Mit 30 Cent ein ganz easy Fluggewissen ?

Die (noch-) britische Easy Jet ist Europas zweitgrösste Billigfluggesellschaft, und -verglichen mit Ryanair und Konsorten- sicher die innovativste. Der Chef der Airline hat jetzt angekündigt, als erste grosse Airline den CO.2 Ausstoss seiner Maschinen komplett zu kompensieren. Die Kosten von 25 Millionen Pfund pro Jahr sollen auf die Flugpreise umgelegt werden. Das wäre eine Betrag von 30 Cent pro Passagier und Flug. So billig ?

Easy Jet arbeitet mit der ökologischen Beratungs- und Projektentwicklungsfirma „Climate Focus“ zusammen. Sie vermittelt, betreut und überwacht zahlreiche Offsetting- (CO.2-Einsparungs-) Projekte in Lateinamerika, Afrika und dem indischen Subkontinent.

Der für die Branche niedrige Preis, der tiefer liegt als das, was man als Privatperson für eine Kompensierung bezahlt, begründet Easy Jet mit „Grosshandelskonditionen“.

Zweifel an der Wirksamkeit dieses Pfennigbetrages versucht der Vorstandsvorsitzende Johan Lundgren mit der Feststellung auszuräumen, dass man sich auf die strengen Verifizierungsstandards „Gold Standard“ und „VCS“ verpflichtet hat.

„Gold Standard“ ist ein Index der gemeinnützigen Zertifizierungsgesellschaft „Gold Standard Foundation“ mit Sitz in Genf, welche die Klimawirksamkeit von Kompensationsprogrammen überprüft. Sie wurde Anfang des Jahrhunderts vom WWF (World Wildlife foundation) gegründet.

„VCS“ heisst „Verified Carbon Standard“ und ist das Label der Beratungsgesellschaft „verra“.

Ziel des Offsetting-Marktes ist es, den Ausstoss dort zu senken wo es am schnellsten und effizientesten geht, man also am meisten für seinen Offsetting-Euro bekommt. Das ist überwiegend in den Entwicklungs- und Schwellenländern der Fall. Und gerade dort ist der CO.2-Fussabdruck heute relativ gering, also die Kompensationsnotwendigkeit relativ gesehen viel geringer als beim Energie-Verhalten hierzulande.
Die Investitionen dienen zunehmend dazu, die wachsenden Co.2- Produktionen in diesen Ländern abzumildern, sie ersetzen also nicht im mindesten teurere Massnahmen in den Industrieländern.
Es ist auch die Frage, wie sinnvoll und auch wirksam die Ökonomisierung und Privatisierung von Entwicklungshilfeprojekten ist. Die Grenzen des Eingriffs in die staatliche Souveränität zeigen sich gegenwärtig beispielsweise in Brasilien.

Wer auf die Website von Gold Standard geht, liest dort die Empfehlung für politisch korrektes Verhalten: „Vermeiden sie Flüge !“

Genau das zu verhindern, ist aber das Ziel der „So sauber wie möglich Fliegen“-Kampagne von Easy Jet. Das schlechte Gewissen soll weggeblasen werden, und EasyJet argumentiert mit der Binnenlogik des grünen kapitalistischen Wettbewerbs:

„Menschen haben die Wahl, sich das Verkehrsmittel auszusuchen. Viele wollen weiterhin fliegen – und wenn sie fliegen, wollen wir die (ökologisch) beste Wahl sein.“

Johan Lundgren von Easy Jet ist nicht doof oder naiv. Auch er weiss, dass das CO.2-Offsetting keine Dauerlösung ( oder, wie wir sagen: eine Scheinlösung) ist. Er sieht es , zusammen mit optimierten kerosinbetriebenen Maschinen, als Übergangslösung.
Er setzt auf Projekte hybrid- und elektrobetriebener Mittelstreckenmaschinen und kooperiert dabei mit der Entwicklungsabteilung seines Haus- und Hoflieferanten Airbus Industries. Zudem unterstützt er das US-amerikanische Start Up „Wright Electric“, das vorgab, binnen 10 Jahren ein alltagstaugliches elektrisches Mittelstreckenflugzeug mit 180 Plätzen marktreif zumachen.
Das war aber schon vor zwei Jahren. Viele Experten halten das Projekt für unrealistisch.

Bleibt also: Es ist schon gut., dass sich Easy Jet einen Kopf macht. Aber gerade das zeigt auf, dass bei der derzeitigen Klima-Lage Massnahmen der Optimierung und der Kompensation nicht mehr ausreichend greifen.
Ein weiteres Wachstum objektiv klimaschädlicher Branchen ist nicht wünschenswert. Hier helfen nur noch Steuerungsmechanismen, welche den tatsächlichen CO.2 Ausstoss berechnen und abrechnen. Die Flugbranche muss ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten, sprich: Steuern abführen, welche zum umfassenden ökologischen Umbau eingesetzt werden können. Diese Steuern müssen international gelten und auch gegen Widerstände aus der USA, etwa des Verbandes „Airlines for America“ , weltweit durchgesetzt werden.
Die Umweltsteuern müssen vom Staat klimawirksam eingesetzt werden. Etwa auch zur Konversion in den Braunkohlegebieten. Es darf auch nicht sein, dass Energiebetreiber-Aktionäre ihre Altanlagen mit dem Ziel weiter halten, sich über den Zertifikatehandel entschädigen und ausbezahlen zu lassen – auf Kosten der Allgemeinheit.

