Besuchen sie die Mauer….Teil 3

Puh, ganz schön laut hier. Es ist 14 Uhr, und im 5-Minuten-Takt starten die Dickschiffe der Lufthansa. Allerdings kommen sie an die Geräuschentwicklung einer vollbeladenen Galaxy nicht annähernd heran. Wir setzen den Weg entlang des Zauns vor der Mauer fort…

„Gries ist mies“

Das Graffiti dürfte vor der September-Landtagswahl 1982 entstanden sein, denn da trat Ekkehard Gries (1936-2001) , hessischer Minister des Inneren seit 1976, von seinen (Partei)ämtern zurück.Er war Spitzenkandidat für die FDP und übernahm die politische Verantwortung für die unter dem Slogan „Wir schaffen den Wechsel“ erlittenen Wahlschlappe.

Haut die Bullen platt wie Stullen

Berlinerisch. Stulle = Zwei Scheiben Brot mit wat dazwischen. Dazu gabs Mucke-Kaffee aus der Thermoskanne = Vorläufer des Coffee to go.

Kämpft mit Mut und Phantasie – Darin schlagen sie uns nie

Gewaltfreien-Spruch

Wir vergessen nichts

Das ist die 5-Prozent-Hürde der FDP
(mit Pfeil an der Mauer von unten nach oben)

F.ast D.rei P.rozent, so wurde die FDP nach dem Wahldesaster 1982 belächelt. Es waren zwar immerhin 3,1 Prozent, aber die 5 Prozent-Hürde war klar unterboten. Dass die FDP so schlecht abschnitt, verdankte sie zum einen der strategischen Konkurrenz der Grünen als neue bürgerliche Partei, vor allem aber der von ihr betriebenen (geistig-moralischen)“Wende“ (auch) im Bund. („Verrat in Bonn“). Der Beitrag der Startbahn war nur ein Faktor zur Niederlage.

Die Natur hat immer recht

Noch so ein Naturrechts-Spruch. Aber es kommt wohl auch darauf an, wer sie am besten interpretiert und erklärt (siehe Wasserrechts-Streit um die Auswirkungen auf das Grundwasser).

Und: Von den Abgründen des völkischen (Natur-)Blutrechts bis zu dem visionären naturrechtlichen Gedanken der Unverletzlichkeit der Würde des Menschen ist ein breiter Raum, der wohl mit Normen des positiven Rechts gefüllt werden muss…..

RAF Brigaden und mein Opa- Eine Front in Europa

Christian Klar war nie Brigadegeneral. Er führte nur ein klitzekleines Kommando. Und Opa hätte ihn vermutlich verraten.

Albrecht von der Leine an die Leine in die Leine nicht alleine Schmidt muss mit

Ernst Albrecht (1930-2014) seinerzeit niedersächsischer Ministerpräsident. Atompolitiker, Herrenreitertyp. Hatte in seinen letzten Jahren das Glück, das nicht alle demenzerkrankten Menschen in ihrem Pech haben: Eine Tochter, die sich um ihn kümmerte.

Den Wald habt ihr abgeschlagen aber unsere Köpfe sitzen noch fest

Nun, es gab etwa ein Dutzend Schädelbasisbrüche an der Startbahn durch Holzknüppel. Mit den Folgen musste jede/r individuell klarkommen. Damals wurde noch nicht so viel kriseninterveniert, auch bei der Polizei nicht.

Nichts bleibt so wenn wir es ändern

Ich kenne kein palästinensisches Volk, nur Terroristen (Begin)

Als diese Parole gesprüht wurde, hatte Israel im libanesischen Bürgerkrieg interveniert. Vom 16 -18 September 1982 kam es zum Massaker in den Palästinenserlagern von Sabra und Shatila durch christliche Milizen unter israelischem Schutz.

Menachim Begin (1913-1992) , der Inbegriff des „Falken“, war revisionistischer Zionist und galt als DER Gegenspieler Arafats.
Der Spruch stammt aber nicht von ihm, auch wenn er ihn vielleicht mal vor der Knesset zitiert hat, sondern wohl originär von Golda Meir.

Selbstbestimmungsrecht für das palästinensische Volk

Nieder mit dem Kapitalismus

Schiessscharten wie im Mittelalter

Der Nachteil der Betonbauweise: Die Streben mussten deutlich dicker sein als bei einer reinen Metallkonstruktion.

