Hambacher Forst 2016

Was ist im Hambacher Forst, der so ziemlich einzigen politischen Waldbesetzung derzeit, los ? Am besten: Selbst hinfahren und sich ein Bild machen. Hier ein Bericht von einem Besuch am 26.Januar…

Buir, später Vormittag:

Schon der erste Blick aus dem Zug, der aus Richtung Köln einrollt, zeigt: Lage vermutlich entspannt. Es ist nämlich keine Polizei auf der Brücke aufgezogen, die den Bahnhof über die Trasse von A 4 und neuer Hambachbahn mit dem Wald verbindet. Wenn sie da gewesen wäre, hätte ich jetzt ein Problem…
So komme ich aber problemlos auf der alten Autobahnzufahrt ins Waldgelände. Linkerhand sind verbarrikadierte Zugänge zur im Wald verborgenen „Oaktown“-Besetzung, vor mir taucht nach einer Biegung die sogenannte „grosse Secu-Brücke“ auf. Hier ist eine Kontrollstelle des Sicherheitsdienstes von RWE auf der Brücke über die alte A 4 eingerichtet.

Viel los ist nicht. Rechterhand fahren Sand-LKWs auf der Autobahn, der Sand wird wohl zunm Aufschütten von Dämmen gegen Flugstaub aus dem Tagebau benötigt.
Linkerhand sieht es recht friedlich aus. Beim letzten Besuch im Oktober konnten hier noch bizarre Trümmer des RWE-Sicherheitszauns besichtigt werden. Den hatten AktivistInnen wenige Tage zuvor zerstört.
Jetzt ist der Zaun komplett weg, auf der Autobahn sind Holzbarrikaden. Um die gibt es immer mal wieder Scharmützel, Polizei und RWE räumen sie weg, dann werden sie in der nächsten Nacht wieder aufgebaut.
Durch den fehlenden Zaun ist auch der Zugang zum aktuellen Rodungsgelände ungehindert möglich. Die Linie der Fällungen liegt derzeit in Höhe der rückgebauten Hambachbahn. Nicht unwahrscheinlich, dass der Waldstreifen zwischen Bahntrasse und Autobahntrasse vor Ende Februar auch noch zur Fällung ansteht – und ebenso ist es wahrscheinlich, dass RWE mit Polizeiunterstützung einen neuen Zaun setzt – ob auf „ihrem“ oder „unserem“ Gelände, das steht dahin.
„Unser“ Gelände ist der Wald südlich der alten Autobahn. Gerade hier, an der kleinen Brücke in der Nähe von Mörschenich, hat RWE zuletzt auch auf „unserer“ Seite gerodet, vermutlich für den Bau einer Pumpstation. Hier ist jetzt kein schützender Waldgürtel mehr, die Menschen in Buir haben jetzt über Kilometer freien Blick auf den Abraumbagger…
Bei der Rodung vor 10 Tagen kam es wieder einmal zu einem Scharmützel, in dessen Verlauf ein Aktivist von einem Pick-Up des Sicherheitsdienstes gezielt überfahren wurde. Der Mann wurde verletzt und dann abtransportiert und der Polizei übergeben. Er sitzt jetzt mit dem Vorwurf des Haus- und Landfriedensbruchs in U-Haft.

Weil in der Ferne ein Auto des Sicherheitsdienstes auszumachen ist, verkrümele ich mich in den Wald, bei einem Stichweg sind es nur 100 Meter zu einer Wegspinne, wo Wege zur Besetzung „Oaktown“ und zum Wiesencamp abgehen. Hier war früher eine Kreuzwegstation auf dem Weg von Morschenich nach Manheim. Jetzt ist der Punkt mit einem Tripod und der sogenannten „Pizza-Plattform“ gesichert. Die heisst so, weil ihr Grundriss wie ein Stück Pizza aussieht.

Der Hambacher Restforst ist schon wieder stark geschrumpft seit dem ersten Hüttendorf 2012. Noch zwei, drei Rodungsjahre, und er wäre Geschichte…
Weiter geht es durch den Wald. Ich muss schmunzeln: Ideen haben die Leute. Kapputtmachen ist die eine Sache,, sinnvoll umnutzen ist doch viel besser: Zwei Elemente des ehemaligen RWE-Sicherheitszauns sind überlegt übereinandergelegt worden und bilden nun die Basis für eine neue Baumplattform.

