Stuttgart-wiederbesucht

Bald zehn Jahre ist es her, dass die Proteste gegen das Projekt „Stuttgart 21″ auf ihrem Höhepunkt waren. Aber sie gehen kontinuierlich und beharrlich weiter- nicht nur Montagabends um 18 Uhr bei der wöchentlichen Montagsdemo. Nämlich beispielsweise dienstagsfrüh um halb sieben vor den Bautoren des Milliarden-Baulochs.

Gibt es das „Blockadefrühstück“ noch ? Schon lange wurde darüber nicht mehr berichtet. Da hilft nur: Sich in aller Frühe den ersten Zug setzen und nachschauen ob etwas läuft und wenn ja , Solidaritätsgrüsse aus Frankfurt überbringen…….

Um kurz nach sieben läuft mein mit Fernpendlern gut ausgelasteter _IC im Stuttgarter Hauptbahnhof ein. Bis zur Bahnhofshalle kommt er, seit für den Tiefbahnhof gebuddelt wird, nicht mehr, sondern endet in einem um 150 Meter vorgeschobenen Provisorium. Zwei Baubrücken führen über die Baustelle, Plexiglasfenster ermöglichen einen Blick in die Baugrube. Dort wird an mehreren Kelchstützen gearbeitet, welche künftig das Bahnhofsdach tragen sollen. Die Baukosten sind inzwischen bei 8,5 Milliarden Euro und werden wohl an der 10er-Marke kratzen.

Dann bin ich in der Haupthalle, welche früher als Querbahnsteig diente. Die befindet sich in einem Zustand der Auflösung – die verbliebenen Läden schliessen Mitte August. Geschäfte bieten einen Räumungsverkauf und Rabatte an. „Freuen sie sich auf den künftigen Bahnhof“ – steht auf grossen Werbebannern. Darauf ist eine Bahnhofshalle zu sehen, welche von jediglichem Markttreiben befreit ist. Sie soll nur noch als Verteiler und als Eingangsbereich für die geplante Hotelnutzung des alten Bahnhofs dienen. Bis zur Inbetriebnahme, dessen Zeitpunkt sich noch immer nicht absehen lässt, bleibt sie geschlossen. Das Reisecenter der DB AG zieht in einen Containerbau auf der Westseite um.

Von der Haupthalle geht es durch den Ostausgang, vorbei am geschlossenen Turmforum, in Richtung Planerarium und Staatsgalerie. Früher begann hier der mittlere Schlossgarten, heute ist hier die Südzufahrt der Bahnhofsbaustelle.

Tatsächlich blockieren dort vier Leute das Bautor ! Die Stimmung ist entspannt, ein Autofahrer parkt sein Auto an der Seite und geht zu Fuss hinein. Die Leute, die hier aktiv sind, kenne ich alle von früher. Sie freuen sich, dass mal wieder jemand aus dem fernen Frankfurt hier auftaucht. 50 Meter weiter stehen drei weitere Leute mit Bannern gegen S 21 an der vorbeiführenden Hauptverkehrsstrasse. Etwas abseits parkt ein Polizei-Bulli.

Im Gegensatz zu dem gegenwärtigen Protest gegen Fluglärm und Flughafenausbau in Frankfurt haben Blockadeaktionen in Stuttgart ihren festen Platz im Aktionskanon der Tiefbahnhof-GegnerInnen, auch wenn nur eine Minderheit dazu bereit ist.

Der Demonstrant“E“. meint, die Blockade würde -auch wegen ihrer Beharrlichkeit- durchaus respektiert, gerade auch von der Gegenseite. Dienstagmorgen ginge hier traditionell wenig bis gar nichts. Zwei weitere DB-Fahrzeuge kommen an und gehen auf den Rand.

