Von Seehäfen und Flughäfen

Am Pfingstsonntag blockierte eine Gruppe namens TKKG -die Turbo-Klima-Kampf-Gruppe- das Kreuzfahrtschiff „Zuiderdam“ am Ostseekai in Kiel. An der Aktion zu Wasser, zu Land und in der Luft ( auf einem Baukran für die Hafenerweiterung) beteiligten sich 50 Menschen. Die überraschte Polizei benötigte sechs Stunden um zu räumen und dem Schiff das Auslaufen zu ermöglichen.
Das Ziel der von den Protesten in Venedig mitinspirierten Demo (Hashtag: smash cruise shit) war nicht weniger als die Forderung nach einem radikalen Ende der Kreuzfahrtindustrie.
Diese hat durchaus einige Parallelen zur Luftfahrtindustrie, mit der wir hier im Binnenland konfrontiert sind. Aus den Konfliktlinien -und wie die Seehafenstädte damit umgehen- können auch wir als Flughafenstädte etwas lernen….

Die Blockade des Schiffs , das zum Konzern Carnival Corp. Cruises gehört, hat eine intensive politische Diskussion ausgelöst. Der Seehafen Kiel , welcher gerade die Kapazitäten für die Kreuzfahrtschiffe massiv ausbaut, befürchtet einen deutlichen Imageschaden für den Standort Kiel. Dabei wird er von den Mehrheitsfraktionen im Stadtparlament unterstützt. Einzelne Umweltverbände unterstützen die Aktion: Wer nur demonstriert, wird nicht gehört, eine drastische Situation erfordere auch drastische Massnahmen.

In zahlreichen Tweets wurde die Aktion gerechtfertigt, aber auch angegriffen:

„Wir wollen Kreuzfahrten unattraktiv machen“

„Rumschippern, nur weil es hip und immer Biller ist, geht nich“

Die Blockade macht Sinn, „weil man sich die Frage stellen sollte, ob man mit 5000 Menschen ans Ende der Welt fahren muss um dann noch die meiste Zeit der leichten Unterhaltung anheim zu fallen“

Kreuzfahrtschiffe sollten nicht mehr kommen, sondern im Mittelmeer Menschen retten

Auf lange Sicht hat die Kreuzfahrtindustrie keine Zukunft – es gibt so viele umweltverträglichere Möglichkeiten zu reisen

Zwei Welten: Wer den richtigen Pass hat, kann mit Bar an Deck überall um die Welt reisen – Grossalarm bei einem Nachmittag Verspätung garantiert. Wer den falschen Pass erwischt hat, stirbt möglicherweise bei dem Versuch, Grenzen zu überqueren

Für Urlaub ohne Umweltzerstörung und Ausbeutung. Viele Mitglieder der Besatzung verdienen nur ab 2 Euro die Stunde. Für faire Arbeitsbedingungen auf den Schiffen.

Privilegierte UrlauberInnen spielen im Kreuzfahrtschiff-Pool „Inselversenken im Pazifik“

Bis sich individuelles Verantwortungsbewusstsein einstellt dauert es zu lange, es braucht politische Lösungen.

aber auch:

Das sind Klima- Nazis die anderen Leuten ihren Willen aufdrücken wollen, das ist die Habeck-Jugend

Irgend jemand muss die Wirtschaftsvernunft durchsetzen, wenn ein paar hyperventilierende Klimaaktivisten plötzlich Kreuzfahrtschiffe am Auslaufen hindern

Aggresiv böse Klimageister

Wer bezahlt den Urlaubern die Reisezeit ?Die Aktivisten wohl nicht. Ihr Aktivisten sucht euch mal eine vernünftige Arbeit wo ihr mit eurer ehrlichen Arbeit dann den Umweltschutz und Klimaschutz AKTIV vorantreiben könnt.

Legt dieser linksgrünen Ökomafia das Handwerk. Ich kann es nicht mehr hören.

