FFFF vs. AFD – Bericht von Fridays for Future in Friedberg

Der Regen plätschert und durchweicht das Anti- Kohle-Plakat , dessen Beschriftung sich langsam auflöst. Das Megaphon bleibt stumm – „Eben ging es noch- da ist wohl Wasser ins Mikro gelaufen “. Aber heute geht`s auch ohne. Es ist nur der harte Kern der Friedberger Fridays for Future -Bewegung auf den Europaplatz gekommen. Die Schülerinnen und Schüler finden es aber wichtig, Kontinuität zu zeigen – besonders, nachdem der Wetterauer Kreisverband der AFD ihrem Protest die moralische und politische Berechtigung abgesprochen hat.

Etwa 15 Schülerinnen und Schüler ( die Schülerinnen sind in der Mehrzahl) sind da, dazu drei Erwachsene. Gemeinsam passen alle unter ein grosses Vordach. Wird hier „echt“ gestreikt, oder sind hier SchülerInnen und Schüler, welche heute frei haben ?
„Natürlich wird hier richtig gestreikt“ sagt ein Jugendlicher. „In meinem Fall haben mir die Eltern eine Entschuldigung geschrieben, wegen unaufschiebbarer politischer Betätigung. Die unterstützen das. Andere bekämen aber Fehlstunden aufgeschrieben. Das kann Konsequenzen für die Zeugnisse haben, bis hin zur Zulassung zur Prüfung. “
Die Aktion macht den Eindruck, dass sie gut vorbereitet ist. Ordnerbinden sind verteilt, in einiger Entfernung beobachtet die Polizei aus zwei Streifenwagen das Geschehen. Später dreht sie ab.
„Nächste Woche rechnen wir mit viel mehr Beteiligung“ meint eine Schülerin. „Dann ist weltweiter Aktionstag. Da wollen viele dabei sein.“

Der kommende Aktionstag steht aber nicht im Mittelpunkt der Diskussionen an diesem Vormittag. Das ist vielmehr eine Presseerklärung des AFD- Kreisverbandes Wetterau. Der hat sich an die ablehnende Haltung der Bundespartei drangehängt. Während die AFD Demos junger Leute gegen die Upload-Filter gut heisst, bewertet sie den Klimaprotest als schädliche und naive Handlung. Das sei Klimahysterie , die auf die Indoktrination durch Schulen und Medien zurück zu führen sei. Emotionen würden die Vernunft ablösen. Die SchülerInnen würden -durch verantwortungslose PolitikerInnen ermuntert-dumm gemacht und dumm gehalten – was wiederum den Altparteien nütze.
Ganz so weit wie viele AFD-BundespolitikerInnen, welche den Klimawandel leugnen oder für unbeeinflussbar halten, geht der AFD -Sprecher des Wetteraukreises, Andreas Lichert, nicht. Das Wort des „herrschenden Klimawahnsinns“ nimmt er so direkt nicht in den Mund. Vieles an seiner Haltung ist patriarchal und „Retro“ – er wünscht sich die Zeit zurück, in der statt Gaming zu betreiben die Kinderstunde geguckt, der Samstag Warmbadetag war -für alle Kinder hintereinander im selben Wasser – und wo einmal im Jahr mit dem (einzigen) Familienauto an die Ostsee in Urlaub gefahren wurde.

Seine Presserklärung wurde in fast allen lokalen Medien zitiert und auch viel kommentiert. Unter anderem führte er aus:

Ehrfurcht und Zucht seien für Kinder wichtig – sie müssten Verzicht, Verantwortung und Respekt vor der Natur lernen, dafür sei Schule schwänzen aber abträglich. Was gegenwärtig passiere, sei eine interessengeleitete Instrumentalisierung des Umweltthemas und der SchülerInnen, welche offene Türen einrennen würden und die Diskussion „entsachlichten“ . Schlimmer noch, sie würden wie zu einem Kreuzzug aufgehetzt : Kinder müssten nicht die Schule schwänzen, Erwachsenen Vorschriften machen oder sie sogar erpressen, um ihnen Hinweise auf eine bessere Welt zu geben.
Er meint, so wie die Jugend in der öffentlichen Politik noch nichts verloren hätte, müsse sie erst mal privat bei sich selbst anfangen Neben den Verzicht auf Elterntaxis regt er an, häufiger von Nutella auf selbstgemachte Marmelade umzusteigen- um „Palmöl mit seinen verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Tier einzusparen“.

Dabei haben die AFDler eigentlich gar nichts gegen Jugendprotest und Emotionalisierung – wenn sie die Themen setzen könnten: „Stellen sie sich vor, die Jugend wäre für geschlossene Grenzen und Abschiebung Illegaler oder Krimineller auf die Strasse gegangen “ jammert ein AFD-Sympathisant in einem Posting zu FfF auf Facebook.

