Downburst in Langen

Eigentlich war es ja ein schöner Sommertag. Nur 10 Minuten Gewitter reichten, ihm ein unschönes Gesicht zu geben. Und: Es war nicht einmal ein richtig schweres Gewitter – aber besondere Wetterphänomene machten es zu einem überaus zerstörerischen. Und: Das Gewitter traf auf Natur und auf Menschen, welche gleichermassen schlecht darauf eingestellt waren. Aus unterschiedlichen Gründen….

„Das war ganz klar eine Windhose. So etwas habe ich in 30 Jahren nicht erlebt. Die Pappel vor meinem Haus war plötzlich waagrecht.“ Das sagt ein älterer Mann, der bei Egelsbach über die Fahrradautobahn schlendert. Eigentlich verboten, aber die Fusswege liegen alle voll Windbruch.

Nun, eine Windhose oder Tornado, welcher mit einem Rüssel und immensen Drehgeschwindigkeiten den Grund rasiert, war es eher nicht. Das sagen zumindest die MeterologInnen. Sie sehen das Wetter eher als ein „Brett“ das mit immenser Wucht nach unten und nach vorne gedrückt wird: Ein Fallwind, oder auch -in der Fachsprache- Downburst.
Verwirbelungen – etwa wenn der Wind auf ein Haus trifft, auf dessen Hinterseite ein Sog entsteht- gibt es auch bei dieser Form des Unwetters. Besonders häufig sind sie allerdings bei Wintergewittern und Orkanen, etwa bei Vivian und Wibke im Jahr 1990.

„Unser Zug hielt in Mannheim, bei schönster Sonne. Unwetter, hiess es. Wir wollten es gar nicht glauben. Dann ging es irgendwann weiter, eine Umleitung. Wir kamen an Worms vorbei, aber auf dem kleinen Bahnhof Osthofen war Schluss. Da standen wir dann, Weiterfahrt unbestimmt verzögert. Der Zugchef gab durch: Allen die einen Flieger erreichen müssen, rate ich hier auszusteigen und zu versuchen, ein Taxi zu bekommen. Der Wagen sieben steht am Bahnsteig. Schliesslich fuhr der Zug ab, hielt in Mainz. Der Rat: Umsteigen auf die S-Bahn. Das nutzt natürlich niemanden was, die nach Hamburg will. Es hatte aber auch etwas Gutes. Die Leute haben sich plötzlich wieder miteinander beschäftigt. Handyfotos von Facebook wurden rumgezeigt, wo das Ausmass der Schäden zu sehen war. Ich bin zum Flughafen und wollte besonders clever sein. Da fährt ja der Bus nach Dreieich. Aber der war auch eingestellt.“

Das Unwetter hatte eigentlich kein Orkanpotential. Das ist daran zu sehen, dass in den meisten Regionen Südhessens eigentlich nur starke Äste abgerissen, aber keine Bäume umgefegt wurden. Ausser in einem schlauchartigen Korridor zwischen Mörfelden und Seligenstadt. Das es auch ausserhalb dieses Bereichs grössere Einschränkungen im Bahn- und Strassenverkehr gegeben hat, ist dem desolaten Zustand vieler Bäume zuzuschreiben. Der Wind reichte aus, vorgeschädigte Bäume zu Fall zu bringen. Ein Baum, der kaum noch Wurzeln hat kippt leicht, ein ausgedörrter Stamm, der eine grosse Blätterlast trägt, bricht. Für die Zerstörung einer Oberleitung der Bahn reicht bereits ein Ast, der sich in einem Stromabnehmer verfängt. Dazu kam, dass das Stellwerk in Walldorf einen Blitztreffer erhielt.

„Das glaube ich nicht, das glaube ich nicht, das kann die Bahn doch nicht mit uns machen“ Ein smarter junger Mann -wie aus der Wohlfühlwerbung der Firma Bose- versteht die Welt nicht mehr. „Die Bahn hat eine Beförderungspflicht, und jetzt sagt sie, sie hat keinen Busersatzverkehr nach Darmstadt. Ich habe für die Fahrt bezahlt“.
Das nutzt ihm bei höherer Gewalt nichts mehr. Da wird die „10 Minuten Garantie“ zu einem echten Hohn. Ein älterer Mitreisender meint: „Sie werden noch einiges erleben und sich an einiges gewöhnen müssen. Schauen Sie, ob sie eine nette Person aus Langen für die Nacht aufnimmt….“

