Schnellweg – da ist der Wald ganz schnell weg

„Euphemismus“ ist griechisch und bedeutet „guter Ruf“. Der hier nicht verdient ist. Gemäss Fremdwörterlexikon bezeichnet der Begriff „eine unangenehme oder gefürchtete Sache oder Person mit einem wohlklingenden oder verhüllenden Namen .“ Ein gutes Beispiel dafür ist der „Ruhr-Schnellweg“, der eigentlich eine siedlungsnahe Stadtautobahn ist. Neuerdings wird viel von „Fahrrad-Schnellwegen“ gesprochen, die ersten wachsen derzeit in Rekordzeit. Realisiert werden sie hierzulande von der Regionalpark gGmbH. Die ist uns durch ihre enge Interessengemeinschaft mit der Fraport bekannt. Da müssten eigentlich bei Vielen die „grünen Alarmleuchten“ angehen….

Wer kennt es nicht, das Regionalpark-Symbol ? Es symbolisiert den Zusammenfluss von Main und Rhein und das Dreieck, darin, welches Frankfurt darstellt, sagt:“ Wir sind die Spitze“ . Doch wer die Natur liebt, der war die Regionalparkgesellschaft mit ihrem Slogan „Der Landschaft einen Sinn geben“ eigentlich nie so richtig sympathisch . Ist Landschaft an sich sinnlos ? Oder geht es der Regionalparkgesellschaft schlicht und einfach darum, den Sinn von Landschaft selbst zu bestimmen, im Sinne ihrer AuftraggeberInnen ? Das sind die Bosse von Unternehmen, Interessenverbänden, Parteien…..

Ursprünglich ging es der Regionalparkgesellschaft vor allem darum, bestimmte Freiräume auszuwählen, zu ordnen und aufzuwerten – nicht zuletzt um die Akzeptanz gleichzeitiger Naturvernichtung durch Siedlungsverdichtungen und Infrastrukturbauten zu erhöhen. Sie betrieb den Freizeitwegebau, in dessen Nahfeld Freiflächen und Grünzüge „aktiv als schöne Landschaften gestaltet werden sollten“. Diese Wege wurden um flächenfressende Gewerbegebiete oder Auto- und Startbahnen geschickt herumgeführt und teilweise bisher fast unberührte Zonen wurden neu erschlossen.

So entstand die Illusion einer wachsenden intakten Natur inmitten einer Verdichtungszone – mit Mitteln der infrastrukturellen Verdichtung. Dort wo das Aufeinandertreffen brutaler Betonstruktur und angrenzender Natur nicht zu verhindern war, wurde es konfliktmeidend als “ reizvolle Kontrastierung“ inszeniert. Ein Beispiel dafür ist der Gafferpoint (Aussichtspunkt) bei Neu-Isenburg-Zeppelinheim mit Blick über das Flughafenrollfeld, der als „Highlight“ der angrenzenden Regionalparkroute vermarktet wird. Für den Erhalt der Waldflächen als solche haben die RegionalparkerInnen kaum einen Handschlag getan. Eine gute Illustrierung der Regionalpark-Sicht auf die Dinge ist die Selbst-Präsentation auf der IBA Erfurt.

Aufmerksamen BeobachterInnen ist sicher nicht entgangen, dass auf den Regionalparkwegeschildern oft der Flughafen als Ziel ausgeschildert ist und auf den Schildern das Fraport Sponsor-Logo prangt.

Von seiner Struktur her ist der „Regionalpark“ einerseits als Dachverband organisiert, welcher mit übergeordneten Landesbehörden zusammenarbeitet und sich um Rahmenpläne kümmert. Die konkreten Projekte werden von zahlreichen Durchführungsgesellschaften geplant und realisiert. Hier sind Städte, Kreise und Kommunen als Gesellschafter -und Mitfinanzierer- dabei.

Eine davon ist die Regionalparkgesellschaft Südwest gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Sie ist im Rathaus von Kelsterbach angesiedelt und ihre Geschäftsführer sind Klaus Wichert (Frankfurt) und Bürgermeister Manfred Ockel (Kelsterbach). Letzterer ist vielen noch vom Waldverkauf an die Fraport vom Februar 2009 in Erinnerung.

Genau diese gemeinnützige Gesellschaft ist es nun, die mit dem Bau des ersten Radschnellweges Darmstadt-Frankfurt beauftragt ist. Im Oktober fand unter dem Beisein von Verkehrsminister Tarek al Wazir der erste Spatenstich statt. Dieser lobte den Schnellweg als zukunftsweisendes Projekt erweiterter Mobilität.

Kaum beachtet wurde, das mit dem Baubeginn des Schnellweges ein Paradigmenwechsel der Regionalparkgesellschaft vollzogen wurde – weg vom Freizeitwegebau hin zur Realisierung leistungsfähiger Pendlerstrecken. Nicht mehr Freizeitorte, sondern Arbeitsorte werden mit dem Wohnort verbunden. Und das mitten durch die Natur- da ist der Zielkonflikt vorprogrammiert.

Bei den geplanten Projekten handelt es sich um Kraftfahrstrassen, nicht um Radwege. Sie sind für angetriebene Fahrzeuge von bis zu 45 Km/h vorgesehen – dafür sollten sie über vier Meter breit und asphaltiert sein. Gewöhnlich darf im Wald ohne Ausnahmegenehmigung kein versicherungspflichtiges Fahrzeug verkehren, das gibt der Wald nicht her. Und jetzt: Kein Ast darf im Weg liegen, im Winter muss geräumt sein. Der Fahrweg hat beleuchtet zu sein, bei den hohen Geschwindigkeiten würden sich die Leichtfahrzeuge sonst mit ihren weitreichenden LED- Scheinwerfern blenden. FussgängerInnen dürfen den Weg nicht mutwillig kreuzen oder gar benutzen- sie wären ein Fall für den Verkehrsfunk.

