ICE-Blockade-Nachlese

Am Samstag , den 28.11. strandete für drei Stunden der „Train to Paris“ in Frankfurt, blockiert von 5 KlimaaktivistInnen, von denen sich einige auf das Dach des Triebzuges abseilten. Die spektakuläre Aktion fand viel Oeffentlichkeit, war aber schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. „Wichtig, aber auch richtig ?“ Hier im Anschluss einige Stimmen zu der Aktion.

Eigentlich sollte der Klima-Zug , der um 9.14 Uhr in Berlin gestartet war, nur wenige Minuten über Mittag im Frankfurter Hauptbahnhof Station machen. Daraus wurde aber nichts. Demonstranten seilten sich auf den ICE ab und legten sich flach auf das Wagendach, entrollten ein Transparent. Sinngemässer Inhalt: Wirklicher Klimaschutz geht nur gegen die Interessen der herrschenden Politik. Zum Schutz der Dachsteiger ketteten sich zwei Personen an der Schiene vor dem Zug. Nach drei Stunden waren sie geräumt und der ICE fuhr weiter.

Wer waren die AktivistInnen? Nun, von Robin Wood beispielsweise waren sie wohl nicht , denn so eine Aktion wäre wegen der Schnittmenge, die zwischen dem eigenen Bündnis „Bahn für Alle“ und dem Mitveranstalter der Fahrt, der „Allianz pro Schiene“, besteht, dort schwierig . Die Aktiven kamen aus der neuen, jungen, militanten Ökogeneration. Einiges über die Motive ist in der Pressemitteilung, die auf indymedia veröffentlicht wurde zu lesen. Der Aufenthalt solle als Nachdenkpause dienen.

Was war das für ein Zug, gegen den sich die Aktion richtete ?
Der „Zug nach Paris“ war eine Gemeinschaftsveranstaltung vom Bundesumweltministerium, der Stiftung 2 Grad, der Rating-Agentur CDP und der Allianz pro Schiene. Er sollte für den Hochgeschwindigkeits-Schienenverkehr als Alternative zu PKW und Flugzeug werben. Aufhänger war auch die Verleihung eines Awards „Klimafreundlichste Bahn weltweit“ von CDP an die Deutsche Bahn AG. Die DB behauptete : „CO.2-frei nach Paris“.

Viel Aufmerksamkeit bei der Aktion entfiel auf ihren spektakulären Verlauf, denn sie war -vermutlich- gefährlich. Sollten die DemonstrantInnen nicht den Abschnitt, auf dem der Zug gestanden hat, stromfrei gemacht haben (was unwahrscheinlich ist), war das Klettern aufs Dach, ohne einen Kurzschluss aus der 15.000 Volt-Oberleitung auszulösen, Zentimeterarbeit. Zugute kam den Aktiven, dass das Dach aus Aluminium ist, die Dachleitungen des recht modernen Triebwagens isoliert sind – und vor allem, dass die Luftfeuchtigkeit am Samstag recht gering war.

Von manchen Bloggern auf Eisenbahn-Fachforen wurde gemutmasst, die Aktion sei ein Fake von der DB, um mehr Aufmerksamkeit für ihren Klimazug zu bekommen und dass die Leitungen abgeschaltet gewesen wären. – Wer aber die Mentalität und Sicherheitseinstellung von EisenbahnerInnen kennt, wird wissen, dass dies Nonsense ist.

Im Zug befanden sich neben dem Ex- Kanzleramtsminister (und S 21-Fan) Pofalla auch die Bundesumweltministerin Hendricks und ihr Staatssekretär Jochen Flasbarth. Er twitterte : „Ein Zug des Diskurses wird von Diskursunfähigen blockiert“. Zwei Welten von politischem Klimaschutz können kaum heftiger aufeinanderprallen, schaut mensch sich die Biographie von Flasbarth an: Gestartet als Wattenmeer-Vogelschutz-Zivi, studierte er fach- und zielgerecht und baute als Geschäftsführer „seinen“ NABU vom Vogel- und Heimatschutzverein zu einem modernen politischen Interessenverband um. Danach ging er als Netzwerker in die Politik. Er sieht die Möglichkeit, über die politische Steuerung des Marktsystems die Klimaziele zu erreichen.

