Waldbesetzung gegen Steinabraumhalde bei Wuppertal

Seit dem 15.8. 2019 hält die Aktionsgruppe „Jeder Baum zählt“ ein fünf Hektar grosses Waldstück zwischen Wuppertal und Haan (südliches Ruhrgebiet) besetzt. Dort will das Kalkwerk Oetelshofen ( Slogan: „seit 1900-Der Unabhängigkeit verpflichtet“ ) diesen Herbst den alten Buchenbestand roden, um eine Halde für Blindgestein anzulegen.

Die Besetzung besteht aus Plattformen, die zu provisorischen Baumhäusern ausgebaut wurden. Es gibt auch Bodeninfrastruktur, darunter einen Barrikadenwall aus Totholz. Die Bodensachen können teilweise mit Netzen hochgezogen werden – eine Innovation aus den Erfahrungen der Bodenräumungen im Hambacher Forst. Die Besetzis halten den alten Wald mit seiner Pflanzen- und Tierwelt für absolut und bedingungslos erhaltenswert. Mit der Besetzung soll die Rodung erschwert und durch Aufbau öffentlichen Drucks letztlich verhindert werden. Sie weisen auch auf das hier besonders krasse Missverhältnis zwischen dem geringen öffentlichen Nutzen aus der Anlage einer privaten Abraumhalde und dem grossen öffentlichen Nutzen eines intakten Waldes hin.

Wieso Abraumhalde ? Im südlichen Ruhrgebiet gibt es am Rand des Bergischen Landes grosse Kalksteinvorkommen. Das Dornuper Revier gilt als eines der grössten in Europa. Der Rohkalk ist aus Sedimentablagerungen verschiedener Lebensformen in einem Urmeer vor etwa 300 Millionen Jahren entstanden. Er wird industriell bei 1000 Grad Celsius zu Branntkalk verarbeitet – ein Vorgang, bei dem viel langzeitlich gebundenes CO.2 frei wird.
Kalk wird als Reaktionsstoff beim Prozess der Veredelung von Eisen zu Stahl benötigt. Er wird auch als Baustoff grossflächig abgebaut. Ein neuer Abnehmer fand sich seit den 1980er Jahren in der Kraftwerksindustrie, seit mit Kalk Schwefel aus dem Rauchgas zu Gips gebunden wird.
Bei der Kalkgewinnung fällt mit zunehmender Ausbeutung der besten Lagerstätten immer mehr unbrauchbares Material an, welches beiseite geschafft werden muss. Weil die Zwischenlagerstätten erschöpft sind, soll nun der an das Firmengelände angrenzende Wald fallen. Die Rodung ist über das Bergrecht abgedeckt , welches der Rohstoffgewinnung oberste Priorität einräumt.

Seit einigen Jahren gibt es in den Vororten von Wuppertal, aber auch im Nachbarort Haan, Widerstand gegen die Pläne der Kalkabbaufirma. Diese verweist auf Ersatzaufforstungen und Renaturierungsauflagen, welche sie umsetze. Damit sind die KritikerInnen des Abbaus inzwischen aber nicht mehr ruhig zu stellen.
Eine Demo am 20.7. fand Aufmerksamkeit, die über die unmittelbare Region hinausging . Die stärkere Politisierung ermöglichte nun auch eine Besetzung, welche auf ein gewisses Mass an Beachtung und Resonanz angewiesen ist.

Die Grünen im Wuppertaler Stadtrat sind über die Entwicklung nicht sonderlich erfreut. Eigentlich sind sie gegen die Rodung, aber seit 2018 in einer Koalition mit der CDU und dadurch zu einem Burgfrieden in der Sache gekommen. Sie verweisen darauf, dass sie an der rechtlichen Lage nichts drehen können – was aber so nicht stimmt, da die Stadt stets die Möglichkeit zur Stellungnahme und zur Erteilung von Auflagen des auf ihrem Gebiet angesiedelten Wirtschaftsbetriebs hat.
Die regionalen Grünen berufen sich darauf, dass sie im März des Jahres einen Antrag im Landtag, das „Verfahren zur Bedarfserhebung von sogenannten nicht energetischen Rohstoffen wie Kies, Sand, Ton und Kalk“ zu reformieren, abgelehnt bekommen haben. Damit hätten „umweltverträgliche Belastungsobergrenzen für Flächeninanspruchnahmen“ definiert werden sollen.

Weil das nicht gelungen sei, sehen sich die Wuppertaler Grünen aus der Verantwortung raus. So einfach ist das aber nicht, und damit dies so bleibt, ist die Besetzung ein wichtiger, polarisierender Stachel.

Das „Camp Chalk“ (Kreidecamp) ist über den Bahnhof Wuppertal-Vohwinkel erreichbar. Da es akut räumungsbedroht ist, freuen sich die Besetzis auch über Unterstützung von ferner weg.


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