Vor 30 Jahren: Eröffnung der Startbahn West

Im April 1984 ging die Startbahn West in Betrieb. Am Samstag nach der Eröffnung sollte eine bundesweite Großdemonstration an der Mauer stattfinden. Um diese Aktion gab es im Vorfeld großen Streit.

Die Eröffnung rückt näher

Bereits im September 1983 meldete die Flughafen AG: Die Betonierung ist abgeschlossen! Zuletzt hatte noch ein 400 Meter langes Streckenstück ausgestanden, das erst nach Fertigstellung des Strassentunnels für die Okrifteler Strasse aufgebracht werden konnte.
Jetzt stand der Eröffnung der 18 West nur noch die RWE-Hochspannungstrasse im Weg, die verlegt werden musste.

Das Stadtparlament Mörfelden-Walldorf hatte bereits im Januar 1983 der sogenannten „kleinen“ Stromtrasse zugestimmt. Damit hatte sie den prinzipiellen Widerstand gegen die 18 West aufgegeben. Anfang 1984 wurde für die Trasse gerodet. Allerdings wurden Auflagen, den Baumbestand am Neuweg zu schonen, nicht eingehalten. Damit, so die Startbahngegner, sei der Gemeinderatsbeschluss hinfällig. Im Stadtparlament gab es hitzige Auseinandersetzungen. Die SPD und CDU-Kommunalpolitiker wurden als „Heuchler“ beschimpft. Die konterten:
„Ein ordentlicher Bürger hat nichts mehr an der Startbahn zu suchen“.

Das war das Klima in Walldorf kurz vor der Startbahneröffnung. Aber es sollte noch viel hitziger werden.

Die Grünen auf Annäherungskurs – Viel Lärm, wenig Ergebnis zur 18 West

In Wiesbaden verhandelten zu dieser Zeit Grüne und SPD um die Erstellung eines Haushaltes. Die vorgezogenen Neuwahlen 1983 hatten das Wahlergebnis von 1982 bestätigt. Erneut stand die Tolerierung einer SPD-Minderheitsregierung unter Führung von Holger Börner durch die Grünen im Raum. Der fortgeschrittene Bau der 18 West machte eine Verständigung einfacher. Zum Thema Startbahn West wurde noch über eine Nachtflugverbot für die Startbahn, ein Amnestiegesetz und über erweiterten Lärmschutz gesprochen. Ein mögliches Nachtstartverbot exklusiv für die 18 West wurde zuerst von kommunalen SPD-Politikern intern mit der FAG verhandelt. Später ist es dann von der Landes-SPD als Erwiderung auf die Grünen-Forderung nach einem generellen Nachtflugverbot in die Diskussion gebracht worden.


Bild: CDU-Propaganda gegen die rot-grüne Annäherung.

Lärm wird zum Thema

Ursprünglich hatte die Ausgestaltung der Planfeststellung durchschnittlich 2,2 Starts/Nacht auf der 18 West vorgesehen. Die Flugsicherung und die Anliegerkommunen der Parallelbahnen drängten aber darauf, dass die 18 West bevorzugt für Nachtstarts herangezogen werde: Dort sei die Bevölkerungsdichte und auch die Gesamtbelastung geringer. Dem schloss sich auch das Bundesverkehrsministerium an und untersagte per Verfügung das von SPD und Grünen anvisierte Nachtstartverbot.

Auch die FAG argumentierte: „Die Startbahn West kann die Lärmbelastung der umliegenden Gemeinden unter dem Strich vermindern. Ein Nachtstartverbot auf der 18 West würde die Umweltbelastungen ungerecht verteilen“. Im übrigen verwies man auf das von der FAG aufgelegte 15 Millionen- Zuschussprogramm für passiven Lärmschutz. Die ersten geförderten Lärmschutzfenster (225 Kilogramm schwer, dreifachverglast) aus dem Aktionsprogramm waren 1983 in Raunheim eingebaut worden.

Die Region ist nicht befriedet und auch nicht zufrieden

Anhaltender Widerspruch und auch Widerstand prägte 1984 weiter das Flughafenumland. Die Ereignisse von 1981 wirkten nach und die „Sonntagsspaziergänge“ an der Mauer liefen weiter. Im Vorfeld der Eröffnung auch wieder mit steigendem Besuch. Draussen an der Mauer hielt man von den Verhandlungen im politischen Hinterzimmer wenig und sah die mageren Ergebnisse als Bestätigung der eigenen Position, dass die Verhältnisse nur vor Ort und durch eigenes Handeln zu verändern und zu bessern wären.

