12 Uhr mittags vor der LH-Zentrale

Das Ganze wirkte wie eine von einem Filmregisseur einstudierte Choreographie: Praktisch lautlos, unterstützt von dem Soli-Hupen eines Truckers , marschierte eine Phalanx von etwa 100 PilotInnen und Piloten auf die Lufthansa-Verwaltung zu. Genau zum High Noon kamen sie in Hör- und Rufweite eines zahlenmässig leicht überlegenen Pulks von Gegendemonstranten. Die waren dem Aufruf des LH-Konzern-Betriebsrates „Boden“ gefolgt und forderten lautstark „Schlichtung jetzt“.

Als die Piloten vorbei liefen und zu ihrem Kundgebungsplatz vor dem Lufthansa-Gebäude einbogen, waren aus den Reihen der Gegendemonstranten Rufe wie: „Piloten, geht doch zu Ryanair oder Easyjet“ und auch das böse Wort der „Kollegenschweine“ zu hören.

„Was sie als Erhöhung fordern, haben viele Kollegen der Station Frankfurt als volles Gehalt“, rechtfertigt Rüdiger Fell von der „Vereinigung Boden“, einer der vier im Frankfurter LH-Bodenbetriebsrat vertretenen Listenverbindungen, die offene Distanzierung von den fliegenden KollegInnen. Bei Lufthansa haben viele MitarbeiterInnen des Bodenpersonals kein Vertrauen in die Liste VerDi und deshalb unabhängige KandidatInnen gewählt. Ebenso ist es eine Reaktion auf Spartengewerkschaften wie Cockpit oder UFO.
VerDi, welche ja den Anspruch hat sowohl das Personal in der Luft und am Boden zu vertreten, hat sich mündlichen Angaben zu Folge im Gremium enthalten und später nach aussen vom Gegenprotestaufruf distanziert.

Eigentlich sind ja die Boden-Demonstranten die „Good Guys“. Einer beteuerte: „Die erste Demo meines Lebens“. Und doch sind sie eigentlich nur Statisten in einem Konflikt, in dem sie in faktischer Macht- und Organisationslosigkeit wenig mitzureden haben. Wenn sie den Konflikt weiter in Fahrt bringen und zuspitzen, unterstützen sie letztlich die Strategie der „Vereinigung Cockpit“. Aber auch wenn das Management gewinnt, haben sie wenig zu lachen. Die Angst ist: „Was die mehr kriegen, ziehen sie uns ab“. Auf den Bodendiensten lastet der höchste Rationalisierungsdruck (Stichwort: Selbstabfertigung) im Unternehmen. Deshalb auch die Forderung : „Zeigt Solidarität mit KollegInnen und KundInnen“ oder: „Ihr sägt an dem Ast, auf dem wir alle sitzen“

Das schienen die PilotInnen und Piloten wohl nur beschränkt so zu sehen, als sie in stoischer Ruhe und mild lächelnd an den Bodenleuten vorbeiliefen.
Polizeieinsatzleiter Peter Seiler hat die kritischste Situation des Mittags hinter sich, als die Boden-Leute über die Strasse stömen, aber wie geplant vor einem Flatterband halt machen, welches sie von den Cockpit-Leuten trennt. Die Polizeiführung hat den Boss der Boden-Leute zur Seite, der über Megaphon beschwichtigt, als ein paar Piloten und „Flügellose“ beginnen, sich gegenseitig Stinkefinger zu zeigen.
Als das bereinigt ist , kann sich P.Seiler der Verkehrsregelung am teilgesperrten Airport-Ring zuwenden. Neben locker verteilten Landespolizisten sind es Mitarbeiter des privaten LH -Sicherheitsdienstes, welche die Gegendemonstranten auf Abstand halten.

„Schlichtung jetzt“ – gegen die Verzögerungstaktik der Piloten- skandieren die Einen, „Angebot-Angebot“ die Anderen. Es ist ein bischen verkehrte Welt und Klassenkampf von halb oben- es sind die Piloten, die kapitalismuskritische Töne anstimmen: Das Ziel des Lufthansa-Managements sei eine tariflose Zone, man sei aber stark und solidarisch genug, ein solches Ansinnen so weit abzuwehren, dass das Unternehmen letztlich einknicken müsse.

Sprüche wie „Nonstop Nullrunde“ (statt“ Nonstop yours“) oder „Da geht noch was“ sind es , die die braven Bodenleute auf die Palme bringen. Dabei haben die Piloten damit durchaus recht, wenn sie auf den letztjährigen Unternehmensgewinn von Lufthansa über 1.800 000 000 Euro verweisen. Da geht noch was – aber für wen ?

Redner der VC Cockpit beteuerten, es ginge nicht darum, den Unternehmensaufbau von Eurowings zu sabotieren. Es ginge hier nur um die gemeinsamen Anliegen der gesamten Pilotenschaft des Lufthansa-Verbunds.
Da sind wir wieder beim leidigen Thema Geld, das ebenso wie es spaltet auch wiederum verbindet. Insofern war auch für alle, die auf Widersprüche im System der Wachstumsmaschine Luftverkehr gehofft hatten, nichts zu holen.
Sicher wird es den Bodendemonstranten nicht unbedingt schmecken, dass sie mit ihrer Gegendemo die Forderung des Wirtschaftsflügels der CDU nach einer Einschränkung der Tarifautonomie über ein gesetzlich formulieres Instrument der Zwangsschlichtung befeuern.

EU-Luftkommissarin Violetta Bulc forderte im europäischen Wirtschaftsinteresse, den Konflikt schnellstmöglich und nicht-selbstzerstörend beizulegen:
„Die Akteure im Luftverkehr sind so eng verwoben, dass das Verhalten nationaler Interessengruppen erhebliche Kosten für alle Beteiligten in Europa verursachen kann.“

Also doch „Showdown an der LH-Zentrale“ mit den unabhängigen Piloten gegen den Rest der Welt(wirtschaft) ? Wohl nicht. Sie werden sich trotz markiger Worte am Ende wohl auszahlen lassen – sind ja relativ wenige, im Vergleich zum Fuss- und Bodenvolk….
Hier und heute demonstrierte jede(r) für sich.


1 Antwort auf “12 Uhr mittags vor der LH-Zentrale”


  1. 1 vega -lounge 02. Dezember 2016 um 11:32 Uhr

    Beobachter meinten, bei der Betriebsrat-Demo wären ziemlich viele Leute aus der Lufthansa-Verwaltung gewesen, aber wenig typische Schalter-Beschäftigte. Da würde sich -was den „Klassengegensatz“ betrifft, so manches wieder relativieren.

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