Carnival Corp. tut mir echt leid. Bereichert das Leben anderer und wird von solchen Spinnern wie der letzte Dreck schikaniert.

Kriminelle Nörgler soll der Rechtsstaat konsequent bestrafen, auf Schadensersatz verklagt vergeht ihnen der Spass schnell.

Es ist gut, dass die Debatte geführt wird. Es stellt sich aber sinnbildlich die Frage, wie mensch die Leute in ein gemeinsames Boot holt. Umwelt ist zum knappen Gut geworden. Damit steigt im Kapitalismus der Preis für ihre Nutzung und auch Zugänglichkeit. Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit kann das Grundproblem überlagern. Soziale Auseinandersetzungen könnten einen „Umweltschutz von unten“ verunmöglichen.
Tatsache ist, dass sich heute in Deutschland viel mehr Leute eine Kreuzfahrt leisten können als früher, als es nur einer Oberschicht vorbehalten war. Das geht aber momentan nur auf Kosten der Umwelt und der Ungleichheit der Bedingungen für die Beschäftigten, welche den Urlaub ermöglichen. Das ist eine Abbildung der Weltverhältnisse im Kleinen. Viele finden das normal oder es ist ihnen egal. Andere sagen, ich mache was ich will so lange ich kann ,solange mir der Staat es nicht verbietet und das auch durchsetzt. Warum soll ich verzichten und andere nicht ?

Viele dieser Standpunkte gelten genau so für den Streit um den Flugtourismus. Eine Gemeinsamkeit ist auch, dass Kreuzfahren wie auch Fliegen durch betriebswirtschaftliche Umstrukturierungsmassnahmen und Wachstumsprozesse immer billiger geworden und zum Massengeschäft geworden sind. Kreuzfahrten wie auch Flüge werden für die Eigner durch Mischkalkulationen lukrativ – Luxus- und Sparangebote gelten für das gleiche Fahrzeug.

Geld wird zunehmend durch Merchandising verdient- die Kreuzfahrtschiffe und die Terminals sind zunehmend aufgebaut wie Einkaufszentren. Das ist auch in der Flugbranche zu beobachten.

Viele Seehäfenstädte haben aber eine Entwicklung eingeleitet, die bei Flughafenstädten erst ganz am Anfang steht. Sie beschränken bewusst die Kapazität ihrer Häfen und nehmen nur noch solche Anbieter, welche am stärksten Umwelt- und Sozialstandards erfüllen.

Damit möchten sie auch dem „Übertourismus“ entgegenwirken, welcher sich in seiner Überspitzung selbst abschafft: Niemand will einen Urlaub, vor dem er/sie sich fürchten muss. Niemand will beim Urlaub-Machen angefeindet werden. Hier verbinden sich Interessen von UrlauberInnen und EinwohnerInnen.

Dieses „Standort-Einnehmen“ ist es auch, was Demos in Flughafenterminals sinnvoll macht.

Es ist den Seehafenstädten wie Venedig, Dubrovnik oder Bergen wichtig, nicht von den Marktführern im Kreuzfahrtgeschäft abhängig zu werden. Beispielsweise versucht die Mediterranian Shipping Company (MSC) , massiv Einfluss auf die „Tourismusqualität“ einer Stadt wie Kiel zu nehmen und verlangt einen Stadtumbau. Dies treibt nach den Erfahrungen in anderen Hafenstädten die Gentrifizierung voran.

Um immer grössere Schiffe zu füllen, müssen die Passagiere zunehmend eingeflogen werden Nur die grossen Schiffe sind im Massenmarkt noch wirtschaftlich zu betreiben. Zubringerflüge sind zunehmend im Preis inkludiert. Für eine MSC Nordland-Kreuzfahrt ab Kiel werden beispielsweise Zubringer ab Barcelona und Mailand beworben.
Das ist eine Strategie, die fortwährend zum Wachsen verdammt ist. Auf Dauer ist das nicht möglich.

Mobilität ist etwas Tolles, aber wir müssen wissen, welchen Preis wir dafür zu zahlen haben.


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