Besuchen sie die Mauer… Teil 2

Beim letzten Mal haben wir es um die Mauerkante herum auf die Ostseite geschafft. Jetzt geht es drei Kilometer stur geradeaus. Wird aber nicht so anstrengend und auch kurzweiliger, als es aussieht….

Wie schon erwähnt, finden wir uns an der Stelle der grössten Buchstabendichte an der Startbahnmauer. Aber auch ein Bildchen gibt es wieder mal zu sehen:

Mauer- Männchen

Ein nicht vollständig sichbares Gesicht, das über eine Mauer linst. Nase hängt drüber. Weil es keine Haare hat, damals als selbstverständlich maskulin eingestuft. Solche Zeichnungen zierten vieltausendfach Schulhefte und auch Schulbücher. Da ist es wahrscheinlich, dass es eine Vorlage gibt. Kommen Mad-Heftchen in Frage ?

„Unser Wald soll schöner werden

Bezieht sich auf die Kampagne „Unser Dorf soll schöner werden“, mit der die Landesregierung kommunale und private Eigenaktivitäten im ländlichen Raum anregen und bündeln wollte.

„Brückeneröffnung 14.3. 1982″

An jenem Märztag mussten die SonntagsspaziergängerInnen feststellen, dass ein 1,5 Meter tiefer Graben längs um die Mauer gezogen worden war, und das trotz wasserrechtlichem Baustopp. Um trotzdem direkt an die Mauer zu gelangen, wurden Aeste und Zweige über den Graben gelegt , bis es möglich war drüberzulaufen. Die „Brücke“ hielt ein paar Stunden, der Spruch darüber 35 Jahre….

„Ihr Gesichter“

Auge um Auge, Auge in Auge….
Dafür gibts daneben besänftigende Blumenbildchen. Mit Flugzeugkörper als Stil.

„Besatzungstruppen raus“

Könnte eine US-feindliche Parole der Autonomen oder eher der Anti-Imps darstellen, aber auch gegen die Startbahn-Polizeipräsenz aus Frankfurt, Hanau, Steinheim, Wiesbaden, Kassel und darüber hinaus gerichtet sein. Wohl beides.

„Natur ich liebe dich“

Ist das eine Abwandlung von „Die Natur hat immer recht“ ? oder „Die Natur wird sich rächen“ ? Da haben wir Menschen, aber alle zusammen, nix Gutes zu erwarten, wenn die Liebe nicht erwidert werden sollte….

Baumrest in der Mauer

Gibt es an mehreren Stellen zu sehen- Schnellwachsende Bäume hatten sich so vehement durch die Mauer gekeilt, dass sie in der grossen Round up-Freischneideaktion der Fraport nicht mehr vollständig zu entfernen waren.

Startbahnbau ist Kriegsvorbereitung

Zeittypische Parole. Klingst aus heutiger Sicht etwas aus der Welt- aber Anfang der 80er hatten zahlreiche Infrastrukturprojekte einen militärisch-strategischen Hintergrund. Es gab einen „host nation support“, eine Unterstützungspflicht der Länder, in denen US-Truppen stationiert waren, sich für einen möglichen Kriegsfall zu ertüchtigen – insbesondere für den Aufmarsch.
Dazu gehörte beispielsweise der vordringliche Bau der A 66 einschliesslich des Frankfurter Alleentunnels, der Standorte im Westen und Osten Frankfurts mit dem HQ des 5. Armeekorps und dem Flughafen verbinden sollte.

Knackt die Mauer ? Verhindert die Startbahn !!!

Hinter dieser Parole mit dem wohl nachträglich angehängten 2. Teil verbirgt sich der alte Streit der Militanten und der Gewaltfreien um das richtige Widerstandskonzept . „Gewaltlos werden wir den Wald los“ sagte die eine Seite. Die andere Seite sah in den militanten Auseinandersetzungen nicht nur Ersatzhandlungen, sondern auch Unterbindungshandlungen für breiten Massenwiderstand.

Die Wahrheit liegt wohl -wie meist- irgendwo dazwischen. Zumindest das „Drohpotential“ militanter Aktionen kam auch der Relevanz der Gewaltfreien zugute. Und im März 1982 nützten weder militante noch gewaltfreie Aktionen etwas – das Geschehen hatte sich vom Wald in den Wahlkampf verlagert.
Fest steht: Mauerknacken als Selbstzweck ist/war zuwenig.

SDAJ

Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend. War auch an der Startbahn mit dabei. Hatte nur deshalb was zu sagen, weil es in Städten wie Mörfelden und Rüsselsheim noch funktionierende DKP-Ortsverbände gab. Dort schlug die Kaderorentierung der Organisation und ihre -auch finanzielle- DDR-Hörigkeit nicht so durch. Auch viele Uni-Profs waren Spartakus-Sympathisanten. Offen gings nicht.
Wer kennt sie noch , die AusträgerInnen mit dem Spruch: „Die neue Elan !!!“ Wer sein Soll übererfüllte, hatte eine Chance auf einen Urlaub im Jugendobjekt am Müggelsee.