Im Jahr 2018 sind die CO.2-Emissionen, die über das ECS- Zertifikateprogramm erfasst sind, in Europa um 6 Prozent gestiegen. Das zeigt, dass das Programm zur CO.2 Reduzierung im Luftverkehr so wie es ist gescheitert ist. Die ICAO-Vorgaben für 2030 gelten inzwischen als kaum mehr erfüllbar. Deshalb müssen wir aufpassen, dass sich die Luftfahrtindustrie für nicht nachhaltiges Wachstum mit Verschmutzungszertifikaten aus anderen Branchen nicht freikauft. Luftfahrt und Energiewirtschaft müssen sauber getrennt bleiben.- und beide sauber werden. Kompensieren darf nur der Staat über das System von Gesetzen und Ausgleichsmassnahmen.

Schön wäre es, könnte die Welt damit gerettet werden, für jeden Flug 30 Cent ins Sparschwein zu werfen. Aber das klappt nicht.


2 Antworten auf “Mit 30 Cent ein ganz easy Fluggewissen ?”


  1. 1 Tanja 27. November 2019 um 4:00 Uhr

    Im Rahmen der Klimagerechtigkeit, deren Relevanz sogar schon von der Weltgemeinschaft im Pariser Abkommen formuliert wurde, ist es sehr wichtig, dass die reichen Länder die nachhaltige Entwicklung in den Ländern des Südens fördern. Dazu gehört ausdrücklich, dass Technologie- und Wissenstransfer im Zuge von Kompensationsmaßnahmen in diese Länder gelangt.

    „Es ist auch die Frage, wie sinnvoll und auch wirksam die Ökonomisierung und Privatisierung von Entwicklungshilfeprojekten ist.“
    Erstens geht es dabei oft nicht um eine Ökonomisierung, sondern um eine Ökologisierung, zweitens geht die Kritik an einer „Privatisierung von Entwicklungshilfeprojekten“ an den Diskussionen der letzten 30 Jahre vorbei. Der Glaube an den Nutzen staatlicher Entwicklungshilfe sollte sich eigentlich mittlerweile nur noch bei skrupellosen Neoliberalen finden lassen.
    „Die Grenzen des Eingriffs in die staatliche Souveränität zeigen sich gegenwärtig beispielsweise in Brasilien.“
    Es geht doch überhaupt nicht um Eingriffe in die staatliche Souveränität! Es geht um solche Dinge wie die Produktion effizienterer Kochgeräte.

    Das eigentliche Problem mit der Kompensation wird hier gar nicht erwähnt: Fliegen führt zur Emission fossilen Kohlenstoffs und den kann man nicht kompensieren. Die Kompensation führt zwar zur Vermeidung einer CO2-Emission gleicher Menge, aber unterm Strich ist zusätzlicher fossiler Kohlenstoff in der Biosphäre und das ist das Problem.

  2. 2 Administrator 03. Dezember 2019 um 18:48 Uhr

    Waren es nicht die Neoliberalen, welche „Entwicklungshilfe“ als reine Wirtschaftshilfe zur Sicherung der eigenen privatwirtschaftlichen Standortlogik sehen ? Es soll nicht gesagt sein, dass behördliche, staatliche Entwicklungshilfe,- gerade angesichts der Problematik des kolonialistisch geprägten Entwicklungsbegriffs und des sogenannten Nationalinteresses- , gut sein muss oder besser als private. Wenn aber Projekte mit der Hauptintention angegangen werden, möglichst viel CO.2 anzurechnen, dann wird dabei auch ein Entwicklungsbegriff oktroyiert. Und funktioniert das überhaupt ? Wieviel CO.2 eines A 380 -Fluges kompensiert werden kann, wenn statt mit Holz das Essen auf einem Solarkocher heiss gemacht wird, das erschliesst sich mir nicht. Das mit dem Verzicht auf Waldrodung für Feuerholz etwas für das lokale Klima getan wird, steht auf einem anderen Blatt.
    Was die Grenzen privater Projekte bei(umweltzerstörerischer)Verteidigung nationaler Souveränität angeht, macht gerade Brasilien vor. Was bringt es, Regenwald aufzukaufen solange die Regierung nebenan um so mehr roden lässt ? Es stimmt aber, dass nur ein nicht stattgefundener Flug die Umwelt nicht belastet.

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