XR London: Kontroverse Diskussion über Blockade des öffentlichen Nahverkehrs

In London steht die zehntägige „International Rebellion“ kurz vor ihrem Abschluss. Am Samstag ist noch einmal eine grosse Kundgebung geplant. Mehrere tausend TeilnehmerInnen legten in den vergangenen Tagen den Betrieb in der City lahm, mit dem erklärten Ziel wirtschaftlichen Schaden zu verursachen, um die Regierung zu mehr Klimaschutz zu zwingen. Es kam bisher zu insgesamt 1300 Festnahmen, zumeist wegen Ordnungswidrigkeiten. Ein 53 jähriger Aktivist der Gruppe „Heathrow Pause“ sitzt allerdings seit September in U-Haft, nachdem ein angeblicher Versuch , den Grossflughafen mit einer Drohne lahmzulegen, aufgeflogen war.
Es gab „Themen-Tage“, dabei richtete sich der Protest unter anderem gegen die Rüstungsindustrie, gegen den City Airport, gegen den Strassenverkehr im Financial District und zuletzt am Donnerstag an die Tube. Die U-Bahn ist das Rückgrat des Londoner Berufsverkehrs und die Verbindung zwischen den Fernbahnhöfen. „Business as usual“, so die Botschaft der DemonstrantInnen sei tödlich. Lebensgefährlich wurde es allerdings für einige Demonstranten, welche eine U Bahn besetzten und daraufhin von einem wütenden Mob angegriffen wurden.

„Was wollt ihr denn, das ist doch ein elektrischer Zug“, war noch einer der netteren Kommentare in den sozialen Medien. Deutlich war, dass sich die Menschen nicht als Teil des Problems betrachteten und der Aktion überwiegend kein Verständnis , teilweise offenen Hass, entgegenbrachten. Der Londoner Bürgermeister verurteilte scharf („gefährlich, kontraproduktiv, unakzeptabel“) die Aktion.
Während es bei Blockaden an der Docklands Light Railway ruhig blieb, war die Situation bei London Transport an der Station Canning Town im Osten der Stadt eskaliert. Eine Kleingruppe hatte das Dach einer Kleinprofil-U-Bahn geentert und wurde von wütenden Pendlern erst mit Gegenständen beworfen und dann vom Dach gerissen. Auf einen Aktivisten wurde noch eingeprügelt, als er schon am Boden lag. Sicherheitsleute der U-Bahn verhinderten Schlimmeres.

Interessant ist der Umgang der Leitung von XR mit der Aktion. Sie war nicht zu einer bedingungslosen Solidarisierung und Schuldzuweisung an die Aggressoren bereit. Sie entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, suchte die Schuld teilweise auch bei den DemonstrantInnen selbst, welche sich teilweise selbst schützen mussten ( „nicht alle waren für die Aktion“.)

Die Erklärung von XR befindet sich hier.

Hier noch eine Einzelmeinung, eine Kommentierung zu den Londoner Protesten:

Extinction Rebellion hat sich viel vorgenommen. Es soll ja nicht nur ein Klimaprotest sein, sondern eine Rebellion gegen die Verhältnisse. Wer einen solch weitreichenden Ansatz verfolgt, muss auch zu einer Aktion wie der Tube-Blockade stehen. Ob eine solche Aktion nach innen sinnvoll ist, wenn sich eine Handvoll Aktivistis hunderten wütender „Bürger“ gegenüberstehen, ist eine andere Sache.
Es wird auch nicht wirklich deutlich, gegen wen und was sich der temporäre Aufstand direkt richtet. Soll er nur appellativen Charakter haben, oder will er mehr ? In weiten Zügen hatten die Proteste Züge eines Happenings, etwa bei den Die-Ins und als die Polizei eine riesige pinke Krakenfigur verhaftete und durch die Strasse trug. Das spielerische Entlangschliddern an der Grenze von Legalität und Illegalität entgleist spätestens dann, wenn die Gegenseite auf Gewalt schaltet.

Unklar ist auch, welche Verhältnisse „XR“ eigentlich erreichen will- und für wen. Ziel soll die Verhinderung der Ausrottung des Lebens sein. Aber wessen Leben ? Es ist nicht unproblematisch, dass XR sagt, für andere, und damit auch für die Belange auch der nichtmenschlichen Lebewesen sprechen zu können. In erster Linie rottet der Mensch sich nun mal selber aus , und das auch dadurch dass er meint, seine sogenannte Um-Welt kontrollieren zu können. Auch sterben manche Menschen früher und schneller als andere – etwa im globalen Süden. Ohne ein konkretes Benennen von Verursachern und in der Folge konkret gezielter Aktion wird mensch im politischen Dialog nicht auskommen.
XR versteht sich als Sammlungsbewegung. Vielleicht wären temporäre Bündnisse von Gruppen, die zu unterschiedlichen Themenbereichen arbeiten und sich in der Diskussion auf eine gemeinsame Linie einigen, zumindest für die deutschen Verhältnisse die bessere Wahl. In Deutschland gibt es nicht die Tradition des religiös und sozialgesellschaftlich inspirierten zivilen Ungehorsams wie in angelsächsischen Ländern. Die Grenzen aktionistischer gewaltfreier Radikalität ebenso wie die der bedingungslosen inneren Solidarität hat die Londoner Aktion aber auch für die dortigen Gesellschaften angedeutet.

XR polarisiert. Das ist eigentlich gut so. Sollte dies aber nur dazu dienen, die Macht und den Einfluss der -recht intransparenten- Organisation zu stärken anstatt politische Kampagnen mit zu tragen, dann ist es nicht mehr gut so.


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