An meine Haut lasse ich nur Wasser und CN

Eine der wirklich legendären Parolen, weil mit Sprühfarbe aufgetragen ist sie kaum noch lesbar.

CN (w= chloracetophenon) ist ein Kampfstoff zur Aufstandsbekämpfung, der als sogenanntes „Reizgas“ dem Wasserwerferwasser beigemischt oder als Gaskartusche verschossen wurde. Ist als Kriegswaffe völkerrechtlich geächtet .Machte ohnehin keine Karriere als Giftgas, weil nicht wirkungsvoll genug. Ist als potentiell krebserregend eingestuft und für Asthmatiker lebensgefährlich.

Der Spruch ist eine Abwandlung des Werbespruchs „An meine Haut lasse ich nur Wasser und CD“ . CD heisst „clear and distinct“ und ist eine Pflegeseife der Elida GmbH /Unilever. Hatte in den 80ern grosse Print-Kampagnen mit Gil Sander. Gilt als eine Ikone der Werbegeschichte.

Rachengold

Honk Honk

Limes 2000

Baum ? Ja bitte !

Gabs als Aufkleber, so ein Grinsebaum mir Lachgesicht, sollte einen positiven Gegenpunkt zu „Atomkraft-Nein danke“ setzen. War aber nicht so populär. Es gab auch deutlich mehr BAP- und Friedenstaubenaufkleber.

Terminal 3 stoppen

Das ist neu, steht da erst seit etwa 3 Jahren

Wieder ein Jahr ohne Kerosinsteuer

Ein Spruch aus den 2000er Jahren. Sagen wir mal er ist von 2008, da kämen inzwischen weit über 3000 Tage zusammen…

Keine Mauer steht auf Dauer

Weg mit der Ausländerfeindlichkeit- Schwarzer Afghane und Grüner Türke

Wohl von Seyfried inspiriert (Russen raus aus dem schwarzen Afghanen)

Wer hat uns verraten

Ein Ebert/Noske – Börner Vergleich
Eine „richtige“ Arbeiterbewegung war der Startbahnprotest aber nie.

Feuer und Flamme für die Startbahn West

heisst eigentlich: …für diesen Staat

Ist das die Startbahn für die Ewigkeit ?

Nicht unbedingt. Fraport und Ryanair hätten längst lieber ersatzweise eine weitere Süd-Parallelbahn.

Bullen zu Pflugochsen

Auch ein legendärer Spruch. Ableitung aus „Schwerter zu Pflugscharen“, steht bei dem Propheten Micha. Der war ein Kernslogan der Friedensbewegung in der DDR , dort in Abgrenzung zur Picasso-Taube. Mit dem Bild des Schmieds, der ein Schwert umschmiedet lies sich sogar dem Honecker eins auswischen, denn die abgebildete Skulptur ist von einem Russen.
Es gab noch eine Abwandlung: „Schwerter zum Flughafen“. Aber nicht auf der Mauer.

Jetzt ist erstmal Schluss mir Graffiti, Nur unleserliches Zeugs. Bis zum grossen Tor an der Aschaffenburger Strasse, die von der Startbahn durchschnitten wurde. Strasse? Ja tatsächlich, auch die Linienführung deutet bis heute darauf hin. Das war früher die „katholische Umgehungsstrasse“ um Frankfurt herum von Mainz nach Aschaffenburg. An ihr (Gundhof) war das Flüchtlingslager, aus dem später Walldorf entstand.

Hier steht, links vom Tor:

He ihr da im BH

und

Kinder haften für ihre Eltern

Spruch ist von der Anti-Atom-Bewegung geklaut, ebendiese Parole wurde aber als Titelzeile für einen Anti-Startbahn-Film gewählt.

Und rechts vom Tor steht:

Limes Boerneri

Legallien- Illegallien Wegweiser auf gelbschwarzgestreiftem Pfahl

Eigentlich falschrum- „Illegallien“ müsste zum Chaoteneck zeigen statt zum Flughafen. Eine erstaunlich guterhaltene Parole, obschon nachträglich drei Streben rausgeknackt wurden und durch Stahlträger ersetzt wurden.
Stammt aus einem Asterix- Heft. Ob es auch in dem bekannten Plagiat „Asterix im Hüttendorf“ enthalten ist kann ich nicht feststellen, ich hab kein Heft zur Hand.
Den Malern/ den Malerinnen passierte eine Peinlichkeit, die sich bei genauem Hingucken heute noch sehen lässt: Sie schrieben Ilegal statt Illegal. Und jemand musste die Nacht später nochmal raus, um das richtig zu drehen.

