Fraports Immobilienkäufe: Die Region als Airport-City?

Ende des Monats endet die Antragsfrist für Fraports Casa-Programm. Im Rahmen des Programms kauft die Fraport Häuser und Wohnungen von Fluglärmneubetroffenen in Flörsheim und Kelsterbach auf. Der Kaufpreis orientiert sich am Immobilienwert vor Eröffnung der Landebahn. Als die Fraport 2005 damit begann, war selbst in der FAZ noch von der einhelligen Empörung und Ablehnung der betroffenen Kommunen zu lesen. Aber obwohl die Inanspruchnahme des Programms nicht immer einfach und oft nicht einmal vorteilhaft ist, kann von einem Misserfolg keine Rede sein. Aktuell hat die Fraport 245 Immobilien zusammengekauft, 113 weitere Kaufanträge sind laut FNP noch in Bearbeitung.
Wenn die Fraport in Bezug auf das Casa-Programm schreibt, „Unsere Anstrengungen sind darauf gerichtet, die Beeinträchtigungen der Menschen in den betroffenen Wohngebieten in Grenzen zu halten.“, ist das Augenwischerei. Denn schließlich werden die betroffenen Häuser auch weiterhin bewohnt. Fraport dürfte es eher um eine Art Überdruckventil gehen. Indem einige besonders existentiell Betroffene die Möglichkeit haben wegzuziehen, senkt sich das lokale Widerstandspotential insgesamt.
Noch bedenklicher sind aber die langfristigen Effekte. Denn was bedeuten die Immobilienkäufe für Fraports Einfluss auf die Region?

Die Luftverkehrsindustrie hat ein Interesse daran, Regionalentwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen – auch jenseits der Flughafenzäune. Erinnert sei an das „Fluglärmportal“ der Flugverkehrslobby, in dem sie gegen das Wachstum flughafennaher Städte wettert und Geldzahlungen für deren Stillhalten ins Spiel bringt. Als Positivbeispiel angeführt wird Düsseldorf-Lohausen, wo der Flughafen Wohnhäuser aufkaufte, abriss und durch ein flughafenaffines Gewerbegebiet ersetzte.

Die Fraport geht einen anderen Weg. Sie verzichtet auf Abriss und auch auf den Weiterverkauf der Immobilien. Stattdessen betätigt sie sich selbst als Vermieterin. Das erinnert ein bisschen an die Werkswohnungen im Kaiserreich: Wer hier wohnte und sich an einem Streik gegen den Vermieter und Arbeitgeber beteiligte, konnte am nächsten Tag seine Sachen packen. Als Folge langer und zäher Kämpfe ist es heute zwar um Mieter- und Arbeiterrechte wesentlich besser bestellt. Trotzdem: Als Vermieterin bieten sich der Fraport neue Möglichkeiten, Druck aufzubauen. Sei es formell oder informell. Gerade in Krisenzeiten, wie sie uns wieder einmal bevorstehen, sollte dieser Hebel nicht unterschätzt werden.

Zahlen zu den neuen BewohnerInnen gibt es kaum, einige Tendenzen lassen sich aber abschätzen. Leerstand gibt es, allerdings ist er überschaubar. Er lag Anfang des Jahres bei 7%, ein Jahr früher meldete das Portal airliners 10%.
Etwa 25% (airliners Anfang 2013: Etwa 20%) der MieterInnen sind die ehemaligen HausbesitzerInnen. Ob es dabei um eine Übergangsphase handelt, bis sie etwas besseres gefunden haben, oder ob sie langfristig in Abhängigkeit von der Fraport geraten, bleibt abzuwarten.
Für AnwohnerInnen innerstädtischer Autobahnen sind langfristige Verarmungsprozesse gut untersucht. Ähnliche Entwicklungen könnte es auch bei den hier betroffenen Wohngebieten geben. Dafür spricht zumindest der laut FNP gestiegene Ausländeranteil. Das plötzlich haufenweise Diplomaten nach Flörsheim gezogen sind, ist jedenfalls weniger wahrscheinlich.
Der Artikel bei airliners blendet diese soziale Komponente aus und schreibt von „lärmunempfindliche Menschen“, die in die Fraporthäuser ziehen. Lärm und Abgase schädigen die Gesundheit aber unabhängig davon, ob sie als störend wahrgenommen werden. Es ist ungefähr so, als würde mensch schreiben, dass in die Nähe von Atomkraftwerken strahlenunempflindliche Menschen ziehen. Die Sensibilität für schädliche Umwelteinflüsse wie Lärm ist subjektiv. Sie hängt auch von der eigenen ökonomischen Sicherheit ab. Zugespitzt: Kann ich es mir leisten, mich vom Flugbetrieb gestört zu fühlen?

Beim Casa-Programm geht es also unterm Strich um mehr als nur ein Druckventil für Widerstand. Die Fraport vergrößert ihren Einfluss jenseits des Flughafenzauns und beteiligt sich kräftig am Bevölkerungsaustausch in der Region. Um darauf reagieren zu können, müsste die Bewegung ihre soziale Homogenität -eher alt, mittelständisch bis wohlhabend, ohne Migrationshintergrund- zum Thema machen. Und versuchen, sie zu überwinden.