Wer sich das Hessenschau-Video vom ersten Spatenstich der Schnellwegstrecke Egelsbach-Erzhausen aufmerksam anschaut, wird feststellen das es sich um eine Mogelpackung handelt. Der Weg, für den in einiger Nähe eilends Bäume gefällt wurden, hat nicht annähernd die Breite, die ein Hochgeschwindigkeitsverkehr verlangt. Den Widerspruch unterstreicht das Schaubild auf dem Bauschild – wer legt sich da mit Karacho in eine zu enge Kurve?

Der Weg ist tatsächlich nur ein Weg, sonst wäre er nicht ohne Planfeststellung realisierbar. Aber der Ausbau ist schon vorgedacht und geplant. Der Schnellweg soll die weitere Verdichtung der bereits überlasteten Achse Frankfurt-Darmstadt ermöglichen, in dem er eine schnellere Verbindung zur Arbeit sicherstellt als heute mit Auto und Bahn. Das gewährleistet er im gegenwärtigen Ausbaumodell nicht – aber wenn er „erfolgreich“ ist, kommt die Verbreiterung und Begradigung. Das ist sie, die eigentliche Mogelpackung.

„Radschnellwege bieten hohe Wegequalität und verbinden aufkommensstarke Quell- und Zielgebiete komfortabel miteinander, um Verlagerungspotenziale vor allem im Berufsverkehr zu erreichen. Sie sind eine Chance, in temporär überlasteten Verkehrsnetzen die Verkehrsspitzen zu entlasten. Radschnellwege stellen die infrastrukturelle Antwort auf den ausgeprägten Trend zur Nutzung von Pedelecs dar und ermöglichen eine Fahrzeitverkürzung von 30-50 Prozent.“

(Quelle: Regionalpark Rhein Main.)

Diese Beschreibung macht deutlich: Es geht um Strassenbau, nicht um Radwegebau. Es dreht sich auch nicht um die langsamen Pedelecs, sondern um die schnellen E-Bikes. Es ist zu befürchten, dass angesichts der Fahrverbots-Diskussion in Frankfurt und Darmstadt Direktschneisen durch den Wald geschlagen werden. Durch bebautes Gebiet zu bauen ist zu gefährlich , zu teuer und zu langsam. Wir dürfen auf die schwarzgrünen Verlautbarungen gespannt sein……

Anstatt den Elektro-Individualverkehr zu fördern, sollte auf die Bahn als leistungsfähiges Massenverkehrsmittel gesetzt werden. Das gilt insbesondere für den Radius um den Zielort von über 15 Kilometern. Damit werden auch Umsteigeeffekte von genervten BahnpendlerInnen auf das flotte Elektromobil in grüner Natur vermieden. Es glaube niemand, es werde nur vom Auto umgestiegen. Es werden auch Monatskarten und muskelbetriebene Drahtesel getauscht.

Was wir brauchen: Ein engmaschiges Wegenetz für Alle, die nicht mit mehr als 20 Stundenkilometern unterwegs sind. Einkaufs- und Arbeitsstätten in Fahrradentfernung. Dann braucht es keine Asphaltierung, keine Beleuchtung und keine grossen Eingriffe in den Bannwald. Die Waldwege müssen hergerichtet werden. Im Neu Isenburger Wald sind bis heute nicht die Furchen auf den Wegen beseitigt, welche durch das Schleifen von Stämmen vor über einem Jahr verursacht wurden. Kreuzungen mit Strassen sind zu sichern.

Entlang von Asphaltstrassen sollten Seitenstreifen angelegt werden, welche ein zügiges Befahren gewährleisten. Dies erzeugt deutlich weniger Flächenverbrauch als separater Wegebau.

Mit dem Fahrrad nach New York bei nur einmaligem Umsteigen ? Das ist nicht unser Ziel für die Region. Was wir wollen, ist eine kompromisslose Erhaltung unserer Nahbereichsqualität, und damit auch unseres Erholungswaldes vor der Haustür. Per Fahrrad und vor allem fussläufig erreichbar. Fahrradschnellwege ? Gerne – wenn sie auf den Bestandsstrassen laufen und Autoverkehr substituieren. Was nicht kommen soll, ist eine weitere Ausweitung des Pendlerverkehrs. Schon gar nicht im Wald. Da müssen andere Lösungen her.
Längst entwickelt die Autoindustrie eine ganze Palette Elektroleichtmobile als Spin-Offs des Elektromotorrads. – seien es Trotinette ( motorisierte Tretroller), Lastendreiräder, Kabinenroller und Mikroautomobile. Nur: Diese Fahrzeuge sind ohne spezielle Fahrwege nicht vermarktbar. Die Schnellwege werden nicht für das klassische Fahrrad gebaut, sondern arbeiten an dessen Verdrängung. Jede Alltagsradlerin und jeder Sonntagsradler weiss, wie unangenehm es ist, wenn von hinten oder der Seite ein E-Bike herangeschossen kommt. Ebnen wir diesen Mobilen nicht den Radweg- sie gehören auf die Strasse.

Deshalb ist der Begriff „Fahrradschnellweg“ ein moderner Euphemismus. Es geht mittlerweile darum, den guten Ruf des Fahrrades zu retten.


0 Antworten auf “Schnellweg – da ist der Wald ganz schnell weg”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


× eins = acht