Silbe erwähnt. Dadurch wirkt alles gleich richtig und wichtig, etwa die hauptsächlich virtuell existierende Fraport-Lobbygruppe „Pro Flughafen“ und der BUND als einer der größten deutschen Umweltverbände. Es ist bei weitem nicht der einzige Fall, dass so Organisationen und Argumente der Ausbaubefürworter aufgewertet werden. Ein weiteres Beispiel aus dem Einstiegsfilm:

In einer ganzen Serie von Einstellungen werden nebeneinander Bilder der Montagsdemos und der „Ja zu Fra“-Kundgebung eingespielt. Die inzwischen 68 Montagsdemos und weitere Mahnwachen werden seit vielen Monaten rein ehrenamtlich von Fluglärmbetroffenen organisiert, gestaltet und besucht, Veranstalter sind die Bürgerinitiativen. Die einmalige „Ja zu Fra“-Kundgebung wurde von einer PR-Agentur organisiert, die sich auf die Zusammenarbeit mit Diktatoren und großen Umweltsündern spezialisiert hat, Initiatoren waren die Fraport und Airlines, teilgenommen haben vor allem abhängige Beschäftigte dieser Firmen, sehr häufig unter Druck und Anreizen ihrer Arbeitgeber. (Unsere damaligen Berichte: Nr 1, Nr 2, Nr 3, Nr 4, Nr 5)
Dieses Wissen, über das kaum ein unvoreingenommener Besucher verfügt, wird in dem Film komplett unterschlagen. Stattdessen wird gezielt der Eindruck zweier gleichwertiger Kundgebungen erzeugt.

Angesichts dieser Strategie, haben die AusbaugegnerInnen, die sich für die Ausstellung zu Verfügung gestellt haben, ihrem Anliegen leider einen ausgesprochenen Bärendienst erwiesen.

Propaganda
Wie gesagt: Einzelne Teile der Ausstellung könnten direkt vom PR-Büro der Fraport geliefert sein. Als Teil des Themenraums Luftverkehr & Umwelt (in dem es plötzlich sehr emotionslos zugeht), werden ausführlich die umweltpädagogischen Angebote der Fraport vorgeführt. Während die Fraport einerseits riesige Waldgebiete in der Region vernichten lässt, veranstaltet sie gleichzeitig Waldspaziergänge für Schulklassen, um ihr Image aufzubessern. Klassisches Greenwashing. Diese „Argumentation“ der Fraport wird in der Ausstellung völlig unkritisch wiedergegeben. Die Darstellung der einzelnen Angebote ist dabei so ausführlich, dass eigentlich nur ein Anruf bei der Fraport fehlt, um zu buchen.

Vielleicht will ja der ein oder andere Lehrer nach dem Umwelthaus gleich die nächste Propagandatour für seine Klasse organisieren?

Die Macht des Faktischen
Das Umwelthaus beansprucht, einen sozialen Konflikt abzubilden. Tatsächlich fehlen in der Ausstellung Vorstellungen von sozialem Wandel komplett. So auch im Themenraum „Gewinn und Verlust“, der sich nicht etwa mit Gewinnen von Fraport und Airlines, sondern mit Jobs am Flughafen befasst. Im gesamten Raum thematisieren genau zwei im Konjunktiv gehaltene Zeilen einer Infotafel die Arbeitsbedingungen. Die Frage, ob in einer Welt, in der immer mehr materieller Reichtum sinnlos angehäuft wird, nicht auch eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit und Profitwirtschaft entstehen könnte, wird vollkommen ausgeblendet. Es scheint naturnotwendig, dass manche, um über die Runden zu kommen, sich und ihren Nachbarn die Bude verlärmen.

Schließlich endet die Ausstellung wie sie begonnen hat – mit einem Film. Sein Ende überrascht: Die Flughäfen rund um die Welt sind stillgelegt und in Vergnügungsparks verwandelt worden. Allerdings wird das in eine so späte Zukunft verlegt, dass die Fraport-Aktionäre weiterhin ruhig schlafen können, ganz so, als würde uns keine Klimakatastrophe drohen. Noch absurder ist aber, wie es laut Film zu diesem historischen Fortschritt kommen soll: Allein durch das Wechselspiel von technischen Fortschritt und Ressourcenverbrauch. Soziale oder gar revolutionäre Bewegungen, Menschen die für ein besseres Leben und eine andere Welt streiten, existieren überhaupt nicht. Das Flughafenproblem löst sich von selbst.

Und so sollen dann auch die, denen in der Ausstellung trotz großem Aufwand ein Unbehagen am menschenfeindlichen Normalbetrieb des Flughafens nicht ausgetrieben werden konnte, die Hände in den Schoß legen und beruhigt nach Hause gehen. Die Fraport und das Land Hessen dürften zufrieden sein.

Quellen:

1 – Umwelthaus: Hintergründe der Ausstellung im Umwelt- und Nachbarschaftshaus
2 – Bündnis der Bürgerinitiativen: Rückblick 1998
3 – Bündnis der Bürgerinitiativen: Rückblick 1999
4 – Bündnis der Bürgerinitiativen: Rückblick 2000
5 – Forum Flughafen und Region: Überblick
6 – Wikipedia: Fraport, Abschnitt Aktionärsstruktur
7 – Deutsches Zentrums für Luft- und Raumfahrt: Der Vorstand des DLR
8 – Deutsches Zentrums für Luft- und Raumfahrt: Luftfahrtforschung im DLR
9 – Stuttgarter Nachrichten, 01.02.2011: Neuer Schlichter will Runden Tisch
10 – Chrismon, August 2011: Protest! (Interview u.a. mit Johann-Dietrich Wörner)
11 – Robin Wood: Wenn Männer Gefühle zeigen: Dialogforum mit Professor Wörner in Stuttgart
12 – Bei Abriss Aufstand: Offener Brief des Widerstands gegen Stuttgart 21
13 – Stadt Kelsterbach: Umwelthaus nimmt die Arbeit auf dem Enka-Gelände auf