Es regnet immer noch.

Nach einer halben Stunde Warten auf NachzüglerInnen formiert sich eine kleine, aber lautstarke Demo durch die Innenstadt zum Elvis-Presley-Platz. Vorneweg wird ein Banner mit der Aufschrift „Wäre die Erde eine Bank, hättet ihr sie längst gerettet“ getragen. Gerufen werden Mitmach-Parolen der Anti-Kohle- Bewegung. Hier zeigt sich , wie wertvoll die Vorarbeit der „Hambi-bleibt“ und der Klimacamp-Kampagnen war.

Am Zielpunkt angekommen, gibt es drei bemerkenswerte Reden von zwei Schülerinnen und einem Schüler. Die sind hier dokumentiert – sie sind scharfzüngige Antworten auf die Vorwürfe seitens der AFD.

Rede 1:

„Hallo, es geht hier um den Zeitungsartikel mit der Presserklärung der AFD zu Fridays for Future.

Es ist gerade erst wieder ein Artikel in der Zeitung erschienen. Die AFD spricht von einem CO.2 – Kinderkreuzzug.

Das klingt jetzt erst mal ziemlich hart (Anmerkung: für einen Zeitungsbericht in der bürgerlichen Presse), aber in dem Artikel wird prinzipiell erst mal nur die Pressemitteilung der AFD wiedergegeben.

Laut der Presseerklärung werden die Jugendlichen, die an Fridays for Future teilhaben, von der Politik instrumentalisiert -auch von Angela Merkel und ihrem Lob und ihrer Unterstützung. (Lachen)

Da kann man sich doch wirklich nur einen Frage stellen: Ist es so schwer, den Inhalt von Fridays für Future zu ergründen ? All diese Jugendlichen auf der ganzen Welt, alle Teilnehmer der Demos und auch wir hier heute sind nicht nicht! in der Schule, weil wir von irgendwem beeinflusst wurden, sondern weil es unsere Überzeugung ist, für unsere Zukunft auf einem nicht vollkommen zerstörten Planeten zu kämpfen. (Beifall)

Die Schule zu schwänzen ist unangenehm und -hallo!!!!- WIR verpassen doch den Unterricht. Aber ganz ehrlich: Anders bekommt man doch nicht eure Aufmerksamkeit ! Und die Klimakrise, ja KlimaKRISE, braucht Aufmerksamkeit. (Beifall)

Das hier ist UNSER Weg, den Mund aufzumachen, uns politisch zu engagieren, – und das wollt ihr doch – oder nicht??

Wir können zwar noch nicht wählen, aber das heisst noch lange nicht, dass wir keine Meinung haben. Und wenn sie, lieber Kreisvorstand, in ihrer Pressemitteilung schreiben, dass jeder Jugendliche bei sich selbst anfangen sollte und halt einfach noch ein bisschen mehr Fahrrad fahren soll statt sich von Mutti und Vati herumkutschieren zu lassen, dann kann ich nur sagen:

Entschuldigung !? Haben sie uns eigentlich zugehört ?

Wir stehen doch hier, weil wir der Klimakrise nicht mit ein bisschen Fahrradfahren entgegenwirken können – und stoppen können wir die schon lange nicht mehr (Beifall)

Also ,liebe AFD, das nächste Mal wenn sie in diese Debatte mit einsteigen wollen , machen sie doch erstmal IHRE Hausaufgaben.
(Beifall)

Zweite Rede:

“ Ich bin hier, weil ich finde, das 2038 für den Kohleausstieg viel zu spät ist. Es muss heute was getan werden. Am besten gestern schon. (Beifall)

Wir verhalten uns, als wären wir die Grössten. Und könnten ALLES machen.

Wir töten Tiere und vorher quälen wir sie ihr ganzes Leben noch.

Ich meine, man muss auch mal bedenken, Tiere sind vielleicht nur ein mini-kleiner Teil von unserem Leben, aber wir sind deren komplettes Leben. (Beifall)

Wir vergessen viel zu oft, dass Tiere auch Lebewesen sind. In der Politik sind sie Sachgegenstände – und wenn man irgendeinem Tier weh tut ist es Sachbeschädigung ?!

