„Der Hambacher Forst wird nicht für den Tagebau in Anspruch genommen“

„Hambi bleibt“ war 2018 der Kampfslogan der Anti-Kohlebewegung und Synonym für den Kohleausstieg. Jetzt verkünden die Medien „Hambi bleibt“ und sendeten Direktreportagen aus dem Hambacher Wald. Kurz zuvor hatten sich Bundesregierung , die Ministerpräsidenten der Braunkohleländer und die Kohlewirtschaft in einem ein “ Vernunft-Paket“ (Armin Laschet) auf einen „Stillegungspfad“ zum Kohleausstieg bis 2038 (optional 2035) geeinigt.

„Freut ihr euch denn gar nicht ?“ war der Tenor der Berichterstatterinnen, die sich Donnerstagfrüh in den verschlafenen Hambacher Forst aufmachten.

Eine Antwort : „Dass -oder wenn- der Hambi bleibt, ist es ein Riesen Erfolg des Widerstandes hier vor Ort. Denn das Verhalten der Umweltverbände, der Gerichte und schliesslich der Landes- und Bundesregierung war nur eine Reaktion darauf.“

Es blieb aber eine gehörige Portion Skepsis: „Wir glauben nicht, dass die Kohlelobby sich wirklich geändert hat. Wir haben jede Menge Erfahrung mit üblen Tricks. Eigentlich wollen die Weitermachen wie zuvor und geben nur nach, wenn sie direkt Widerstand kriegen. Auch deshalb sind wir noch hier. Und bleiben es auch.“

In den letzten Monaten hat RWE in einer Blitzaktion das Vorfeld des Waldes komplett abgebaggert.

Am Anfang gab es nur Statements, die aus den Verhandlungen durchgesickert waren oder gezielt vorveröffentlicht worden waren: „Man habe vereinbart, dass der Hambacher Forst in NRW erhalten bleibe und der Tagebau dort nicht erweitert werde.“

Es wurde am Donnerstag nach und nach bekannt, dass der Tagebau Garzweiler weiterbetrieben wird und auch die Dörfer Morschenich und Manheim im Rücken des Hambacher Forsts wie geplant geräumt und abgebaggert werden sollen.

Wozu, wenn der Wald als Barriere davor stehen bliebe ?

Am Freitag veröffentlichte eine Lokalzeitung einen -von wem auch immer autorisierten- Plan, der zeigt ,wie sich RWE den „Kohleausstieg“ vorstellt. Der Hambacher Forst soll in einer Zangenbewegung „umbaggert“ werden und dann als eine Art Halbinsel aus dem 400 Meter tiefen Loch ragen. Nicht das ganze Gelände werde komplett ausgekohlt, man brauche die Fläche – auch der Dörfer- um mit Deckerdmassen den mäandernden See zu stabilisieren. Erst dann hätten sich auch die Investitionen in die Verlegung der A 4 und der Hambachbahn rentiert. Das Szenario ist gewissermassen das Maximalmodell, welches RWE nach dem Regierungsbeschluss bleibt. Das heisst nicht, dass es dazu kommt – aber wohl schon, dass jede Einschränkung RWE teuer abgekauft werden muss.

Für die meisten BewohnerInnen des Hambi ist klar, dass diese „Insellösung“ das Ende des Eichen-Buchenwaldes bedeuten würde. Er würde aus Wassermangel vertrocknen. „Und dann, wenn er tot ist, machen sie die restliche Fläche auch noch platt“ schreibt ein/e Besetzi auf Twitter.

Aus Besetzungskreisen hiess es als Reaktion auf das „Vernunftpaket“: „Der Kampf im Hambacher Forst ist ein Symbol im Kampf gegen den Klimawandel, deshalb fordern wir den sofortigen Kohleausstieg.“

Genau diese Symbolwirkung hat sich jetzt der Regierungsgipfel zunutze gemacht. Viele sagen: Was wollt ihr denn? Ihr habt gefordert dass der Wald bleibt, und er wird nicht aktiv angetastet.

