Von bemoosten Karpfen und PC Tigern

In Stuttgart fand letzten Montag eine Diskussionsveranstaltung zum Stand der Bewegung gegen Stuttgart 21 statt. Der Berliner Politikwissenschaftler Peter Grottian analysierte und stritt zusammen mit AktivistInnen , KommunalpolitikerInnen und VertreterInnen des
Aktionsbündnisses über Chancen und Grenzen zivilen Ungehorsams.

„Bemooste Karpfen haben ihr Widerstandsleben hinter sich“ war eines der lapidaren Statements, warum es nicht real zum virtuell angedrohten Aufstand beim Abriss des Bahnhofs gekommen ist.
Oder : “ Wir hatten es mit PC-Tigern zu tun, die nicht bereit waren über ihren eigenen Schatten zu springen“
Oder auch : Am Ende kuscht der Schwabe immer“.

Peter Grottian , der vor einigen Monaten zusammen mit Julia von Staden einen Aufsatz über das weitgehende Scheitern eines Konzepts des zivilen Ungehorsams in Stuttgart veröffentlichte, machte seine These von der verpassten Chance der demokratischen Selbstermächtigung von unten an drei Punkten fest:

Zur Niederlage geführt hätten

- eine alles-oder-nichts Strategie mit Unfähigkeit zum Kompromiss, die den Gegner nicht gefordert hat

-eine unkritische Haltung zu den Grünen auf Kosten einer parteipolitischen und inhaltlichen Unabhängigkeits- und Mehrheitsstrategie

- Versagen bei einer „Ein-Forderung“ der Ziele mittels einer Kampagne zivilen Ungehorsams, der ein Minderheitenphanomen blieb

Besonders Ursel Beck, Vertreterin der Blockadegruppe der Parkschützer, ging mit der Leitung der Proteste deutlich ins Gericht:

Die populärsten RednerInnen und AnführerInnen der Proteste hätten sich nicht zum Zivilen Ungehorsam bekannt oder ihn gar mit ausgeübt. Anstatt ihn zur Chefsache zu machen hätten sie ihn an eine Untergruppe , die Blockadegruppe, delegiert.

Mit dieser „Arbeitsteilung sei für viele das Thema erledigt gewesen, man hätte nur diejenigen gewonnen, bei denen die Grundbereitschaft schon vorher da gewesen sei. Und damit fehlte dann auch das nötige Zusammenwirken, weil sich die Bewegung über diesen Punkt nicht vergewissert hatte.
Der „30.9″ ., die Verteidigung des Schlossgartens gegen die Polizei,sei das einzige Massenphanomen des zivilen Ungehorsams geblieben – und dabei eher zufällig zustande gekommen.

Ein Mitglied der Blockadegruppe ergänzte: Ihm sei schon bei der angedachten Massenblockade gegen den Nordflügelabriss, die im Hunderterbereich der TeilnehmerInnen hängen blieb, klargeworden dass in Stuttgart so etwas nicht ginge wie in Gorleben oder an der Startbahn West.

Es seien eher die Bauern mit eigenem Land als die Städter, die Widerständigkeit zeigen würden.

Eine Selbsttäuschung sei auch die „virtuelle Mobilisierung“ über die Parkschützer-Website gewesen. Die hätte etwas simuliert, was nicht in reales Handeln umzusetzen war.Vom“PC“Tiger zum Bettvorleger kann also nicht nur als „Political Correctness“ sondern auch „Personal Computer“ gelesen werden…..

Ob mensch nun über diese Selbstkritik zu einem neuen Selbstbewusstsein kommen könne, blieb bei der gut besuchten Veranstaltung offen. Oder zumindest dem Urteil der/des Einzelnen überlassen.
Eine Politisierung respektive Ausweitung auf andere Politikfelder (das war auch immer ein Streitpunkt in den Organisationsstrukturen) wurde angemahnt, ebenso neue praktische Kampagnen (kollektives, politisch motiviertes Schwarzfahren aus Protest gegen die Leistungseinschränkungen bei der Stadtbahn).

An diesem Montag wurde auch das Urteil beim Landgericht über die zwei Frauen gesprochen, welche sich am Bahnhof und im Park angekettet hatten: Vierzig Tagessätze wegen Erfüllung des Tatbestands des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.