Besuchen sie die Mauer, solange sie noch steht

Die Sprüche und Spuren auf der Mauer und was sie bedeuten – – –

Der südliche Teil der Startbahn West ist mit einem Bauzaun „gesichert“. Der „Rückbau“ der Mauer steht bevor. Aber der Kolonnenweg vor Zaun und Mauer ist -noch- problemlos zu benutzen. Wie wäre es mit einem etwa 4,5 Kilometer langen Spaziergang vom Südtor an der Kopfseite der 18 West entlang der Ostseite bis zum Tunnel an der Okrifteler Strasse ?

Schauen sie sich die Sprüche und die Narben an der Mauer an.

Es ist auch ein Eintauchen in die Vergangenheit, welches in dieser Form bald nicht mehr geht. Die Mauer und die Sprüche darauf können viele Geschichten erzählen. Hier ein kleine „Mauererklärung“, welche das Verstehen erleichtert…..

Südtor an der Startbahn West

Dieses Tor war zu Zeiten der Startbahn-West-Auseinandersetzung das Haupt-Ausfall-Tor für die Polizei, etwa für die Turnschuhbrigade. Und für die Wasserwerfer der Reihen Wawe 4 und Wawe 9 („Mammut“).

„30 Jahre Hessischer Herbst 1981-2011″

Neuester Spruch auf dem Tor. Soll auf die hessischen Parallelen zum „Deutschen Herbst“ 1977, als die Grundrechte teilweise ausser Kraft gesetzt wurden und ein unerklärter Notstand galt, erinnern.

„750. Sonntagsspaziergang“ „1000. Sonntagsspaziergang“

Die Daten, die dabeistehen, sind mit Vorsicht zu geniessen. Aber so in etwa stimmt es schon. Richtig los ging es mit den Sonntagsspaziergängen nachdem die Mauer stand, also Anfang März 1982. Anfangs wurden sie auch von der Gesamt-BI propagiert. Aber schon Ende März gab es eine Teil-Distanzierung, weil man fürchtete, die Präsenz an der Mauer würde die BI zu sehr auf militante Auseinandersetzung polen.

Bis lange nach den Schüssen kamen Menschen in dreistelliger, 1982/83 sogar vierstelliger Zahl, jeden Sonntag an die Mauer. Das nahm dann sukzessive ab, geht aber bis heute. Da sind es nur noch 5-10 Leute meist 2 mal im Monat, nicht immer am angestammten Treffpunkt an der Südostecke. Weil manche schlecht zu Fuss sind, ist oft an der Schutzhütte am Fischteich Schluss.

„Keine Startbahn West“

Grossparole über ca. 10 Meter in blau und schwarz. Als sie im Sommer 1982 entstand, machte sie durchaus -noch-politisch Sinn. Das grosse „K“ wollte später von uns natürlich niemand überpinseln.Das Malen dauerte unter Wasserwerferbeschuss zwei Sonntagnachmittage. Es gab einen Vorläufer im Winter 1981, die legendäre Holzverzierung des Maschendrahtzauns am Sieben-Hektar-Gelände.

„Die Ohnmacht des Volkes ist die Macht des Staates“

Als diese Parole 1982 entstand, waren Ohnmachtsgefühle stark ausgeprägt . Sie mussten zur Rechtfertigung von so manchem mächtigen Impuls herhalten, der manchmal auch nicht so toll war….

Hessen hat`s – satt

„SPD regiert Natur krepiert -CDU applaudiert- Hessen hat Wut“

Abwandlung des Mobilisierungsslogans der Hessen-SPD zur Landtagswahl am 26. September 1982.
Der lautete (glaub ich) : SPD regiert CDU opponiert -Hessen hat`s gut

„Mausoleum der Hoffnungen in die SPD“

Viele wollten sich mit dem „kleineren“ Uebel nicht mehr abfinden, glaubten die SPD täte alles, um die Macht nicht zu verlieren. Parole kann Spuren einer Wahlempfehlung für die (damaligen) Grünen enthalten…

„Die Zukunft ist auch nicht mehr (das) was sie mal war“

Dürfte eine Parole der Punk- oder der Null- Bock und Tu Nix -Bewegung sein, traf aber auch genau den Nerv der Friedens- und Oekologiebewegung mit ihren Zukunftsängsten.
Ist gut zu lesen, weil vor einigen Jahren -bis auf ein Wort-nachgemalt. Sie hat schliesslich in Schüben immer wieder neu Konjunktur.

„950.Sonntagsspaziergang“

Die Parole entstand im April 2000 zu eben diesem Anlass, wahrscheinlich als Hintergrund zu einem Gruppenfoto. Im neuen Jahrtausend malte fast niemand mehr an der Mauer. Vielleicht gerade deshalb, weil es die Fraport nicht mehr juckte.

„Weiterarbeiten am Modell Deutschland“

SPD -Wahlkampfparole der Aera Helmut Schmidt vom Herbst 1976, wurde wohl hier angebracht um widersprüchlich zu wirken.

Holger Börner: Ich will das jeder Hesse sein Maul hält – wählt SPD“

Parodiert die auf die Person Holger Börner fokussierte „Ich will“-Wahlkampagne der SPD zur Landtagswahl 1982. (Beispiel: Ich will, dass jeder Hesse eine Wohnung hat, die er bezahlen kann – – Ich will, dass Hessen das waldreichste Land der Bundesrepublik bleibt.)

