Der Februar, der Monat der Säge

Kurz vor Beginn der Vegetationsperiode wird besonders viel Wald gefällt. Besonders auch für umstrittene und dadurch aufgeschobene Projekte. Da ist nicht nur Langen/Sehring. Ganz ähnliches passiert auch anderswo, so in Lorsch, Dudenhofen oder Dieburg – erschreckend häufig.

Lorsch

Lorsch liegt im Süden Hessens nahe der Bergstrasse. Neben seinem Kloster ist es vor allem durch seinen Autobahnrasthof an der A 67 bekannt.
Der soll jetzt ausgebaut werden.
Für 9 LKW- und 70 PKW-Dauerstellplätze sollten auf einer Fläche von einem Hektar 200 Bäume gefällt werden, viele davon alte, grosse Waldbäume. Diese waren als Bannwald deklariert. Anwohner fürchteten eine verstärkte Belastung der Wohnlage durch einen Wegfall des schützenden Waldes.

Am Montag, den 17. Februar begannen die Fällarbeiten, begleitet vom Protest von ca. 150 Demonstranten. Diese demonstrierten nach Pressebeurteilung „friedlich“, das heißt, sie machten keinen Versuch, die Absperrzäune zu überwinden. Sie beschränkten sich auf laute Protestrufe und auf Rütteln am Zaun. Diese Ohnmacht wurde von einer großen Medienpräsenz dokumentiert.

Aufgerufen zur Demo hatten zwei Initiativen, „Menschen vor Verkehr“ und „Bürger gegen Bannwaldrodung“. Die Aufklärungsarbeit gegen die Massnahme begann bereits vor mehreren Jahren. Auch die Politik übernahm zuletzt die Argumentation der BaumschützerInnen, der gesellschaftliche Nutzen und der Schaden der Massnahme stünden in keinem vernünftigen Verhältnis. Allerdings hat das Stadtparlament in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten rechtlicher Einflussnahme ungenutzt verstreichen lassen – ob aus Unwissen oder aus Absicht, darum wird gestritten.

Der Rastplatzausbau ist Bestandteil einer deutschlandweiten Aufrüstung der Rastanlagen zu „Zwischenlagern“ der Strassentransportlogistik. Letzter Versuch, das Bundes(autobahn)projekt noch aufzuhalten, war eine Petition in Berlin. Diese lag aber in Berlin auf dem Eingangs-Aktenstapel, während die Bäume fielen. Manche Demonstranten meinen, es wäre besser gewesen, auf das Gelände zu gehen anstatt noch einmal Unterschriften zu sammeln.
In inhaltlichem und räumlichem Zusammenhang dazu steht eine Pflanzaktion von 2000 Setzlingen durch die Biokette Alnatura am Lorscher Gewerbegebiet Daubhardt. Die Firma Rudolph Logistik unterhält dort auf 28 000 Quadratmetern ein Verteilzentrum, das 55 Alnatura- und 1100 DM-Filialen beliefert. Der Standort wurde erst vor wenigen Jahren wegen seiner zentralen und verkehrgünstigen Lage inmitten mehrerer Verdichtungsgebiete gewählt.

Dudenhofen

Nahe dem Rodgauer Stadtteil Dudenhofen im östlichen Kreis Offenbach begann etwa zeitgleich mit Lorsch die Fällung von 17,2 Hektar Hochwald -überwiegend Kiefern- für die Erweiterung des Opel- Testgeländes.
Kurz zuvor hatten General Motors und die Regionalversammlung Südhessen grünes Licht für das Projekt gegeben, welches „die Zukunft des Standortes Rüsselsheim sichern soll“.

Neben zwei Prüffeldern, auf denen städtische Verkehrssituationen simuliert werden sollen, ist der Bau einer 2,1 Kilometer langen Piste nahe der Landstrasse nach Babenhausen geplant – ein Projekt, das Opel oft gefordert, aber aus Umweltgründen nicht bekommen hat. Hier soll die automatische Erfassung von Personen und Hindernissen auf Landstraßen getestet werden.

Ironischerweise hatte Opel das Problem, dass die Firma selbst den Schutz des Waldes um die Anlage aktiv betrieben hat. Die Waldkulisse, auch außerhalb der Anlage, war als Sichtschutz vor Werksspionage bindend erwünscht. Nun aber stand der Schutzstatus im Weg. Das war aber kein Problem mehr, das Regierungspräsidium entwidmete gerne und die Stadt Rodgau verkaufte.

Sichtbaren Protest gab es nicht – gut für die Firma Opel, die sich ja auch gerne ein grünes Mäntelchen umhängt.
Opel plant, das Gelände künftig nicht nur für Entwicklung und Erprobung, sondern auch für Eventzwecke zu nutzen. Manche der Bäume dürften also auch für die Gaffer und Boliden-Anbeter gefallen sein.