Um halb sieben kam aus Seligenstadt der Anruf: „Mami, oben regnets rein ! „ Die Antwort: „Das kann nicht sein, ich habe das Fenster zugemacht
Die Antwort der Tochter: „Mami, da ist kein Dachfenster mehr !!.“

Auch das Städtchen Dreieichenhain hat es erwischt, und mit ihm das Konstantin Wecker Konzert der dortigen Burgfestspiele. Ein paar verhinderte Besucher ziehen durch die Strassen, haben aber Verständnis für die Absage. Am Spätnachmittag war hier auch für fast 20 Minuten der Strom ausgefallen, nachdem es eine Fernleitung von Amprion erwischt hatte. Wecker unplugged, das wäre sicher etwas gewesen. Gut aber, dass das Gewitter nicht im Dunkeln kam. Im Ort liegen zahlreiche Bäume um, alle Richtung Osten.

Woher aber kam die zerstörerische Wucht ? Das Wettergeschehen ist wie ein gigantisches thermisches Kraftwerk. In Langen heizte es am Sonntag – trotz des starken Windes- auf 29 Grad auf. Die Höchsttemperatur wurde um 13 Uhr 20 erreicht, und sie fiel bis 17 Uhr 30 nur um ein knappes Grad ab. Dann kam die Kaltfront mit einem Temperatursturz von fast 10 Grad binnen einer Stunde. Die Vorwarnzeit in der Kernzone betrug dabei etwa 4-5 Minuten.
Fallwinde entstehen innerhalb der Wolkenschichten. Gibt es ein Regenereignis in der Höhe , welches auf wärmere und vor allem trockene Wolkenschichten in mittlerer Höhe trifft, kommt es dort zu einer massiven Abkühlung. Die kann noch verstärkt werden, wenn Hagelkörner schmelzen. Diese kalte Luft fällt, angeschoben durch immer weitere kalte Luft, nach unten und kann dabei Orkangeschwindigkeiten erreichen.

Da bleiben aber einige Fragen offen. Warum geschieht dies nicht auf breiter Front, sondern ausgerechnet vor Mörfelden entwickelt sich so ein Turbo ? Gibt es menschengemachte Ursachen dafür ? Liegt eine Verbindung zu der Verwüstungsschneise vor einem Jahr vor , welche fast den selben Weg nahm und sich bis Aschaffenburg zog ?

Fest steht: Wir müssen die weitere Aufheizung der Region stoppen und gleichzeitig den „coolen“ Wald schützen. Die Verheerungen kommen bis in unsere Wohnzimmer. In Egelsbach zerstörte ein umkippender Baum die Friedhofsmauer. Zahlreiche Autos gingen zum Schrott. Nicht aber das schöne Jaguar-Coupe auf dem Park und Ride Platz. Der Sturm hat den dicken Eichenast direkt daneben abgelegt, als letzte Warnung gewissermassen. Auch Fraport muss grüner werden. Die Grünen wollen Privatleuten Schottergärten verbieten, aber den grössten Schottergarten Hessens, den Frankfurter Flughafen, betreiben sie selber mit. Der freiwillige Verzicht (klingt das nicht schön?) auf das Terminal 3 muss wieder auf die Agenda. Und der Sehring-Kies, mit dem der Beton für das Terminal hergestellt werden soll, bleibt dann im Boden.

„Ich bin doch nicht blöd“ sagt ein junger Mann, der in Egelsbach die Sturmreste vom Gehweg kehrt. „Ich nehm doch keinen Stihl- Zweitakterluftbesen. Schlecht für das Klima, die Nachbarschaft, und für meine Gesundheit.“ Er reckt den Besenstiel und lacht. Gegenüber wird gerade eine halb umgekippte Douglasie umgezogen. Sie könnte auf die Eisenbahn kippen. Das gäbe wieder viele, viele ausgefüllte Fahrgastrechte-Formulare. Ein TGV donnert vorbei. Die Strecke über Gross-Gerau ist immer noch dicht.

„Wir werden noch uns noch umgucken, denn so wie jetzt kann und wird es nicht weitergehen. Mit den Stürmen schon“ . Das sagt der Mann, der über die schöne glatte Fahrradautobahn spaziert. „Ich muss noch ein bisschen weiter“.


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