„Auflösung der Militärblöcke in Ost und West“

Das war die Kernforderung der (von der DKP) unabhängigen Friedensbewegung als Konsequenz aus der Angst vor dem Versagen des „Gleichgewichts des Schreckens“.

Anarcho-Faust

Eine der wenigen nonverbalen Mauerverzierungen. ( „ob gewaltfrei oder militant, entscheidend ist der Widerstand“
)
„Zoo“
„Einwurf- ein Stein“

dann ging der Wasserwerfer an.

„Zoo“ gab es auch in Abwandlungen. Etwa„Bullengehege“ Und, schon legendär: “

Vorsicht ! Männliche Tiere spritzen ins Publikum“

Damals war die Bereitschaftspolizei noch rein männlich, und wenn queer dann heimlich.

„Lieber den Baum an der Mauer als die Faust in der Tasche“

Mit Baumstämmen, die nicht dicker als der Abstand zwischen zwei Streben und auch nicht morsch sein durften, wurde die Mauer geknackt. Ann dieser Stelle war sie aber -fast- zu stabil dafür. Dazu später mehr.

Wir sind jetzt an der Stelle mit den allermeisten Parolen, an der Südostecke. Hier war es am besten zum Zores machen, denn man konnte in beide Richtungen die Mauer lang blicken und es gab auch eine gute Bühne für die Mauergucker und die Gaffer. Und hier begann der Hochwald, der Rückzugsmöglichkeiten bot. Zudem wurden die Parolen hier halt auch am meisten gelesen.

Weder Startbahn West noch Startbahn Ost

Fundamentalopposition ? Eher die -begründete- Angst vor dem nächsten Ausbauschritt..

„Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Startbahnwald“

Abwandlung des bekannten Webeslogans der Wienerwald-Kette vom hähnchenbratenden Gastronomen und Unternehmer Friedrich Jahn.
Ging am 30.8. 1982 spektakulär pleite, war also in doppelter Hinsicht in aller Munde. Parole dürfte dann auch etwa so alt sein.

„Sollbruchstelle“

Das war das erklärte Ziel der Attacken – die Mauer einreissen. Weil sie dazu reizte – Psychologen sagen Aufforderungscharakter – war sie für die Erbauer in gewisser Weise eine Fehlkonstruktion. Eine nicht-durchschaubare und höhere Mauer wäre wohl in mancher Hinsicht, vor allem für die Polizei,besser gewesen. Unvergessen der nächtliche Versuch 1982, ein Mauerelement durch ein trojanisches Holzmauerstück zu ersetzen. („Beton brennt doch“)

„Auf der Mauer auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze.“

Richtig wäre : „Sitzt ne kleine Wanzen“. Geht nämlich weiter: Seht Euch mal die Wanzen an, wie die Wanzen tanzen kann. Beim nächsten Vers fällt das letzte „N“ weg, und möglichst auch etwas schneller singen. Und dann immer so weiter, bis das Wort alle ist.

„Auf die Dauer hält keine Mauer“

Deshalb gibts jetzt einen Zaun. Aber wer das geschrieben hat, dürfte auf was anderes gehofft haben….

„Nato-Startbahn“

„Die Startbahn West ist die Drehscheibe für einen dritten Weltkrieg, der -mit Atomwaffen geführt- der letzte sein wird.“(Petra Kelly)
Die Startbahn West bot Kapazität, wie sie selten in Friedenszeiten, aber immer in Spannungszeiten gebraucht wurde, solange der REFORGER -Airlift bestand….

„Sonne statt Reagan „

Wer kennt ihn noch, den ohne-Rüstung-leben -Song von Joseph Beus. ? Ob West, ob Ost, auf Raketen muss-Rost !!!

Re(a)gen bringt Segen.

Abgewandelter Wohnzimmerdeckchen-Spruch unserer Urgrossmütter

„Ihr Gewissen war rein. Sie benutzten es nie“

Spruch gemalt von einer 16 -Jährigen, die in ihr Leben bisher nur einmal an der Startbahn war. Der prominent plazierte Slogan von 1982 hatte Bestand. Eigentlich das richtige Segment, um etwa an der Hüttenkirche erhalten zu bleiben.

„Leute bleibt auf der Lauer, dann knacken wir die Mauer“

Durchhaltespruch. Wenigstens die Mauer knacken, oder vielleicht doch irgendwie die Startbahn noch verhindern ?

Lieber…. als grau

Echt ein Problem: Immer mehr Parolen sind so von der UV-Strahlung ausgeblichen, dass sie nicht mehr lesbar sind. Vor allem die nicht gemalten, sondern gesprühten. Und: Rote Farbe taugt auf Dauer nix.

„Asyl bleibt“

In Jahr 1982 gab es sehr viel Flüchtlinge, und wie 10,20,30 Jahre später – Bestrebungen, das Asylrecht einzuschränken.

„Keine Startbahn-Piste für Holgers Düsenkiste“

So, das reicht erstmal und mir reichts für heute. In der Zeit vom Tippen hätte ich ja zweimal um die Mauer laufen können.


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