Dieburg

Auch in Dieburg bei Darmstadt war Ende Februar das Kreischen von Motorsägen zu hören. Hier traf es alte Erlen am Feuchtgebiet Banngraben.
Das Gelände ist auch als „Dieburger Dreieck “ bekannt. Es liegt südöstlich der Stadt am Abzweig der Schnellstrassen B 26 und B 45. Auf einer Fläche von 16 Hektar möchte der Logistiker Fiege hier ein Reifen-Zentrallager anlegen. Mit bis zu 480 LKW-Fahrten wird pro Tag gerechnet.

Dies stößt auf vehemente Ablehnung bei vielen Anwohnern, die eine sehr aktive Bürgerinitiative (BIBDD) aufgebaut haben. Ursprünglich war das Stadtparlament unisono für die Ansiedlung, allerdings haben sich die Grünen unter dem Protestdruck inzwischen distanziert.

Die Aufstellung der Flächennutzungspläne sollte im Rekordtempo durchgezogen werden, um mit der nötigen Verlegung des Banngrabens noch vor der Vegetationsperiode beginnen zu können. Bei einer kürzlichen Stadtverordnetenversammlung kam es zu tumultartigen Szenen und zu einem Polizeieinsatz gegen Demonstranten. Diesen wurde vom Stadtparlament ein „skandalöser Auftritt“ vorgeworfen, aber sie spielten den Ball zurück: Angeheizt hätte die Präsenz des Investors in den Bänken der gewählten Volksvertreter.

Jetzt sammelt die Bürgerinitiative Unterschriften für ein Bürgerbegehren zur Aufhebung des Bebauungsplanes. Unterstützt wird sie von GegnerInnen eines Straßenneubaus nach Messel.
Offenbar war das hastige Vorgehen der Dieburger Politik juristisch nicht wasserfest. Ende Februar wurde auf Antrag eines Münsterer Bürgers ein Baustopp erlassen. Die Bulldozer mussten abgezogen und der Bauzaun entfernt werden.

Erzhausen/ Arheiligen

Nördlich von Darmstadt fielen schon im Winter 2012/13 28 Hektar Wald für den Bau einer 1,1 Kilometer langen supraleitenden Doppelringanlage der Gesellschaft für Schwerionenforschung.
Das Prestigeprojekt von Roland Koch, das 500 Millionen Euro schwer sein soll, wird überwiegend unterirdisch gebaut. Den Betonklotz bewahren 1500 Bohrpfähle vor dem Absinken Richtung Erdinneres.
Bäume wachsen dort natürlich nicht mehr, allerdings sollen die Gebäude rasenbegrünt werden.

Darmstadt-Frankfurt

Weiterer Waldverlust droht in den nächsten Jahren durch „grünen Strassenbau“. Geplant sind sogenannte „Fahrrad-Schnellwege“, asphaltierte und beleuchtete Trassen für 40 Kilometer Höchstgeschwindigkeit. Sie sind für Leistungsradfahrer, Pedelecs und Scooter gedacht. Diese kämen dort künftig schneller voran als heute mit dem Auto – solange ihnen nichts und niemand in die Quere kommt. Es handelt sich um ein „C“-Strassennetz, ausserhalb von Siedlungen , das auch den „Jobmotor“ (so die Planer) Flughafen anbinden und dem Verkehrsinfarkt durch Einpendler vorbeugen soll.

Wir werden über dieses Projekt noch ausführlich berichten.

Wer jetzt immer noch liest, hat eigentlich einen Preis verdient… Sägelärm im Februar, das ist auch die ganz profane Holzernte durch den Staatskonzern Hessenforst. Protest gab es gegen die Auslichtung sehr alter Buchenholzbestände im Koberstädter Wald, die der Langener Förster selbst als „Tafelsilber“ bezeichnet. Besondere Aufregung gab es über den Verkauf eines Teils der Ware nach China.

Sägen-Nachhall

Interessant ist, dass es zunehmend um Verkehrs- und Logistikprojekte Konflikte gibt. Nicht nur in Berlin, wo das Protest-Baumhaus gegen die A 100 ja auch im Februar geräumt wurde.
Offenbar sind die Widersprüche zwischen dichter Besiedlung und dem -auch dadurch- anfallenden Verkehr kaum noch lösbar. Angeheizt werden die dadurch ausgelösten Auseinandersetzungen durch ständig anwachsende gewünschte oder auch aufgezwungene Mobilitätsbedürfnisse. Zumindest in Dieburg versucht man sich zu vernetzen und hat Kontakt mit anderen Initiativen aufgenommen, die gegen Logistikprojekte kämpfen. Ob dies zu politischen Forderungen führt, welche die Art des Wirtschaftens in Frage stellen, wird sich zeigen.


1 Antwort auf “Der Februar, der Monat der Säge”


  1. 1 Stadtparlament Dieburg: Anti-Grosslogistik-Bürgerbegehren unzulässig « Waldbesetzung Pingback am 16. Mai 2014 um 12:21 Uhr
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