Das Aufwachen von Solidarität….

Kann Solidarität schlafen, aufwachen ? In der Sprache des Schriftstellers Peter Härtling, der vor knapp zwei Wochen gestorben ist, schon. Peter Härtling spielte eine ganz wichtige Rolle im Widerstand gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens, auch wenn er selbst daran kaum teilnahm. Das ist kein Widerspruch. Wirklich. Das „Wirkliche“, wenn es heilsam wirksam war, war ihm immer wichtig.,In Walldorf nahmen auch etliche Menschen aus dem Flughafenprotest an der recht unprätentiösen Beerdigung teil. Und konnten sich dort willkommen fühlen.

Peter Härtling ist aus den Erlebnissen seiner Kindheit heraus politisiert worden. Er hat sich zeitlebens damit beschäftigt, wie und warum sich Menschen Schlimmes antun können und was sie dagegen machen können. Zivilisition war für ihn etwas sehr Brüchiges. Etwas, das Menschen zu Krüppeln machen kann, die zu normalen -sprich menschlichen- Empfindungen nicht mehr imstande sind.

Wenn nicht ihre Solidarität aufwacht. So eine Notwendigkeit ergab sich für ihn daraus , den angestammten Wald vor der Flughafen AG
zu schützen „Der Wald hat uns beigebracht , weniger egoistisch, sondern füreinander zu handeln“ schrieb er 1980 auf dem ersten Höhepunkt der Startbahnauseinandersetzungen.

Ganz praktisch passierte das durch seine Mitgliedschaft im Kirchenvorstand der evangelischen Kirchengemeinde Walldorf. Der stellte damals seine Räume für das BI-Büro zur Verfügung, welches auch als „Zivilisationsanbindung“ für das neuentstandene Hüttendorf diente.

Ohne politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und ohne Uebernahme sozialer Verantwortung im Gemeinwesen kann Protest nicht mehrheitsfähig werden und Radikalität nicht im positiven Sinn politisch wirksam . Das ist ein Stück Erklärung für das Geheimnis, wie nachhaltiger Widerstand funktioniert.

Was im „praktischen Widerstand“ , was unter anderem im Hüttendorf so passierte, war seine persönliche Sache eher nicht. Sein Sohn Fabian erwähnte auf der Beerdigung, dass der Vater es eher als „Abenteuerspielplatz“ ( oder Soziallabor ?) seines Sohnes und der anderen jungen Leute wahrgenommen hätte. Aber kein Grund, nicht auch einen „Abenteuerspielplatz“ über und über mit Büchern zu füllen, die seinerseits auch auf seine Initiative hin gespendet wurden.

Das Wort -er war Fachmann für Kommunikation, was für den Erfolg einer Bewegung wie der gegen die Startbahn West essentiell von Bedeutung war- fand für ihn seine Steigerung nur noch im geschriebenen Wort. Gut für ihn, im Herbst des Bücherzeitalters mit vielen demokratisch geführten Verlagen und einer lesefreudigen Gesellschaft gelebt zu haben.

Technokratie, gnadenlosem Fortschritt, Bürokratie und so etwas wie „Künstlicher Intelligenz“, welche der Aufrechterhaltung und Legitimation von Machtverhältnissen dienten, misstraute er -obwohl Sozialdemokrat- zutiefst.
Deshalb stand für ihn „Der Kampf um den Wald“ auch mehr als Synonym für den Kampf für eine bessere , menschlichere Gesellschaft.

„Der Wald erzählt uns von den Erinnerungen der Aelteren und soll das Leben und die Zukunft der Jüngeren aufnehmen Er hat seine Geschichte. Es ist die Geschichte der Menschen, die ihn pflanzten, die in ihm Holz schlugen, die Pilze suchten und Bucheckern, die ihre Not mit ihm teilten, die in ihm spazierten und ausruhten, die mit ihm atmeten.“

Für ihn als Kriegsflüchtling, der in Walldorf so etwas wie eine Heimat gefunden hatte, war die Verbundenheit der Bevölkerung mit ihrem Wald, der ihr gerade in Notzeiten wichtig geworden war, sehr nachvollziehbar.
Aber eine Verbundenheit, die nicht in Partikular-Egoismus umschlagen dürfe: „Vielleicht sehen wir ein, dass… Wald für Vieles steht. Dass wir jenen helfen müssen, die keinen Wald mehr haben. Die hungern, kaum mehr atmen können. Vielleicht sehen wir ein, dass wir zuviel haben und darumso viel, nur um noch mehr zu haben, aufs Spiel setzen.

Peter Härtlings Blick ging auf die entstehende Friedens- und Solidaritätsbewegung. Und er las auf einer Lesung im Hüttendorf im Dezember 1980 Sätze, die beinahe prophetisch sind:

„Vielleicht bringt der Wald uns bei, nicht nur ans uns zu denken,sondern, um zu überleben, auch an jene , die jetzt schon ums Ueberleben kämpfen, auf unsere Solidarität angewiesen sind.

Und wenn sie sie nicht bekommen, wie Ertrinkende um sich schlagen werden“.


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