Etwas, das die militanten, jungen DemonstrantInnen nicht glauben, als nicht glaubhaft einstufen. Solchen Leuten nehmen sie nicht ab, dass sie in der Sache unabhängig wären, sondern letztlich der Politik grosser Konzerne zuarbeiten. Viele Klimaschutzmassnahmen wurden in der Vergangenheit weltweit an der Basis nur gegen den Widerstand von Konzernen durchgesetzt.
Mit seiner Twittermeldung zeigt Flasbarth, dass er die „Klimaradikalen“ als diskursunfähig und -unwürdig einstuft. Ob er zu seinen Anfängen nicht eine andere Einstellung gehabt hatte, was ein Diskurs ist ?

Pofalla wiederum ist der Meinung, „dass der Verkehrssektor einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz leisten kann“. Dazu gehöre das Vorschreiben von Klimaschutzauflagen an Geschäftspartner. So habe DB Schenker Vereinbarungen im See- und Luftfrachtgeschäft über eine CO.2-Reduktion von 23 Prozent getroffen. Was aber auch Fakt ist: Gerade der Verkehrssektor sinkt heute wegen der immens ansteigenden Mobilität bei der Erreichung der Klimaschutzziele hinterher.

Die AktivistInnen wurden nach der Aktion verhaftet. Was droht, ist „das Übliche“ – Hausfriedensbruch, Gefährlicher Eingriff, Störung öffentlicher Betriebe, Schadensersatz. Wieviel hängen bleibt, hängt natürlich auch von der politischen Unterstützung ab.

Der ICE fuhr dann mit „163 Minuten plus“, wie Verspätungen in Bahnkreisen heissen, gegen halb fünf weiter nach Paris, offenbar stellte er dabei einen Geschwindigkeitsrekord auf, er holte einige Minuten wieder heraus.

Wie umweltfreundlich ist die Bahn? Manche Leute sagen, sie hätte gar nicht das Potential zu wirklicher Umweltgerechtigkeit – nur 6-7 Prozent mehr Verkehrsanteil, und das System bräche zusammen. Auch die Feststellung, die deutsche Bahn sei „Oekostrom-Weltmeister“, dürfte zu hinterfragen sein. Geht dieser Titel nicht an die Niederlande, die auf Windstrom umstellen oder an die Schweiz, die seit der Elektifizierung mit bis zu 80 % Wasserkraft-Strom fahren ?
Schliesslich ist auch die Energieeffizienz der Züge und ist die Auslastung ein Thema, ebenso die „Binnenvernunft“, das heißt demokratischer Zugang, oder auch das Vermeiden des Transports umweltfeindlicher Güter und die Vermeidung unnötiger Wege. Die Deutsche Bahn AG ist ein Wirtschaftsunternehmen, das derzeit im Spagat zwischen Gemeinwirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung steht. Und den Kurswechseln der Verkehrspolitik ausgesetzt ist.

Sinnvoll ?

Da scheiden sich auch an dem Paris-ICE die Geister, nicht anders als an der Demo. Ist es sinnvoll, einen ICE nach Paris zu fahren, der vermutlich leer zurückkehrt, während ein Regelzug von Berlin nach Köln wegen Triebfahrzeugausfall storniert wird ?
Ein Betriebseisenbahner in Frankfurt ärgerte sich, dass die „Bemühungen der Bahn, eine Alternative zum Flieger zu sein, madig gemacht würden“. Damit würde man doch nur denen nach dem Mund reden, die sagten, dass sei eh nur falsche Symbolik, hätte Alibicharakter und damit wäre ohnehin alles egal….

Über Symbolaktionen, ob den Zug selbst oder die Aufs-Dach-Steigen-Aktion, sollte geredet werden, sollen sie irgendeinen Sinn machen. Und es sollte den praktischen Klimaschutz befördern.