Vor 30 Jahren: Störmanöver im Fulda-Gap

In den achtziger Jahren war die militärische Bedeutung des Frankfurter Flughafens viel größer als heute. Zahlreiche StartbahngegnerInnen machten bei den Aktionen der Friedensbewegung mit. Im Januar 1985 fand ein großes Manöver in Mittelhessen statt. Es wurde zu Störaktionen aufgerufen. Doch die Aktionen des zivilen Ungehorsams entfalteten nicht so viel Wirkung, wie auf der grünen Wiese vorausgeplant.

Manöver waren damals absoluter Alltag in weiten Teilen des Landes, an 300 Tagen im Jahr. Großmanöver wiederholten sich jährlich.
Als die US-Army in den 60ern einen Teil ihrer Kampftruppen von Europa nach den USA und Südostasien verlegte, entstand die „Return Forces to Germany „-Strategie. Es war eine luftgestützte Strategie, die Einheiten sollten binnen weniger Tage nach Deutschland eingeflogen und mit dort gelagerter Ausrüstung an die Kampflinie gehen.

Offiziell hatte „Reforger“ Defensivcharakter, aber es war -wie die verwendeten Waffen eben auch- genauso für einen Angriffskrieg zu gebrauchen. Und für die Bevölkerung wäre die Unterscheidung ohnehin hinfällig gewesen. Sie musste, kam es zum Krieg, von einer völligen Zerstörung ihrer Region ausgehen.
Und die Kriegsgefahr wuchs, da die USA – und auch die Sowjetunion – die „Fulda-Lücke“ entlang Fulda und Werra immer grenznäher mit Militäranlagen überzog. Wobei der Westen zunehmend auf Überlegenheit setzte.

Die unabhängige Friedensbewegung wollte mit Aktionen zeigen, dass sie weitere Aufrüstung und Kriegsübungen nicht mehr akzeptieren würde. Ein Verzicht auf Manöver wäre eine friedensfördernde Massnahme, das Durchführen von Manövern sei Kriegsvorbereitung. So gab es am Cruise-Missile Depot in Hasselbach den Spruch: „Fussballer trainieren auch, um nicht spielen zu müssen“.

Geplant war eine große Aktion der Reforger-Manöverbehinderung für den Herbst 1984. Dazu sollten fünf Aktionscamps eingerichtet werden. Flankiert werden sollte das Ganze von einem „Menschennetz“, also angemeldeten Kundgebungen vor Militäreinrichtungen.

Die Planungen waren schon sehr weit gediehen, als klar wurde, dass die Militärs ganz anders planten. Das Reforger-Manöver 1984 „Confident Enterprise“ wurde nicht vom Frankfurter 5. US-Korps veranstaltet, sondern von Stuttgart aus. Das bedeutete, dass das Manövergebiet in Bayern lag.
Die Gegenaktionen fanden dann stark reduziert statt. Aktionistischer Höhepunkt war ein Spaziergang auf den Truppenübungsplatz in Wildflecken am 28.9.1984, bei dem es zu 60 Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs kam. Weitere Anzeigen gab es wegen Beleidigung, da sich die feministische Störaktion „Frau-över“ auch die katholische Kirche in Fulda vornahm.

Ziele und Formen dieser Aktionen, wie auf den Vorbereitungstreffen diskutiert, sollten sein:

-die Aktionen sollten ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern Informationen über die Kriegsführungsstrategien der NATO vermitteln
-die Aktionen sollten so gestaltet sein, dass möglichst viele Menschen zu einer spontanen Teilnahme bewegt werden könnten
-das Manöver sollte behindert werden
-die Aktionen mussten so angelegt sein, dass menschengefährdende Gewalt ausgeschlossen ist
-sollte eine Aktion eskalieren, so dass menschenverletzende Gewalt nicht mehr auszuschliessen wäre, müsste sie sofort abgebrochen werden
-Es müsste klar zwischen beteiligten und unbeteiligten Sachen unterschieden werden, letztere dürften auf keinen Fall beschädigt werden.

Noch Ende 1984 kam aber eine Manöverankündigung für ein Wintermanöver „Central Guardian“ heraus, dass als Schwerpunkt die Wetterau, den Marburger Raum und den Vogelsberg haben sollte. 72.000 Soldaten unterschiedlicher NATO-Staaten sollten vom 21.1. bis 31.1.1985 unter „Blau“ und „Orange“ den Weltkrieg üben.
Die Gruppen, die zum Protest gegen diese Übung aufriefen, waren ein bunter Mix von örtlichen Friedens-Bürgerinitiativen, christlich-pazifistischen Gruppen, Spontis, Autonomen und Antiimps.

Bereits in den Tagen vor Manöverbeginn herrschte auf den US Air-Basen in Frankfurt, Ramstein und Hahn Hochbetrieb. Es wurde Tag und Nacht gelandet und gestartet.

