Bericht vom 2. Waldspaziergang

Der Zorn ist verraucht. Was bleibt, ist ein gewisses Gefühl von Leere. Gemeinsam wurde in den Wald gezogen, in kleinen Grüppchen wieder hinaus. Trotz dem- der Spaziergang war ein Erfolg. Schon, das er überhaupt stattgefunden hat….

Eigentlich war ja gar kein zweiter Spaziergang vorgesehen. Aber die Idee war, mit 150 oder 200 Leuten wiederzukommen – eben mit einem grösseren Publikum über das unmittelbare Umfeld des Waldcamps hinaus. Das ist nur im Einzelfall gelungen, nicht im Gesamtbild. Gekommen sind -immerhin- 80 Menschen zwischen 1 und 74 Jahren. Gerade aus den Nachbarorten wie Zeppelinheim oder Walldorf waren nur wenige Leute da. Eine öffentliche Mobilisierung hätte da bestimmt gut getan – es gab aber keine Organisation, die dies hat übernehmen können, sollen, wollen.

Die Polizei war diesmal etwas stärker präsent als in der Vorwoche. Dafür hatten sich die Fraport-Securities von der Zaun-Innenseite zurückgezogen. Devise: Bloss keine Anlässe für eine Konfrontation liefern.

Der Kuchenstand war diesmal am Waldsaum aufgebaut – das war vielleicht nicht so glücklich, weil sich die Leute zerstreuten und der Ort keine Versammlungsfläche bot. Und barrierefrei war das schon gar nicht. So entstand auch nur mit Mühe ein Forum zum Austausch von Diskussionsbeiträgen. Dabei ging es dann auch vornehmlich um den Frust über den Zustand der einst so schlagkräftigen Anti-Flughafenausbau-Bewegung. Deutlich wurde auch, dass fast alle als EinzelkämpferInnen vor Ort waren – feste Bürgerinitiativstrukturen gibt es kaum noch. Es sprach also jede/jeder für sich. Es gab einiges an Schuldzuweisungen und Vorwürfen. Immerhin, es wurde geredet. Und es gab die Absichtserklärung, dass ein trägerübergreifendes Treffen organisiert werden sollte. Dort könnte über die Bestandsaufnahme des aktuellen Protestes hinaus eine Strategiediskussion geführt werden.

Dr Wilk bezeichnete die gegenwärtige Verfasstheit des Flughafenwiderstandes als ungeeignet, neue und vor allem junge Leute zu gewinnen. Er wisse nicht, wo sich Menschen, die bei ihm anfragten, verorten könnten. Die Bewegung zerlege sich zudem intern mehr selber, als dass sie von aussen angegangen werde. Die Montagsdemos, zu denen er 2011 selbst aufgerufen habe, seien im Ritual erstarrt , seien politisch unwirksam geworden und es müsse über neue Formen nachgedacht werden. Es fehle eine politische Linie, wenn sogar AfD-PolitikerInnen in den eigenen Reihen zugelassen würden. Das hier heute noch einmal demonstriert werde, sei nicht dem bürgerlichen Widerstand gegen das Terminal 3 zu verdanken, sondern „ein paar jungen Leuten, die sich in die Bäume gehängt hätten“.

Er warf den Organisatorinnen der Montagsdemo insbesondere PolitikerInnenhörigkeit vor – er verstehe nicht, wieso man immer noch darauf setzte bei ihnen Gehör zu finden über ein Gefühl der persönlichen Anerkennung hinaus. Es sei nicht entscheidend, welche Koalitionen sich gerade neu zusammensetzten : „Wahlen kommen und gehen“. Was wirklich für den eigenen Erfolg zähle, sei der Aufbau politischen Drucks durch breite Bevölkerungsschichten mit weitergehenden Methoden des zivilen Ungehorsams. Er setze aber darauf, dass viele politisch bewusste Menschen auch für eine Thema wie den Flughafenausbau wieder zu gewinnen wäre, wenn sie das Gefühl hätten, dass es politisch etwas bringt. Wie gegenwärtig im Hambacher Forst. Dort gebe es aber eine besondere Situation, weil eine starke Bewegung auf eine politisch und wirtschaftlich angeschlagene Braunkohlenindustrie treffe. Solche Bedingungen habe man hier am Flughafen nie gehabt.

Monika Wolf riet dringend davon ab, die Montagsdemos aufzugeben. Insbesondere nicht, ohne eine Ersatzstruktur zu haben. Die Demos seien eine Klammer, Einzelpersonen zusammenzubringen und nach wie vor für diese Menschen ein politisches Sprachrohr. Das sei auch nötig, um Druck auf die Politik auszuüben. Sie sähe ihre Rolle in der Vermittlung und dem Ausgleich – etwa zwischen der Montagsdemo und den BewohnerInnen des Waldcamps. Man müsse auf die Bedürfnisse der unterschiedlichsten Leute eingehen, und niemand von vorneherein abwerten, wolle man wieder mehr Erfolg haben. Opfer des Lärms zu sein und Opfer des kapitalistischen Wirtschaftssystems – das sei doch kein Widerspruch. Deshalb sei es auch nicht zielführend, den Protest gegen Lärm als unpolitisch abzuwerten. Das Thema müsse vielmehr ausgeweitet werden Es ginge um den Erhalt der Lebensgrundlagen und der Lebensqualität. Damit wir beispielsweise auch morgen noch Trinkwasser hätten.

Offen blieb, wie es mit dem praktischen Widerstand weitergehen sollte. Darüber wurde fast gar nicht gesprochen. Die ehemaligen WaldbewohnerInnen gingen noch einmal in die Bäume und hängten eines der Plakate wieder auf: „Respect Existence or expect Resistance“. Als nächstes stehen unter anderem die Rodungen für den Kiesabbau bei Kelsterbach und 2019/20 bei Langen an. Letztere stehen auch im Zusammenhang mit dem Flughafenausbau, weil von dort Sand und Beton für den Hochbau des Terminal 3 geliefert werden soll.
Eine Wiederholung des Spaziergangs, so der unausgesprochene Konsens, ist „auf unbestimmt vertagt“.


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