„Hambi bleibt“ war stets mehr, aber Verschiedenes. Die einigende Klammer ist der Kampf für den Wald. Es geht aber auch um Formen des Zusammenlebens, gesellschaftlicher Solidarität und den Kampf um einen Systemwechsel. Es muss klar sein, dass aktiv etwas getan werden muss, damit der Wald bleibt. Die Besetzerinnen, sofern sie mit dem Wald verbunden sind, haben die konkrete Erfahrung gemacht, dass er 2018/19 auch ohne direkte Einwirkung einer Rodung schneller zu sterben begann. Hambi bleibt nur, wenn es einen umfassenden Kampf gegen die Klimaveränderung gibt. Und als Symbol der menschlichen Verbundenheit mit der Natur aufgefasst wird.

Richtig stark war (ist) der Hambi, wenn er von aussen angegangen wurde (wird). Das erzeugte dramatische Bilder wie in US-Kinofilmen. Die neue alte Gegenstrategie ist, dem radikalen Besetzungsprotest gewissermassen das Wasser abzugraben das ihn nährt, ihn in ein Negativsymbol zu verwandeln.

Ob das passiert, hängt von den Hambistas ,aber mehr noch von der Unterstützungsszene ab. Es gibt traurige Beispiele von Besetzungen, welche ins (politische) Abseits geraten waren und irgendwann an internen Konflikten kaputt gingen. Zu nennen wäre etwa die „Pressehütte Mutlangen nach dem Raketenabzug oder die Mahnwache Kelsterbach nach dem Baubeginn der Nordwestbahn.
„Hambi“ wird nur überleben ,wenn es sich als politischer Ort weiterentwickelt und nicht nur (aber wohl auch) die Vergangenheit verwaltet.

Wie geht es weiter ? Die Kampagne „Alle Dörfer bleiben“ wird Fahrt aufnehmen. Die neogotische Kirche in Manheim wird ob des laufenden Abrisses zum Symbol werden. Schon in Kürze wird es eine Kampagne von Ende Gelände, FFF und Greenpeace gegen die Inbetriebnahme des Steinkohlekraftwerks „Datteln 4″ geben, die quasi als Gegengeschenk zum Hambi an die Kohlewirtschaft gegeben wurde. Sie war von der Kohlekommission ausdrücklich nicht empfohlen.

Brisant an „Datteln 4″, mit über 1000 MW Leistung der grösste Steinkohle-Kraftwerksblock in Deutschland, ist nicht nur die Tatsache, dass er trotz versprochenener Energiewende ans Netz gehen soll und den Anteil der Steinkohle an der Energieversorgung erst einmal steigert. Insgesamt bleibt die CO.2 Einsparung des „Vernunftpaketes“ hinter den Empfehlungen der Kohlekommission knapp zurück.
„Datteln 4″ soll auch die Nachfolge der drei bereits stillgelegten Altblöcke in Datteln an der Bahnstromversorgung übernehmen. Knapp die Hälfte der Leistung soll ins Stromnetz der Deutschen Bahn (DB Netz) eingespeist werden. Das ist dem Bild der „grünen Bahn“ sehr abträglich, welches DB Fernverkehr seit einigen Monaten aggressiv bewirbt.

Hambi bleibt, aber nichts bleibt wie es war. Es ist nötig, dass “ dem Hambi“ trotz aller Widersprüchlichkeiten Zukunft gegeben wird. Oder gerade wegen ihnen…

Aktualisierung 21.1 :

RWE hat erklärt, man habe nicht vor den Wald in eine Insellage zu bringen. Es werde nur noch kleinteiligere Erweiterungen der Hauptgrube geben. Das Gelände der Ortschaft Manheim werde benötigt, um Füllmenge für die Stabilisierung der Böschungen der Grube zu gewinnen, die alte Ortslage Morschenich werde nicht abgegraben.
Diese Erklärung wurde mit grosser Skepsis aufgenommen, zumal RWE bis vor wenigen Tagen alles dafür getan hat, nördlich des Hambacher Waldes eine Steilböschung zu schaffen.


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