Sehring-Rodung , Tag 4

Dies ist nun der vierte Teil vom „Kies-Blog“ Heute ist -fast- der ganze Rest vom Wald gefallen. Das Ende vom Ende bekam der Schreiber aber nicht mehr mit – „Hausverbot“. Wie und warum, ist hier nachzulesen…..

Der Morgen begann wieder sonnig, etwas kälter als gestern, aber mit mehr Feuchtigkeit in der Luft – Vorboten von Bewölkung, die dann später auch aufzog.
Am Rodungsgelände ist bereits früh am Morgen der Revierförster anwesend. Eine seiner Aufgaben ist die Überwachung der Umweltauflagen, die auch bei einer solch umweltzerstörerischen Massnahme wie einer Komplettrodung greifen.

„Heute abend ist hier freie Sicht auf den Taunus“ meint er mit Blick auf die letzten kleinen Bauminseln, die auf dem Gelände noch stehen. „Wenn Sehring 60 Hektar fällen darf, werden noch einmal 20 Hektar substantiell geschädigt“, „die Bodenschicht, auf der der Wald wächst, braucht Jahrhunderte um sich vollständig zu regenieren“.
Das Langener Forstamt ist in den letzten Jahren wegen einer sehr expansiven und aggressiven Wirtschaftspolitik -es wurde Buchenholz direkt ab Wald im Überseecontainern nach China abgefahren- in der Kritik gewesen.
Und doch sind die Förster der Region entschiedene Gegner der Kieserweiterung, da sie ihnen die Geschäftsgrundlage auf Dauer schmälert. Insofern ist es hier gerade die klare ökonomische Position, die sie gegen das Nachgeben immun macht, ganz im Gegensatz zu manchen PolitikerInnen.

Über die Gruenen geht es im Gespräch mit einem Rentner, der nach dem Stand der Rodung schaut und dann im Wald noch Nistkästen aufhängen will. Er wirft Frau Lindscheid vor, die Rodung zu wollen, da sie die mit ihren Entscheidungsspielräumen im Planergänzungsverfahren für dieses Jahr durchaus hätte verzögern und aussetzen können.
Dann schimpft er noch über Sehring: „Die wollten mir eine Anzeige wegen Sachbeschädigung anhängen, weil ich ein Flugblatt am Zaun angebracht hatte. Lächerlich. Da meinten die, gar nicht lächerlich, hier hätte es zuletzt eine grosse Sachbeschädigung gegeben, der Zaun sei abgebaut worden – keine Metalldiebe sondern Politische -Kiesgegner. Die Arbeiter hätten die Zaunelemente im ganzen Wald wieder einsammeln müssen….“

Später quietscht eine Fahrradbrense, und ein stämmiger Mann steigt ab. Tatsächlich, mal ein Fahrradfahrer, der anhält.
Er sucht sofort Blickkontakt und fragt mich, ob ich etwas mit den Grünen zu tun hätte. Als ich nicht sofort den Kopf schüttele, legt er los: „Mit den Grünen bin ich absolut fertig. Sie sind für die Rodung verantwortlich, besonders der Stefan Löbig in Langen. Die werde ich nie wieder wählen!“
Er kommt immer näher, so dass ich unwillkürlich zurückweiche. Ich argumentiere, die Grünen seien im Fall Sehring mehr Symptom als Ursache – vergeblich, verständlicherweise.
Als der Protestierer seinen Dampf abgelassen hat, wird es besser. Da zeige ich ihm auch noch den etwas versteckt liegenden „Grünen-Baumaltar“ mit der Fuck-Inschrift. Er bedauert, so aufbrausend gewesen zu sein, aber irgendwo müsse er den Frust ja auch mal loswerden….

Während der rote Harvester Baum um Baum umlegt, tut der gelbgrüne Kollege keinen Mucks. Ich gehe hin, und sehe den Fahrer an der Hydraulik werkeln.

Später läuft das Ding wieder -leider. Der Fahrer hat schlechte Laune und pfeift mich unvermittelt an, ob er jetzt die Polizei holen müsse…Dabei war gar nicht im Traum eingefallen, ihn am Fällen der zaunnahen Bäume zu hindern, aber wie er das so sieht, hat er mich eigentlich auf eine Idee gebracht…

Über der Rodungsfläche sind die Flugzeuge zu sehen, die auf der Centerbahn starten und zur Südumfliegung im Startvorgang abdrehen. Von Osten fliegen manchmal fast simultan die Maschinen auf der Nordwestbahn und der Südbahn ein.

Vorne am Zipfel der geplanten Rodungsfläche steht eine schöne alte Buche fast direkt am Zaun. Wenn ich mich direkt an den Zaun pflanze, kann das für den Baum nur gut sein. Ich bastele mir eine Unterkunft und setze mich hinein. Sehr angenehm ist es nicht, besonders beim Sitzen mit dem Rücken zum Zaun , wenn die grossen Douglasien gefällt auf den Boden donnern löst das einen Fluchtreflex aus.

Am Nachmittag fährt plötzlich ein Langener Polizeiauto vor. „Ausweis, bitte“. Meine Antwort: „Gibt es hier ein Problem ?“ („Das Problem sind sie“ – sagen die Polizisten nicht, aber denken tun sie es bestimmt.)
„Wir sprechen Ihnen hiermit eine Platzverweis aus“ meint der eine Polizist. „Warum?“ frage ich. „Weil wir den begründeten Verdacht haben, dass sie auf einen Baum klettern“ und „weil sie hier etwas an den Zaun gebaut haben“.
Mensch denke ich, wenn ich auf den Baum klettern wollte,dann wäre auch doch schon längst drinnen im Areal und würde hier nicht so eine Hütte bauen….“Sie wollen mich doch nur weghaben, damit der Sehring unter Einhaltung des Sicherheitsabstands die Buche fällen kann“ maule ich. „Nö“ sagt der Polizist, „wir sind eher zufällig hier, weil wir einmal am Tag das Gelände bestreifen“…

Na wenn das stimmt, aber vermutlich stimmt es nicht…
Damit hieß es für diesen Tag: „Um drei vorbei.“.