Die Lärmemissionen bezeichneten CDU-Leute als „Sound of Freedom“.

Das Dorf Lohra liegt zwischen Marburg und Gladenbach. ManöverbeobachterInnen hatten es am Vortag als günstigen Ort für eine Manöverbehinderungsaktion ausgemacht.
Und so staunte die Dorfbevölkerung nicht schlecht, als zusätzlich zur US Army auch noch 30-40 DemonstrantInnen mit ihren aufkleberbestückten Autos in den Ort kurvten.
„Für alle Aktionen ist eine größtmögliche Flexibilität notwendig. Angesichts der großen Entfernungen ist eine Motorisierung sinnvoll. Abzuraten ist von Einzelaktionen, Nachtaktionen und Aktionen im offenen Gelände“ hieß es im Aufruf.

Im Aufruf der Zeitschrift „Graswurzel-Revolution“ wurden auch Tipps für Blockaden (die aber verboten wären und das deshalb schärfstens davor abzuraten wäre) gegeben: „…am günstigsten an Ortsdurchfahrten, Brücken Kreuzungen – im offenen Gelände nicht zu empfehlen, wegen mangelner Effizienz und mangelnder Übersicht“

Das mit der mangelnden Übersicht konnte aber auch in Ortsdurchfahrten zum Problem werden, und fast wäre die Blockade um gewesen, bevor sie begann. Denn die heranrollenden Kampfpanzer hielten nicht an.
Als die Motoren der Panzer aufheulten, sprangen die Leute von der Strasse.

Eine lebensgrosse Stoffpuppe blieb dabei liegen und kam unter die Ketten des vorderen Fahrzeugs. Ob der Fahrer gesehen hatte, dass es nur eine Puppe war?

Das war realistischer für eine Situation von Kriegsvorbereitung, als es sich die TeilnehmerInnen gedacht hatten. Klar ist, dass die Miltärfahrzeuge im Kriegsfall alles plattwalzen würden, was im Weg stünde – und dass die Strassen dann für und durch Flüchtlinge dicht wären.

Die nächste „Blockade“ war dann eine Spur kleiner und niedlicher, sie entstand durch intensives Nutzen eines Zebrastreifens.

Irgendwann trat dann auch verspätet die Polizei auf den Plan, offenbar hatte die Voraufklärung des Staatsschutzes in diesem Fall nicht funktioniert. Ein Dutzend Beamte wurde hastig von den umliegenden Revieren abgezogen, und sie versuchten die ManöverstörerInnen in Schach zu halten. Jetzt war trotz (oder gerade wegen) der Polizeipräsenz die Lage deutlich entspannter.

Es gab beiderseits etwas freundliches Gerangel, aber man war um friedliche Deeskalation bemüht. Das Blockieren wurde benutzt, um die SoldatInnen anzusprechen.

Was nicht so klappte, war das Ansprechen oder sogar Einbeziehen der AnwohnerInnen. Da wurde demonstrativ die Gasse gekehrt, als ob das die wichtigste Sache der Welt wäre. Symbolisch hieß das wohl: Lasst mich einfach mit eurem Frieden in Frieden!

Am Nachmittag schloss die Aktion mit einer Demo vor dem Presse- und Öffentlichkeitsarbeits-Center der Manöverführung ab. Das Außenkommunikation wichtig ist, hatte inzwischen auch die Armee erkannt, und es war Bestandteil der Manöverstrategie. Die Akzeptanz der Manöver war- trotz großzügigem Ausgleich der Flurschäden- gerade wegen der immer wieder auftretenden tödlichen Zwischenfälle im Strassenverkehr nicht mehr selbstverständlich gegeben. Und auch die Aufklärungsarbeit der Friedensgruppen zeigte erste Wirkung.

Die letzten Reforger-Manöver, zuletzt nur noch als Stabsrahmenübung, gab es in den frühen 90ern. Es ist aber angesichts der politischen Entwicklung leider nicht auszuschliessen, dass sie wiederkommen.


1 Antwort auf “Vor 30 Jahren: Störmanöver im Fulda-Gap”


  1. 1 vega -lounge 13. Februar 2015 um 8:10 Uhr

    Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass die US-Streitkräfte im September 1983 ein Grossmanöver in Osthessen unterbrochen haben. Man wollte damit die politische Lage entspannen. Das war kurz nach dem Jumbo-Abschuss über Sachalin.
    Die US-Aufklärung hatte festgestellt, dass sich die Truppen des Warschauer Pakts in der DDR im Alarmzustand und in Gefechtsbereitschaft befanden. Offenbar hatte man im Osten Probleme zu unterscheiden, ob es sich im Westen (noch) um eine Uebung oder (schon) um einen Aufmarsch handelte…..

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