Bald komme ich am Wiesencamp an. Es ist Aktionswoche, aber es sind nicht allzu viele Leute da. Die Wege sind zugematscht und das handtuchartige Gelände verbreitet den zweifelhaften Charme eines Goldgräbercamps – der Weg in der Mitte, Randbebauung an beiden Seiten.
Im Camp ist wachsame, angespannte Stimmung: „Wir befürchten, dass es einen Räumungstitel für die Wiese geben könnte und die Polizei zum grossen Schlag ausholt“ meint ein Besetzer. Was bestens funktioniert und gute Laune verbreitet, ist die Küche mit ihrem Küchenteam, übrigens ausnahmslos Männer: „Leute, greift zu, was ihr nicht esst kriegt ihr heute abend nochmal vorgesetzt!

Das neue Windrad torkelt trotz frischer Brise müde hin und her. Ueberhaupt, hier ist ziemlich Verschleiss. Eine Besetzi: Wir haben die Gäste gebeten, Löffel mitzubringen. Ich weiss gar nicht, wieviele hier im Laufe der Jahre in den Matsch getreten wurden und versunken sind….

Die aktuellen Infos: In einer Stunde, so um halb eins, kommt eine Besuchergruppe erst nach „Oaktown“ und dann auf die Wiese. Und: Die Aussenwachen melden, dass so 20-30 PolizistInnen den Wald betreten haben: „It is riot police, but they have no equipment for an eviction“ – es sind ziemlich viele EngländerInnen und SchottInnen im Camp.

Also los in den Wald. Zu übersehen ist die Polizei nicht, sie scheinen sich hier ortskundig zu machen. „Alle diese Besuche deuten auf eine baldige Polizeiaktion hin“ meint ein Besetzi.
Die Einheit, komplett mit Doku- und Besi-Trüppchen, kommt aus Bochum. Sie verhält sich vorsichtig -der „Feind“ könnte hinter jedem Baum lauern. Der denkt aber nicht dran – warum denen irgendwelche Vorwände geben, Leute abzugreifen.
Nur eine Frau beobachtet aus der Distanz das Geschehen.
Näher dran sind ein Fotograf – und ich . Der Fotograf darf gewähren, aber ich bin dran.
Die Polizei: „Es gibt eine Allgemeinverfügung, nach der sie sich hier nicht aufhalten dürfen.
Wenn sie ihren Ausweis nicht zeigen können oder wollen, dann kommt es hier vor Ort zu einer Durchsuchung oder gegebenenfalls zur Zuführung zu einer Wache.
Shitty. Also Ausweis raus und warten. Nach zehn Minuten habe ich ihn wieder.

Nun nach Oaktown. Dort ist inzwischen die angekündigte Gruppe eingetroffen. Sie wird von zwei Aktiven der Bürgerinitiative „Buirer für Buir“ begleitet. Der Rest sind alles junge Leute um die 20, die auf einem Bildungskurs für das „Freiwillige Oekologische Jahr“ sind.
Zwei Besetzis/Besetzas geben Auskünfte über das Leben im Wald:“Das ist inzwischen die vierte Besetzung. Wir schützen doppelt: Die Bäume und das Klima, weil dann RWE nicht an die Kohle drankommt. Und dreifach:Uns Menschen selber damit auch. Nicht zu vergessen die (anderen, nichtmenschlichen) Tiere, die durch die Fällungen auf immer engeren Raum zusammen rücken müssen“.
Es werden auch Fragen beantwortet, und das offen und ehrlich. „Ist das nicht gefährlich?“ „Durchaus, aber das Risiko ist überschaubar, ganz im Gegensatz zu den Risiken des Klimawandels“
„Ist schon mal jemand runtergefallen ?“ „Ja, vor zwei Jahren- jemand die sich nicht gut gesichert hatte ist abgestürzt. Ihr geht es inzwischen aber wieder gut“
„Das könnte ich mir auch vorstellen, mal zwei Wochen im Urlaub“ meint ein junger Mann. Eine Frau: „Ich nicht, aber ich finde es gut, dass Leute so was machen.“

Nun geht es für die Gruppe ins Wiesencamp, zum Mittagessen. Die Küchencrew fährt auf, was sie hat. Drei Jugendliche schauen sich um und entdecken das Info-Zelt. Sie sind begeistert: „Aufkleber“. Lange Verweildauer ist aber nicht, weil die Gruppe aufbricht. Antje Grothus von der BI Buirer für Buir:“Das Wiesencamp hat eine öffentliche Funktion als Info-Zentrum, auch ein Grund, warum es von zahlreichen BürgerInnen unterstützt wird.“
„Haben wir doch gut hingekriegt“ meint einer der Besetzis nachdem die Gruppe weg ist. Solche Besuche sind auch ein gewisser Sozialstress.
Aber Hauptsache – kein Besuch von RWE und Polizei. „Wenn Räumung ist, wird es an vielen Orten, wo RWE präsent ist, Demonstrationen geben.“ meint der Besetzi. „Informiert euch über den „Info-Ticker“ auf der Hambach-Website“……