Anarchie ist machbar, Herr/Frau Nachbar

DKP- und generell staatsfeindlicher Berliner Anarcho/Anarcha Spruch. Damit mussten sich die Frankfurter damals abfinden: Das Herz des Widerstands schlug in der „echten“Mauerstadt.

Dachlatten für Alle

Im Mai 1982 gab Ministerpräsident Holger Börner der Zeitschrift „Bunte“ aus dem Burda-Verlag ein Interview. Es titelte „Börner-des Kanzlers letzte Hoffnung“ Die Auseinandersetzungen um die Startbahn West spielten darin eine wesentliche Rolle. Börner machte einen Faschistenvergleich „schon einmal ist in Deutschland eine Demokratie von der Strasse gestürzt worden“ und einen Aufruf zur Selbstjustiz “ ich bedaure, dass es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins in die Fresse zu hauen.“
Das bekräftigte er mit der griffigen Formulierung: „Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt“

Selbst die FAZ fragte, ob er da eine solche vorm Kopf hatte….Börner, ein Autonomer ? Das hätten die Autonomen gerne gehabt. Sich mal mit dem Börner prügeln und gucken ob der Dicke noch was drauf hat…. Er schickte dann aber doch immer nur die Polizei und ging mit den Grünen. Betrug, Sauerei sowas .

Mit Power durch die Mauer
Es ist 1 Schande
----Bazooka----(unleserlich)

Dregger:“ Law and Order“

Dregger ist Reagan auf hessisch — das ist ein SPD Spruch, der auch von StartbahngegnerInnen allen Coleurs unterschrieben wurde. Manche sprachen gar von „Machtübernahme“ und dachten an 1932….
Von Alfred Dregger ist der Satz überliefert: „Der Zeitgeist hat sich geändert- er bringt die CDU an die Macht“. Wer sich über Lärm beschwerte, dem empfahl er ein Häuschen in der schönen Rhön („da gibt`s viel Natur“) Noch ein schöner Dregger-Spruch: „Wir brauchen mehr Handwerker und weniger Mundwerker“. Und Nobelpreisträger…..
.
Aber der Zeitgeist war Dregger nicht hold. Der etwas hölznern daherkommende osthessische Katholik kam in Süd- wie in Nordhessen nicht an.
47 Prozent der Mandate wären heute sensationell, nach der Hessenwahl 1982 führten sie wegen der Verfehlung der sicher geglaubten absoluten Mehrheit zu seiner Abdankung. Hessen war über Nacht rot-grün.

Fuck FAG

FAG ist „Flughafen Aktien Gesellschaft“. Wurde bald zwanzig Jahre später zur „Fraport AG“.Reimt sich nicht mehr so gut, und hat auch keinen Haustarifvertrag mehr…..

„Wasserrecht- Wer das Recht hat, hat die Macht --- wer die Macht hat, hat das Recht“

Am 4.3. 1982 hob der hessische Verwaltungsgerichtshof die vorläufige wasserrechtliche Genehmigung für die Inanspruchnahme des Grundwassers im Bereich der Startbahn 18 West auf Betreiben des Umweltverbandes BUND auf.
Im Kern ging es bei dem Streit um die Frage, ob die Eingriffe in das Grundwasser im Bereich der Startbahn so gravierend wären, dass ein Planfeststellungsverfahren erforderlich oder eine Verordnung ausreichend sei.
Der Anwalt des BUND, Michael Hofferbert: „Nach 30 Zentimeter kommt schon das Grundwasser“
Entschieden wurde: Es ist kein Grundwasser, das über Vorfluter abgeleitet werden muss, sondern schnödes Oberflächenwasser. Am 1.4. 1982 gab Minister Hoffie (FDP) die wasserrechtliche Erlaubnis. Die Bauarbeiten gingen nach dem Baustopp sofort weiter.

Und heute? Der BUND hat kein Recht bekommen, aber Recht behalten. Das einstige Feuchtgebiet ist versteppt, der Grundwasserpegel gefallen und das regionale Klima hat sich negativ verändert – eine Konsequenz aus dem massiven Waldeinschlag.

Jetzt haben wir schon ein gutes Stückchen Richtung Aschaffenburger Strasse geschafft. Rechts mündet gleich die Dürrbruchschneise, wo die Sonntagsspaziergänge Richtung Walldorf zurück abbogen – den Wasserwerfer im Rücken. Von dem „dürren Bruch“ mit seinen vom Wasser überfluteten Baumskeletten ist nicht mehr viel zu sehen, die Eschen, die viel Wasser brauchen, leiden.

Heute gibts Wasser von oben statt von hinten, normalen Landregen, über den ich froh bin….und jetzt abbiege und es gut sein lasse für heute.


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