Kommentar: Radikal umplanen

Nur langsam erholen sich die Menschen in der südlichen Rhein Main Region von den Eindrücken, welche das Supergewitter vor genau einer Woche hinterlassen hat. Das Aufräumen ist weitgehend abgeschlossen. Aber an manchen Stellen fehlen ganze Waldstücke. Daran wird man sich gewöhnen müssen. Aber das heisst nicht, jetzt zur Tagesordnung überzugehen – nach dem Sturm ist vor dem Sturm. Und: Es muss ermittelt werden, wer oder was für den Riesenschaden verantwortlich ist – nur dann wird etwas gegen das nächste Schadensereignis getan werden.

Fachleute sprechen von einer „Dynamisierung des Wetters“ Wetterabläufe, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte eingespielt waren, verändern sich plötzlich.
Gewitter waren in der Region früher viel normaler als heute. Das waren Hitzegewitter, die in West Ost Richtung mit viel Getöse und viel Regen über den Kreis zogen, gespeist von den zahlreichen Feuchtzonen der Region.

Dieses Gewitter war anders. Nicht nur wegen der Windgeschwindigkeiten der Fallwinde, sondern auch wegen seiner Kürze und seiner Regenarmut.
Hier treffen Extreme aufeinander, wie wir sie bisher kaum kannten. Wichtig wäre jetzt eine exakte Erfassung des Schadensbildes und der Schadenshöhe, als auch eine Rekonstruktion des Verlaufs der Fallwindschneisen.

Der Wetterbericht hat als Warnung versagt – das liegt weniger am Wetterbericht selbst , als daran dass immer mehr Menschen prognosegläubig sind. Eine Sturmwarn-App funktioniert nicht, wenn keine Vorwarnzeit besteht. Allerdings ist die Frage berechtigt, ob nicht Computer-Simulationsmodelle ein solches Ereignis prognostizierbarer machen könnten . Dafür wären die Hotspots und die Temperaturschichtung zu ermitteln. Das hätte auch den positiven Effekt, dass die Ursachenforschung voran käme. Damit wüchse auch die Chance, etwas gegen die Ausweitung solcher Ereignisse zu tun.

Interessant ist: Im letzten Jahr hat es bei einem kleineren Gewitter ein vergleichbares Ereignis gegeben, dessen Starkwinde einen ähnlichen Verlauf nahmen wie diesmal. Damals wie auch jetzt wieder finden sich die nördlichsten Windbruchschneisen im Wald am Nordende von Walldorf.

Eine Ursachenforschung ist auch wichtig, um die Verursacher gleichmässig zur Kasse zu bitten. Denn momentan sieht es so aus, dass das Folgerisiko privatisiert wird – die Geschädigten bzw. ihre Versicherungen bleiben auf den Folgen sitzen. Viele Schäden und Verluste an Natur lassen sich mit Geld gar nicht bezahlen. Das gilt auch für persönliche Ängste vor einem neuerlichen Sturm.

Um solchen Ereignissen entgegenzuwirken, empfiehlt sich -auch bereits ohne die Ursachen genau lokalisieren zu können- eine konsequente Politik gegen weitere Versiegelung und Entwaldung. Neubaugebiete wie die Liebigstrasse im Norden Langens, die reine Betonwüsten sind, dürfen so nicht realisiert werden. Einen Vorteil hat die verdichtete Bebauung: Hier gibt es künftig keinen Baum, der umfallen könnte……….
Sinnvoll ist ein Stopp der Ausweisung neuer Baugebiete. Grünzonen müssen erhalten bleiben.

Für das Terminal 3 des Frankfurter Flughafens, bei welchem derzeit der Rohbau in Angriff genommen wird, ist ein Baustopp unabdingbar. Das in der Planung weit über 10 Jahre alte Projekt entspricht nicht im mindesten den Ansprüchen ökologischen Bauens. Es erfüllt seinen Zweck nicht (mehr). Es wird sich zu einer Heissluftschleuder ersten Ranges entwickeln. Schon heute ist der Wald rings um die Cargo City Süd regelrecht durch die Dürre verbrannt. Das T 3 wird hier nicht gebraucht, wenn Kurz- und Mittelstreckenflüge eingestellt werden !

Der Wald befindet sich in der Zange. Windwürfe haben ganze Baumgruppen umgelegt, die wir für ein gutes Klima unbedingt weiter gebraucht hätten. Und die Zerstörung der Wälder und ihrer Abkühlfunktion macht weitere Stürme und damit weiteren Windbruch wahrscheinlicher.

Wir brauchen einen Bannwaldschutz für ganz Südhessen. Klimaschutz darf auch nicht zu defensiv sein – Stichwort Waldumbau. Wir müssen insbesondere die Buchen und Eichen, welche besonders viel zur Klimaregulierung beitragen, gezielt stützen und schützen. Es muss eine verbindliche Erklärung der Forstwirtschaft her, dass diese Bäume hier nicht mehr zur Nutzholzgewinnung eingeschlagen werden dürfen.
Der Wald im Ballungsraum ist Prinzip ähnlich zu bewirtschaften und zu pflegen wie eine Parklandschaft. Das schafft auch viele neue Arbeitsplätze.
Wenn alte Wälder nicht mehr wie bisher angetastet werden, bedeutet das in der Konsequenz auch ein Aus für den Kiesabbau bei Sehring in Langen.

Nur mit einer radikalen Umplanung können wir die Beschleunigung der Zerstörung aufhalten. Und von der Region, wie wir sie kennen und auch schätzen, möglichst viel bewahren.


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