„Ein lähmendes Gefühl von Ohnmacht“

Bereits im letzten Spätherbst hatte die Naturfreundevereinigung Egelsbach eine Veranstaltung über die „aktuelle Entwicklung der Klage gegen den Kiesabbau“ terminiert. Jetzt, Ende Februar, stand das Treffen unter dem Eindruck der vollzogenen Bannwaldrodung.

Viel Zeit nahm sich der Referent Klaus Göbel, Aktivist der Naturschutzorganisation BUND, mit einem Beamer-Vortrag die Vorgeschichte der aktuellen Ereignisse zu beleuchten. Im Mittelpunkt standen Luftbilder, die über Jahrzehnte aufzeigten, wie sich der Kiesabbau immer weiter in den Langener Wald gefressen hat. Bunten Plänen von Landschaftsarchitekten wurden Nahaufnahmen von misslungenen Rekultivierungsbemühungen entgegengesetzt. Als Tüpfelchen auf dem I wurden Bilder von Bauschutt und Betonbrocken gezeigt, welche ungesetzlich zur Verfüllung eingebracht worden waren. In der Wasserschutzzone.
Goebel: „Für die Firma Sehring blieb unsere Anzeige folgenlos, ich hätte aber fast ein Verfahren wegen Hausfriedensbruchs am Hals gehabt.“

Ende der 20er Jahre hatte das Familienunternehmen Sehring mit einer kleinen Grube, Löffelbagger und Feldbahn nahe der B 44 angefangen. Es wuchs binnen 85 Jahren zu einem kleinen Konzern heran, der Fliessbeton und Betonendprodukte herstellt und neben Lagerstätten am Oberrhein auch im Bereich der Niederlausitzer Tagebaue aktiv ist. Sehring betreibt auch eine Flotte Binnenschiffe und verkauft Sand und Kies in die Niederlande.

Klaus Goebel ist auch in der Langener Kommunalpolitik aktiv (für die Grünen) und kann einiges über die Duz-Verhältnisse zwischen der Sehring-Dynastie und den Bürgermeistern (traditionell SPD) erzählen. Sehring hätte es immer geschafft, sich als unverzichtbar für Langen darzustellen – wie jetzt auch gegenüber den Darmstädter und Kasseler Richtern. Es wäre, so beteuert Sehring, reine Bestands- und Existenzsicherung. Im allgemeinen Interesse. Dabei bliebe auch nach einem Auslaufen der Auskiesung ein Teil der Arbeitsplätze durch die Rekultivierungsauflagen mittelfristig bestehen.
„Die meisten sind doch aus Frankfurt und Mörfelden. Und bei den Schlecker-Frauen wurde so ein Massstab nicht angelegt. Der Sehring braucht die Grube, weil sie von allen am meisten Profit abwirft“ schimpft ein älterer Bürger aus Langen. Tatsächlich profitiert Sehring von der umweltbedingten Aufgabe anderer Kiestagebaue wie der Grube Mitteldorf am Flughafen. Auch das Geschäft am Terminal drei ist fest im Visier.

„Ich gönne dem Sehring ja seinen Sportwagen, mit dem er durch Langen fährt. Aber er muss auch auf die Allgemeininteressen Rücksicht nehmen“ so ein anderer Besucher. Von dem Unternehmer ist anlässlich einer VIP Veranstaltung das Bonmot „Ich mache meinen Schotter mit Kies“ überliefert. Ein offenes Ohr für Sehring hatten auch der mit Ablauf Februar demissionierte Regierungspräsident Baron und MP Roland Koch. Im Gegenzug sind größere Geldspenden von Sehring an die Hessen-CDU dokumentiert.

Fast schien es , dass die Historie so lang diskutiert wurde, um der Gegenwart auszuweichen. Die war für alle Besucher ausgesprochen schmerzhaft. Diskutiert wurde dann, wie es dazu kam, das dem Abholzen kein sichtbarer Protest entgegengesetzt wurde.

Ein Teilnehmer: „Ich hatte nicht das Gefühl irgendetwas machen zu können, auch nicht das Gefühl das das etwas nützen würde. Nichts zu machen war auch kein gutes Gefühl. Wenn eine Demo gekommen wäre, ich hätte mich wohl gerade so aufgerafft.“ Und: „Mein Leserbrief wurde gelöscht.“
Klaus Goebel sagt: „Wir haben uns auf die juristische Schiene konzentriert, als politisch nichts mehr ging blieb sie übrig. Den politischen Streit sollte die Bürgerinitiative führen – sie hat sich aber schon länger aufgelöst, es waren wenige Aktive, sie sind teilweise längst weggezogen. Als die Klage abgewiesen war und die Fällung los ging , brauchte ich erstmal Zeit und Möglichkeit mich zu sammeln.“ Im übrigen: „Es müssen doch nicht unbedingt der BUND oder die Grünen sein, die hier Protest organisieren. Das könne jeder Bürger, zivilen Ungehorsam leisten.“
Dem widersprach ein Besucher: „Es muss ins Rollen gebracht werden, dann rollen die Leute mit. Allein fühlen sich die Leute ohnmächtig. Irgendjemand muss aufrufen.“
Bei einigen älteren Besuchern – junge Leute waren wenige da- wurde jahrelange Erfahrung mit Organisationen, seien es Gewerkschaften oder Vereine, deutlich. Sie waren schon bei der Startbahn West und zuletzt am Flughafen Egelsbach dabei. Der Touristenverein „Die Naturfreunde“ ist nicht ohne Grund ein Zweig der Arbeiterkulturbewegung des frühen 20.Jahrhunderts. Nur: „Ich bin jetzt zu alt um da im Wald was zu machen.“
„Man müsste so handeln wie das Eichhörnchen“, meint eine Besucherin. Sie hatte am Vorabend eine Lesung von Cecile Lecomte im Nachbarort besucht.
Wie soll es weitergehen ? Auf diese Frage gab es nur wenig Antworten. Die Grünen müssten mehr gefordert werden, das Hauptsacheverfahren der BUND- Klage öffentlich begleitet werden. Und: Ein Großteil des Waldes stünde ja noch.


1 Antwort auf “„Ein lähmendes Gefühl von Ohnmacht“”


  1. 1 vega -lounge 04. März 2014 um 1:13 Uhr

    Am Sonntag, den 1.3., nutzten mehr als 150 Menschen die Möglichkeit sich die Situation am Kiessee anzuschauen. Das ist nicht so ungewöhnlich, das Betreten des Geländes am Wochenende gewissermassen ein Gewohnheitsrecht der Langener. Nicht aber, dass manche auch auf die Rodungsfläche gegangen sind. Die Security hat sich zurückgezogen. Allerdings: Wenn diese Aktionen privat bleiben und nicht Oeffentlichkeit anstreben, können sie keinen politischen Druck aufbauen.
    Viele schimpften über das Verhalten der Grünen bei der Bürgermeister-Stichwahl. Damit hätten diese ihre ablehnende Position relativiert und den Protest , aktuell und auch für die Zukunft, geschwächt.

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