Jetzt kommt lange, lange nix. An der Aschaffenburger Strasse endet der Metall-Sicherheitszaun vor der Mauer. „Zäune für Europa“ steht übrigens drauf. Offenbar soll zuerst das Südteil der Mauer abgerissen werden.
An mehreren Stellen sind angeknackste Mauerstreben zu sehen. Weil sie nicht ganz rausgebrochen waren, wurden sie nicht ersetzt.

Und dann kommt irgendwann ein Bereich , wo fast alle Streben herausgeknackt sind und durch Metall ersetzt sind. Bei einem völlig ruiniertem Segment ist sogar ein Metall-Oberträger verbaut.

Bei der ersten Lieferung Mauerteile wurde entweder gepfuscht oder sabotiert. Der Beton war extrem brüchig und hatte die falsche Mischung. Trotz Stahlarmierung liessen sich die Streben mit nur geringer Hebeleinwirkung knacken.
Plötzlich hört das auf und es kommt ein längerer „heiler“ Abschnitt.
Das könnte daran liegen, dass beim Weiterbau der Startbahn ab Februar 1982 erstmal gute Betonteile verwendet wurden, und dann die schlechten von der Kopfseite des Baulos 1 umgesetzt und verbaut wurden.

Tatsächlich sieht mensch an der Mittelschneise, wo von November 81 bis Januar 82 der Südostkopf der Mauer von Baulos 1 war, genau den Uebergang von Beton auf Stahl.

Von der Feuerwache her heult eine Maschine, die im intersection-take-off auf die Startbahn einschwenkt. Bald könnten das die Ryanair-Maschinen vom Terminal 3 sein….
Hier ist die Mauer stark angegammelt, die Vegetation -obschon zurückgeschnitten- setzt wieder zum Angriff an.

Kurz vor der Startbahn-West-Feuerwache steht der einzige mit Schablone gesprayte Spruch:

Sie verlassen den demokratischen Sektor

Jetzt geht es geradeaus nicht mehr weiter und wir biegen nach Osten ab – entlang einer glatten, makellosen Betonmauer mit glänzender Stacheldrahtkrone.
Doch an der Ecke des ehemaligen Kieswerks endet diese unvermittelt und wir kommen zu mehreren 100 Metern Startbahnmauer. Die wurde -vermutlich- vom Südkopf hierher umgesetzt und schützt jetzt das „Holiday-parking“. Zu den Autos hin ist sie verschämt mit grünen Tennisplatz-Planen verhängt, die schon reichlich abgezehrt sind.
Dieser „unechte“ Teil der Mauer könnte den Abriss überleben. Und mit ihm der einzige Spruch, der- ausser einem „Tag“ der Sprayerszene- hier zu finden ist:

Die Mauer muss weg

Ausgerechnet! (grins).

Doch auf uns wartet noch ein Highlight:

Wir biegen scharf links ab und laufen auf dem Seitenweg der Okrifteler Strasse Richtung Tunnel.
Zum Flughafen hin steht eine Mauer aus Betonelementen , die hier seit der Verlagerung der Okrifteler Strasse zugunsten der Westverschiebung des Parallelbahnsystems Ende der 1970er Jahre existiert.

Sie wurde am 19.7.1981 Ziel einer Bemalungsaktion von TeilnehmerInnen des Hüttendorf- Musikfests.

Zu lesen- oder manchmal zu ahnen- sind Sprüche wie :

nicht brennt schade dass Beton

.
Ziemlich kryptisch. Die Sprüche sind auf aneinandergrenzenden Betonsegmenten, die bei der Umsetzung der Mauer nach dem Tunnelbau nicht wieder sinngerecht zusammengesetzt werden.

Wir lesen:

rund wie kiwis (Zivis ?)

Dope for the Pope

Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht

Auch Gemälde sind zu sehen, das Kraakersymbol und das Widerstandszeichen – ein „W“ im Dreieck.

Das sind die letzten (materiellen) Zeugnisse vom Hüttendorf, von der Hüttenkirche mal abgesehen.

Damit ist der Spaziergang zu Ende. Oder nicht ? An der Strasse in Höhe der A 380-Halle sind noch ein paar Relikte von der Robin Wood Waldaktion 2005.
Und es geht weiter…..


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