Vor 5 Jahren: Tunnelräumung und Al-Wazir im Kelsterbacher Wald

Wo heute die Flieger über die Landebahn NW donnern, wurde vor 5 Jahren das Hüttendorf im Kelsterbacher Wald eingezäunt und ein Erdbunker geräumt. Damit begann die schrittweise Räumung der Waldbesetzung. Spontan kamen Menschen in den Wald, um sich zu solidarisieren. Unter ihnen auch Tarek Al-Wazir, damals Fraktionsvorsitzender der oppositionellen Grünen im Landtag (vorne links im Bild).

Heute ist er seit genau zwei Tagen hessischer Minister für Verkehr und Wirtschaft. In seiner Amtszeit soll ein weiteres Waldstück für den Flughafenausbau gefällt werden: Der Treburer Wald würde, ginge es nach seinem Willen, einem Autobahnzubringer für das Terminal 3 weichen.

Inspiriert von Widerstandsformen der Umweltbewegung in Großbritannien, hatten AusbaugegnerInnen im Kelsterbacher Wald monatelang an dem Blockade-Tunnel gearbeitet. Ein Aktivist kettete sich unter der Erde fest, seine Räumung durch Spezialkräfte dauerte etliche Stunden. Das Ziel war, die politischen aber auch technischen Kosten für den Bau der Landebahn hochzutreiben. Es war die erste, aber nicht die letzte Aktion dieser Art in Deutschland. Mittlerweile informiert für den deutschsprachigen Raum der (teilweise noch im Aufbau befindliche) Blog „Maulwurf in Action“ über solche Tunnelaktionen. Auch über Aufbau und Räumung des Tunnels im Kelsterbacher Wald wird umfangreich berichtet.

Maulwurf in Action

Und Al-Wazirs Auftritt aus diesem Anlass? Wie die ganze schwarz-grüne Koalition ein weiteres Lehrstück, dass sich soziale Bewegungen auf ihre eigenen Kräfte verlassen müssen. Das er heute für den Weiterbetrieb der Landebahn sorgt, gegen deren Bau er vor 5 Jahren protestierte, ist natürlich dreist. Es ist aber bei weiten nicht der erste und wahrscheinlich auch nicht der letzte politische Wortbruch in Sachen Flughafenausbau. Und vorsichtig von den Protesten im Wald distanziert hatte er sich schon bei einer Landtagsdebatte im September 2008:
„Einer der Unterschiede zwischen heute und 1981 ist, dass damals keine Ausbaugegner im Hessischen Landtag saßen und dass diejenigen, die gegen den Ausbau waren, das Gefühl hatten, sie seien ohnmächtig. Das ist übrigens ein großer Unterschied zu heute. Es gibt in diesem Parlament auch Leute, die sagen: Ich halte diesen Ausbau für falsch. – Deshalb muss man sich überlegen, ob die Protestformen von damals heute noch tragen oder nicht.“

Tarek Al-Wazir bei der Räumung der Waldbesetzung am 18.02.2009

Fünf Jahre später lässt sich diese Argumentation mühelos umdrehen: Gerade weil die parlamentarischen „Ausbaugegner“ bereit sind, in höchsten Positionen am Flughafenausbau mitzuarbeiten, können Ohnmachtsgefühle aufkommen. (Bouffier bei seiner Wiederwahl: „Statt […] festen alten Positionen dürfen wir einen neuen Umgang miteinander erwarten.“) Aber gerade deshalb ist nicht-parlamentarischer, selbstermächtigter Protest und Widerstand zur Wahrung der eigenen Interessen unverzichtbar. Auch draußen im Wald. Die nächste Gelegenheit dazu bietet der Sonntagsspaziergang am 02. Februar.