Ich meine: Tiere atmen, fressen, haben Gefühle – genau so wie wir Menschen. Wir Menschen sind so gesehen auch nur Tiere . (Beifall)

Wir verzüchten Tiere, um sie uns irgendwo hinzustellen, zur Schau zu stellen – es macht keinen Sinn: Wir tun den Tieren nichts Gutes. Möpse zum Beispiel können kaum atmen weil ihnen die Nase komplett verzüchtet wurde. ( Beifall -Buhrufe)

Also- wie gesagt bin ich heute hier als Schulschwänzerin – uuh, mein Schulblock wird nass (unlesbar…es regnet drauf) – jetzt muss ich noch Schulstunden verpassen…..Oh, tu ich ja (jetzt schon) !!! Aber: Mir wird immer gesagt, sie wollen mir in der Zukunft weiterhelfen in der Schule. Kommt die Schulführung zu mir und sagt: Wir wollen, dass du deinen Abschluss an unserer Schule schaffst- und sonstiges….

Aber dann, wenn ich hier herkommen möchte, wo es um meine Zukunft geht und um die Zukunft der Generationen nach uns zu retten. Weil ich nicht so einen EGO TRIP habe wie die Politiker da oben oder wie immer man das nennen will. (Beifall)

Wenn ich hier her komme, kriege ich Fehlstunden – und das soll dann schlecht sein. Ganz ehrlich: Mir ist das mittlerweile egal Dann bin ich halt als Schulschwänzerin hier. (Beifall)

Wenn ich später Kinder haben sollte, will ich von ihnen nicht hören: „Was ist Schnee?“ oder: „Was sind Wiesen?“ „Was sind Regenwälder ? “ oder ähnliches.

Ich will, dass sie es mit eigenen Augen sehen können und damit spielen und es erleben können.

Und: Ich denke auch an die Generation nach mir und nicht nur an meine Generation. Ich lebe noch ein paar Jahre -vielleicht 100- auf dieser Welt und die nur noch 20 ! Und trotzdem sollten sie mal ihren Ego Trip da oben beenden. Es ist ja nicht einmal Unwissen. Es ( FfF ) hat genug Publicity bis jetzt bekommen. Es wurden genug Politiker drauf angesprochen.
Trotzdem passiert immer noch nichts. Ich meine, Fridays for Future ist nicht gerade unbekannt. (Beifall)

Und ihr gebt uns keine Zukunft. HALLO ! MEINE Zukunft- nicht EURE.

Und ausserdem: Was bringt mir ein Schulabschluss in einer Welt, in der ich keinen Schulabschluss nutzen kann ? (Beifall)

Die dritte und letzte Rede:

Da bezeichnen sie die Friday- for- Future Demos als Kinderkreuzzüge.
Ich finde, das ist schon eine Unverschämtheit – allein, die Kreuzzüge mit dem Fridays- for- Future zu vergleichen. Der AFD Kreisvorstand Wetterau, im Namen von Andreas Lichert, (…….), die schreiben hier, Schüler werden hier instrumentalisiert, die tragen zur Emotionalisierung der Klimadiskussion bei.

Ausserdem, die Kinder sollten erstmal selbst anfangen, wenn sie Natur- und Umweltschutz wirklich ernst nehmen würden. Würden sich nicht von Mami und Papi herumfahren lassen und auch mal Nutella durch selbstgemachte Marmelade austauschen.

Es ist wirklich lachhaft, weil die AFD verkennt, dass es ganz andere Probleme gibt.

Den Kohleausstieg 2038 kann man nicht vorziehen, wenn man mehr Marmelade isst.

- oder so was, aber die AFD ist ganz toll darin, so etwas wie den Klimawandel einfach zu leugnen, wenn Donald Trump sagt, das wäre eine Erfindung der Chinesen (Lachen)

Es gibt noch einen sehr schönen Absatz: Da sagt die AFD: Kinder und Jugendliche müssten nicht die Schule schwänzen, den Erwachsenen Vorschriften machen oder sie sogar erpressen, um Hinweise auf eine bessere Welt zu geben.

Ich finde das Ganze hier, die Fridays- for- Future Bewegung , sind viel mehr als Hinweise auf eine bessere Welt – das sind wir, die sich für unsere VERDAMMTE ZUKUNFT stark machen.

Das hat nichts mit „Hinweisen“ zu tun, sondern wir FORDERN.

Wir sind dafür, dass diese Scheiss Klimaerwärmung auf 1,5 Grad begrenzt wird, wir fordern, dass die Massentierhaltung verboten wird, wir wollen bis 2030 aus dieser Scheiss Kohle raus.

Weil es unsere Zukunft ist und die Zukunft unserer Kinder, und überhaupt die Zukunft der ganzen Erde.

(Beifall)

Die Kundgebung löst sich dann recht bald auf . Die meisten gehen noch zum Austausch und zum gemeinsam Essen.“Bis nächsten Freitag“ -einer der Schüler geht Richtung Schule zurück – „Wenn ich mich beeile, schaffe ich noch die fünfte Stunde“


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