„E“. meint, es sei sei wichtig, diese Demonstrationen am Bautor, die es seit bald zehn Jahren gibt, weiterzuführen. Schliesslich sei es weiterhin das Ziel, den Tiefbahnhof zu verhindern Er sei ein Projekt, welches nur der Bauwirtschaft diene und keinen öffentlichen Nutzen habe. Er sei auf ungesetzliche Weise durch Amtsmissbrauch und Falschinformation mit Täuschung der Öffentlichkeit durchgesetzt worden. Deshalb verweigere er auch konsequent die Bezahlung von Straf- und Bussgeldbescheiden – das sei seine bürgerliche Pflicht, auch wenn es mit massiven persönlichen Nachteilen verbunden wäre. Inzwischen sei er vier Mal in Stammheim zur Ersatzbestrafung und zur Beugung gewesen. Er führe einen intensiven Briefwechsel mit den übergeordneten Gerichten, um seine Position zu untermauern.

Aus der Baustelle will ein Muldenkipper ausfahren. Der Fahrer kommt nach draussen – er möchte nicht fotographiert werden. Das ist verständlich, und sein Geschäft ist ihm offenbar auch nicht besonders wohl. Also ein Foto gemacht, welches die Blockade dokumentiert, aber auf dem nur der abgestellte Laster und nicht der Fahrer drauf ist.
Langsam läuft die Zeit ab, in welcher die eher rituelle und symbolische Blockade geduldet wird. Die zwei Polizisten schälen sich aus ihrem Bulli. Das Tor wird geöffnet und wir machen zögerlich den Weg frei.

Jetzt steht der zweite Teil der Veranstaltung an – Flugis verteilen im Hauptbahnhof. Geht das ? E. meint: Seit etwa 1,5 Jahren ja, vorher nein. Das gab es Platzverweise wegen Hausrecht und so. Sie hätten es aber immer wieder versucht und gemacht. Dann kam ein Tag, wo sie wieder zum Verlassen des Bahnhofs durch den Bahnschutz aufgefordert wurden. Bei Nichtbeachtung müsse körperliche Gewalt eingesetzt werden. Dann kam die Bundespolizei, und mehrere Bahnoffizielle, welche diskutierten und offenbar Instruktionen einholten.
Plötzlich entfernte sich die Bundespolizei, der Wachschutz beobachtete weiter – aber es war möglich, die Flugblätter unter die Bahnkunden zu bringen. Das Eis war gebrochen.

Neben „E“. „– Der neue oberirdische Bahnhof -sicherer, umweltfreundlicher, billiger und effektiver“ – bringt auch die fast 80jährige „N“ Flugblätter unter die Leute. Vor allem ältere Leute und Mütter mit Kindern nehmen die Flugblätter. Es gibt auch böse Kommentare, „S 21″ polarisiert noch immer.

Gegenwärtig wird vor allem diskutiert, ob der Tiefbahnhof, welcher ja nur mit acht Gleisen gebaut werden kann, die geplante Ausweitung des Bahnverkehrs im Rahmen der Verkehrswende überhaupt aufnehmen kann, oder ob ein weiterer Tiefbahnhof für den Nahverkehr mit mindestens zwei Gleisen notwendig werden könne. Der koste auch noch einmal schlappe 2,5 Milliarden Euro……

Der grüne Verkehrsminister Herrmann lehnt eine Revision der Pläne, eine zumindest teilweise Beibehaltung des bestehenden Bahnhofs für den Regionalverkehr und als Ausweichsalternative für den Fernverkehr, wenn der Tunnel einmal zu wäre, kategorisch ab: Das Gelände sei bereits zur städtebaulichen Erschliessung festgelegt.

Weiterhin Thema sind auch Sicherheitsaspekte, etwa die Neigung der Gleise im Bahnhofsbereich und die schwierige Entrauchung. Als es vor einiger Zeit am Untertürkheimer Ende des Zufahrtstunnels brannte, zog der Rauch viele Kilometer bis zur City.

Etwa eine Stunde lang stehen wir im Bahnhof. Dann geht es zum Frühstück in die Fussgängerzone, und danach steige ich schon wieder in den Zug nach Hause.
Zu den standhaften SchwäbInnen fahre ich sicher wieder einmal hin…..


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