Rezension: Landebahnkonflikt im Schulbuch

Der Schulbuchverlag Schroedel hat den Konflikt um die Landebahn in die neue lokale Auflage des Geografie-Buches von 2013 aufgenommen. Die Schüler der 5. Klasse Gymnasium können sich an Hand des „Streits um die neue Landebahn Nordwest“ auf einer Doppelseite mit „Umweltproblemen im Heimatraum“ auseinander setzen. Das ist grundsätzlich erfreulich. Und es ist keine reine Fraport-Propaganda, was der Verlag da auftischt: Die Kritik an der Bahn wird in einem angemessenen Umfang anhand geeigneter Quellen dargestellt. Problematisch ist aber eine zwischen den Zeilen herauszulesende Fiktion von Neutralität, die Fraports Profite auf Kosten von Mensch und Umwelt rechtfertigt, gerade weil sie auch die Kritik daran mitliefert. Dieses Argumentationsmuster erinnert sehr an das Umwelthaus Kelsterbach, und wurde von uns in diesem Zusammenhang bereits umfangreich kritisiert. Daher an dieser Stelle nur noch ein paar Stichworte zum Schulbuch.

„Durch den Ausbau des Flughafens entstehen im Rhein-Main-Gebiet neue Arbeitsplätze. Das ist meiner Meinung nach wichtiger als das Bedürfnis der Anwohner nach mehr Ruhe. Wir brauchen mehr Starts und Landungen am Frankfurter Flughafen und das geht eben nicht ohne einen Ausbau. Sonst können wir mit den internationalen Flughäfen in Paris und London nicht mehr mithalten und es wird im Rhein-Main-Gebiet zu Entlassungen kommen. Ich kann es nicht verstehen, dass die Ausbaugegner nicht auch an die 70.000 Arbeitsplätze denken.“
Dieses Zitat steht ganz am Ende der Schulbuchseite. Wer dort angekommen ist, dem wurde schon aus erster Hand und sehr plastisch über den Fluglärmterror in Sachsenhausen berichtet, der oder die hat die Forderungen des BBI und ein Protestlied zu lesen bekommen, in dem sogar die Gewinnorientierung der Fraport anklingt. Dann erst kommen die beiden pro-Ausbau Zitate eines Managers und einer Bankangestellten. (Zum Thema Rollenbilder ist bemerkenswert, dass der Manager „erklärt“ während die Bankangestellte nur „erzählt“.)

Also eine ausgewogene Darstellung? Genau dieser Eindruck ist das Problem! Denn durch die Pro und Contra Gegenüberstellung wirken beide Positionen gleich richtig und legitim. Das sind sie aber nicht. Die Erzählung vom Jobmotor Flughafen ist schon rein sachlich falsch. Aber das Problem reicht noch tiefer: Das die Wirtschaft auf Konkurrenz basiert und die meisten Menschen darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, liegt nicht in der Natur der Dinge. Es ist nur Ausdruck eines konkreten historischen Wirtschaftssystem: Dem Kapitalismus. Das Lärm und Abgase viele Betroffene stören und alle Betroffene gesundheitlich belasten, das sind naturwissenschaftliche, unveränderbare Fakten. Für diese Einsicht braucht es ein Abstraktionsvermögen, dass die meisten Fünftklässler wohl kaum aufbringen – und zu dem sie durch das Lehrbuch auch nicht angeregt werden.

Stattdessen lautet die Aufgabenstellung: „Entwickelt in der Klasse Lösungsvorschläge, die die Interessen der Gegner und der Befürworter berücksichtigen.“ Keine leichte Aufgabe, schließlich sind es einander strikt entgegengesetzte Interessen. Das steht natürlich so nicht im Lehrbuch. Stattdessen fällt der Blick auf ein Kästchen rechts oben: „Umfrage: Seit Oktober 2011 ist die neue Nordwest-Landebahn im Betrieb. Welche der folgenden Lösungen schlagen sie vor? Betrieb nur mit Nachtflugverbot 62%, Betrieb ohne Einschränkung 22%, Landebahn muss geschlossen werden 9%, weiß nicht 7%“ So wird den armen SchülerInnen die Lösung auf dem Silbertablett geliefert. Ein Kompromiss, der genau genommen einfach nur der Status Quo ist. Und Gesundheit und Lebensqualität einer Region den Profiten einiger Firmen opfert. Wer da eigentlich befragt wurde, dass wird unterschlagen. Die tatsächlich Betroffenen sicherlich nicht.

Klar: Wer (löblicherweise!) FünftklässlerInnen ein derart komplexes Thema näher bringen will, muss die Sache verkürzen. (Schon deshalb ist schade, dass das Thema seinen Weg nur in die Gymnasien findet.) Das Problem ist also nicht, das sondern was hier weggelassen wird. Nämlich alles, was die Legitimität von Fraports Profitinteressen grundsätzlich in Frage stellen kann. Schroedel wird so seinen gesellschaftlichen Auftrag gerecht, allerdings nicht im Sinne der AusbaugegnerInnen.