Im übrigen stünde ja auch noch die militärische Bedeutung der 18 West bedrohlich im Raum. Seit 1983 hatte sich der kalte Krieg wieder verschärft. Wenn man annehme, dass das US-Militär auf einer nötige Kapazitätsreserve für strategische Zwecke bestehe, gäbe es im Landtag und im Bundestag ohnehin nichts zu entscheiden.
Deshalb sei auch der Kompromissvorschlag einer verkürzten Startbahn von vorneherein ohne Chance gewesen. Die hätte keine „Intersection take offs“ zugelassen.

Von den BI-Strukturen der „Hochzeit“ war nicht mehr viel übrig. Viele Initiativen hatten sich aufgelöst oder anderen Politikfeldern zugewandt. Allerdings bestand das „Plenum“ der Bürgerinitiativen weiter.

Die „RedeSchlacht“ auf dem Februar-Plenum

Am 29. Februar fand in der Mörfeldener Stadthalle ein Plenum statt, das über Aktivitäten zur Startbahneröffnung diskutieren sollte.

Schon im Vorfeld war klar, dass es schwer würde, eine gemeinsame Linie zu finden. „Friedfertige contra Schwarzkittel“ titulierte die Lokal-Rundschau: Die Spanne der Aktionsvorschläge reiche von lokalbezogenen Aktionen bis zur bundesweiten Großdemo.

Klaus-Peter Klingelschmitt zog für die TAZ wenige Tage später unter der Überschrift „Der Spaltpilz wuchert“ folgendes Fazit vom Plenum:

Die legendäre Koalition zwischen Lang-und Grauhaarigen in den Startbahn-Bürgerinitiativen fand am Mittwoch auf dem BI-Plenum im Bürgerhaus Mörfelden ihr (vorläufiges) Ende. Nach rund vierstündiger Diskussion um ein gemeinsames Aktionskonzept gegen die offiziellen Eröffnungsfeierlichkeiten der Startbahn West (12.4.) rafften die „Gemässigten“ um den Bund-Vorsitzenden Walter Raiss gegen Mitternacht die Röcke und verliessen mehrheitlich den überhitzten, mit Karnevals-Girlanden geschmückten Saal. Dort hatte sich ein Aktionsvorschlag aus autonomen Kreisen durchgesetzt (68:65 Stimmen), der für den 14.4. – Samstag nach der Startbahn-Einweihung- eine national mobilisierte Kundgebung mit anschliessender (anm.: angemeldeter) Demonstration zur Betonmauer vorsieht.“

Was dort passierte, ist nicht so einfach zu erklären. (Fast) allen gemein war die Ablehnung des Kurses der Grünen, die das Nachtflugverbot aufgegeben hatten. Von den „Bürgerlichen“ wurde den politisch führenden BI-Köpfen unausgesprochen unterstellt, sie wollten die Demo zur Mauer anmelden, obwohl sie wüssten, dass die ohnehin verboten würde. Sie würden damit angereisten Leuten, die nur auf Putz aus wären, eine Pseudo-Opferrolle und Anlass für eine Schlacht bieten.
Die regionalen BIs müssten aber mit den Folgen der Startbahn politisch und auch ganz real leben. Es ginge jetzt auch um den Preis der Folgen, etwa der Verlärmung. Das sei langfristige Arbeit und nicht Putz an einem Tag. Deshalb sei man für lokale Aktionen mit Gedenkfeiercharakter und gegen eine provozierte Schlacht, die ein „Negativbild“ in der Öffentlichkeit zeige. Deshalb distanziere man sich von einer Großdemo.

