Keine Nostalgieveranstaltung…

…sollte nach dem Willen der Initiatorin Wilma Frühwacht-Treber die Präsentation des Buchs „50 Jahre Protest“ mit Neujahrsempfang im Walldorfer Rathaus („da gehört es auch hin“) werden. Das es keine wurde, dafür sorgten die zahlreich erschienen MitautorInnen des Buches, die sich bei der Illustration und Diskussion ihrer Standpunkte nichts schenkten.

Politisch aufgewertet wurde die Veranstaltung durch die Kurzansprachen von Gastgeber Franz Rudolf Urhahn (Grüne) und dem Landrat Thomas Will (SPD), letzterer ist auch Beitragschreiber im zweiten Band des Buches.

Wilma Frühwacht-Treber betonte in ihrer Anmoderation, dass ihr neben der Rolle der Kirchen und Gewerkschaften in den 50 Jahren Protest auch das Verhältnis zwischen sozialen Bewegungen und Parteien wichtig für das Buch gewesen sei. Und dass man einem Thema nicht ausweichen wollte: Den Schüssen vom 2.November 1987.

Angesprochen wurde das Thema zum ersten Mal, als es um das Verhältnis zwischen „alter“ und „neuer“ Protestbewegung ging.
Ingrid Wagner aus Offenbach erzählte, sie wäre von politischen Gegnern als „Mitglied einer Bewegung, die zwei Polizisten ermordet hat“ verunglimpft worden. Dabei habe man mit der Startbahn West doch überhaupt nichts zu tun, und die alten Auseinandersetzungen wären nicht ihre.
Interessant war es, dass gerade aus den Reihen der von Aussenstehenden als „Rentnerprotest“ bezeichneten Montagsdemo die Forderung nach einer Verjüngung des Protests formuliert wurde – an die Adresse der „Altbewegung“.

Im Buch gibt es zwei Beiträge zu den Schüssen, einen zeitgenössischen kritisch-reflexiven Artikel aus einer Kölner Stadtzeitung von Gerhard Krum und einen bilanzierenden Beitrag von Wolf Wetzel, der auf seinem Buch “ Tödliche Schüsse“ fusst.

Gerhard Krum stellte einen kausalen Zusammenhang zwischen der „Radikalisierung und Militarisierung“ der Startbahnbewegung ab November 1981 und den Schüssen vom 2.11.1987 her. Die Nicht-Anerkennung des Gewaltmonopols des Staates sei der Sündenfall gewesen, aus dem sich die Geschichte konsequent entwickelt habe. Dies sei eine falsche und auch nicht-dialektische Sicht der Dinge, wurde ihm von Einigen widersprochen. Unter den Autonomen habe es eine einhellige Ablehnung von Schusswaffengebrauch und auch eine Diskussion der Mittel und Ziele gegeben.
Gerade auch, weil die Schüsse der Gegenseite politisch genützt hätten -bis heute- habe man, so Wolf Wetzel,verschiedene Thesen von Agent Provocateur -Einsätzen geprüft, sei aber letztlich zu dem -schmerzlichen- Schluss gekommen, dass man sich hier mit einer Tat aus den eigenen Reihen und Strukturen heraus auseinandersetzen müsse.

Zweiter „Aufreger“ war der sogannte Nacktensamstag, der 7.11.1981. Hier trafen die Positionen von Pfarrer i.R. Herbert Olbrich (Grüne) und Achim Weidner (parteilos, ex CDU) aufeinander.
Pfarrer Olbrich schilderte, dass die Vertreter der Kirche an diesem Samstag gezielt auf Deeskalation und auf eine Verhinderung einer massenhaften Erstürmung des Baugeländes gesetzt hätten. Diese hätte nicht abschätzbare Folgen gehabt.
Achim Weidner meinte, der 7.11.1981 sei der Tag der Niederlage, nicht Folgeereignisse wie die Autobahnblockade. An diesem Tag hätte die Chance bestanden, mit einer Aktion des zivilen Ungehorsams den Platz wiederzubesetzen und in der Folge die Landesregierung zu stürzen. Die Startbahn West wäre politisch undurchsetzbar geworden.

„Das die Ereignisse so abrufbar sind, als wäre es gestern gewesen“ zeige, welch starke Prägung viele Menschen in der Region durch die Auseinandersetzung um die Startbahn West erfahren hätten, meinte Wilma Frühwacht-Treber zum Abschluss. Es seien noch weitere Publikationen zu Spezialthemen geplant.


1 Antwort auf “Keine Nostalgieveranstaltung…”


  1. 1 Administrator 13. Januar 2016 um 16:19 Uhr

    Gerade der Beitrag von Achim Weidner im Flughafenbuch zeugt von den Widersprüchen, die eine „breite Volksbewegung“ wie der Startbahn-West-Regionalaufstand mit hervorgebracht, begleitet und auch beerbt haben.
    Achim Weidner, damals Achim Bender, war einer der führenden Vertreter der Autonomen in den Startbahn-West-Kämpfen ab 1981.
    Mit der Rüsselsheimer BI besetzte er die Westseite der Absperrung am Baulos 1 bei der Demo vom 7.11. 1981 mit dem Ziel der Bauplatzbesetzung. Ebendiese wurde an der Ostseite von Baulos 1 durch das symbolische Go-In vereitelt.
    Es hätte -so Weidner- an diesem Tag eine Absprache in der BI gegeben, auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten um die Besetzung zu ermöglichen. Dieser Konsens sei mit der Nichtdurchführung der Aktion mit nachhaltigen Folgen gebrochen worden.
    Achim Weidner sieht in der Flughafenblockade am Wochenende danach und in den Folgeaktionen Anfang 1982 Versuche, das historische Scheitern an diesem Tag zu revidieren, als dies schon nicht mehr möglich war.
    Heute vertritt Weidner, der über eine unabhängige Liste zur CDU Rüsselsheim kam und nach Zerwürfnissen mit den ParteikollegInnen nun als -chancenloser- unabhängiger Kandidat bei den Kommunalwahlen antritt, zum Flughafenthema Positionen wie die Fraport: Fliegen sei in Zeiten der Globalisierung der Weltwirtschaft und des Tourismus zu einem öffentlichen Verkehrsträger geworden,mit dem man sich zu arrangieren hat, den man aber politisch steuern könne……

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