Die „Autonomen“ empfanden das als Unterstellung und als vorweggenommene Unterwerfung und manche machten gelegentlich aus ihrer Verachtung für manchen besorgten Redner kein Hehl. “ Wenn Gewaltablehnung bedeutet, jede Gewalt hinnehmen zu müssen, dann machen wir da nicht mit. Befreiung von Abgegriffenen halten wir für legitim. Ihr unterstellt uns, wir wären die eigentlichen Verursacher der Gewalt von Polizei und Staat “. Die Auseinandersetzungen wurden sehr persönlich.“Wir wollen uns nicht nur an den politischen Folgen abarbeiten, wir wollen an die politischen Ursachen“ – „Wollt ihr eben nicht, ihr wollt doch nur Action“

Die „BI-Politischen“ um Schubart, Bender und Wilk versuchten zu vermitteln und argumentieren, die Aktionsvorschläge widersprächen sich doch nicht und ließen sich in einer Aktionswoche zusammenfassen. Man wolle keine Konfrontation, welche die Umweltbewegung beerdige, sondern einen politischen Erfolg. Man dürfe sich nicht spalten lassen. Die Anmeldung der Großdemo sei ein Politikum, welche bei einem Verbot ein bundesweites Presseecho auslösen würde, dem sich auch die Grünen im Landtag stellen müssten.
Nun gelte es, ganz pragmatisch die Sache über die Bühne zu bringen….

Die Eröffnung

Am 12. April hob um 9.25 Uhr die erste Lufthansa-Maschine ab. Offizielle Feiern gab es nicht, vor der Mauer fand eine kleine Gegen-Feier statt.
Vor der neuen Feuerwache betreute die FAG die zahlreichen Journalisten mit Schnittchen und Presseinformationen.
Bereits bald nach dem Airbus A 310 startete das erste Militärflugzeug, eine C 131 Hercules.

Nun kam der 14. April. Um 11 Uhr war Kundgebungsbeginn am SKG-Heim in Walldorf. Es war Bilderbuchwetter und es kamen wesentlich mehr Demonstranten als erwartet – mindestens 10.000. Die meisten wollten ans Baugelände. Entgegen aller Erwartungen und Befürchtungen waren die Zugänge am Gundbach nicht von der Polizei abgesperrt. Ein Grossteil der Demonstranten campierte am Südkopf der 18 West. Es waren überwiegend Menschen aus der Region – trotz der Warnungen von Politikern, Pfarren und Verbandsvertretern. Es kam, wie ein Walldorfer gemeint hatte: „Es wird viel geredet, und dann macht doch jeder was er will“.

Derweil versuchten kleinere Gruppen, die Stacheldrahtkrone der Mauer einzureissen. Es kam zu ersten Wasserwerfereinsätzen.
Am späteren Nachmittag eskalierte die Situation. Der Frankfurter Polizeipräsident Gemmer setzte erstmals die sogenannte „Turnschuhbrigade“ ein. Diese agierte nicht mehr schwerfällig mit Schutzschild und Kampfmontur, sondern mit Langknüppel und in Turnschuhen. Sie sollten als Festnahme- und Beweissicherungseinheit fungieren. Sie machten aber zuvorderst Jagd auf Unbeteiligte. Mit dem für die Polizei unerwünschten Effekt, dass sie zur Solidarisierung der Militanten und der Friedlichen beitrug.
Insgesamt gab es etwa 40 Verletzte, davon bei einigen Demonstranten schwere Kopfverletzungen.

Die große Schlacht aber war ausgeblieben. Vielleicht lag es daran, dass die politische Bedeutung der 18 West -auch für die bundesweite Protestbewegungen- im Sinken war. Auch war das Interesse der Landesregierung an einem deeskalativen Kurs gewachsen.
Die Demo hatte noch ein politisches Nachspiel im Landtag. Die Landesgrünen, welche den Aufruf des BI-Plenums
politisch unterstützt hatten (im Unterschied zu den Grünen und Jusos Mörfelden-Walldorfs), protestierten gegen das „Niederschlagen friedlicher Demonstranten“.
Der Verlauf des Samstages nivellierte auch die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Akteuren der Sonntagsspaziergänge wieder. Die „Bösen Auswärtigen“ waren nicht so böse wie erwartet gewesen. Die Autonomen bekamen auch weiterhin von den Frauen der Küchenbrigade ihren Sonntagskuchen. Das Leitungsteam der BI hatte mit seiner Argumentation, pragmatisch nach Lage und nicht mit gegenseitigen Vorurteilen und Unterstellungern zu agieren, richtig gelegen.
Das Thema Startbahn war aber politisch „durch“. Etwas Vergleichbares wie das Auflodern des Protests nach der Eröffnung der Nordwestbahn gab es damals nicht.
Die Grünen gingen in die Tolerierung und bald danach in die Koalition.