Vor 35 Jahren: Bundschuh-Waldbesetzung bei Boxberg

Der Einsatz für eine Verkehrswende weg vom Auto hat bereits eine lange Geschichte. Wichtiger Bestandteil war der Widerstand der Bürgerinitiative Bundschuh gegen eine geplante Teststrecke von Daimler Benz bei Boxberg in Nordbaden. Im Januar 1986 war dort Baubeginn. Wie der Kampf um den Wald verloren und dann doch gewonnen wurde, davon handelt dieser Beitrag. Und darum, warum Bauern lieber Barrikaden als Hütten bauten….

In den 70ern reiften in der Chefetage bei Daimler Benz in Stuttgart die Pläne für eine neue Testanlage für Automobile. Sie musste im „Ländle“ liegen. Abgelegen sollte sie sein, den neugierigen Blicken entzogen. Und doch verkehrsgünstig erreichbar,. Da bot sich als Option der Landstrich entlang der neuen A 9 zwischen Stuttgart und Würzburg an. Südlich von Bad Mergentheim war ein weisser Fleck auf der Landkarte. Dort sollte die Anlage hin.

Der weisse Fleck war jedoch bewohnt – und bearbeitet. Die Bäuerinnen und Bauern im nahen Boxberg wollten ihre Ländereien nicht an Daimler verkaufen. Sie gründeten eine Bürgerinitiative, die sich in Anlehnung an die badischen und fränkischen Bauernaufstände von 1525 „Bundschuh“ nannte. Sie hatte auch einen wirtschaftlichen Arm, die Bundschuh-Genossenschaft, mit der Spezialität des Dinkelanbaus.

Enteignung im Privatinteresse

Jetzt trat der Staat auf den Plan, um Daimler den Weg zu ebnen. Man koppelte das Genehmigungsverfahren an eine sogenannte Unternehmensflurbereinigung.
Zwangsenteignung für Bauprojekte war nach 1949 bislang nur für öffentliche Bauten -etwa Flughäfen- im öffentlichen Interesse bekannt. Hier sollte jetzt Privatbesitz im Daimler-Privatinteresse enteignet werden. In den Augen des Bundschuh war das ein gefährlicher Präzedenzfall. Künftig könnte ein Grosskonzern mit dem Argument der Schaffung von Arbeitsplätzen jeden anderen von seinem Grund und Boden vertreiben. Deshalb reichte der Bundschuh Verfassungsklage wegen Verstoss gegen Artikel 14 des Grundgesetzes ein. Dieser bekräftigt die Unverletzlichkeit des Eigentums und legt hohe Hürden an eine Enteignung.

Ende 1985 war das Projekt formaljuristisch baureif. Es wurde ein Sofortvollzug ausgesprochen, welcher aber die zu enteignenden Flächen erst einmal ausschloss. Ihre Besitzer hatten erfolgreich auf „Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung“ geklagt.

Baubeginn auf Daimler-Benz Gelände

Am Mittwoch, den 15 Januar 1986 begann unter dem Schutz von fünf Polizeihundertschaften der Einschlag von zunächst etwa 30 Hektar Wald bei Assamstadt. Er war bereits an Daimler übergegangen. Der Wald war aber über Nacht von mehreren Hundert Menschen besetzt worden. Sie leisteten zähen passiven Widerstand durch Eingraben, Klettern, Einhaken und Bäumeumklammern. Von der über 600 Hektar grossen Gesamtfläche der geplanten Teststrecke waren insgesamt 164 Hektar bewaldet.

Auf nach Boxberg- Ein Erlebnisbericht

Es ist Samstag,der 18.Januar 1986. Gerade bin ich von Frankfurt am Bahnhof in Boxberg angekommen. Starker Wind bläst dicke, nasse Schneeflocken ins Gesicht. Im Rucksack ist Demo Ausrüstung für mehrere Tage. Olivgrüne Nato-Parkas, aus denen sich ein Zelt zusammenknöpfen lässt. Auch dabei: Ein kleines Transistorradio, um Rundfunknachrichten abhören zu können. Information über Telefon geht ja nicht, denn wo gibt es im Wald eine gelbe Telefonzelle ?
Es ist Mittag, zum Kundgebungsplatz im Wald sind es knapp acht Kilometer – die Zeit wird knapp . Nach einiger Zeit höre ich lautes Motorengeräusch, ein Traktorengespann holt mich ein und hält an.
Der Fahrer ist Mitglied der Bundschuh Genossenschaft aus Schwäbisch Hall – und fährt auf dem Hänger technische Ausrüstung für die Waldkundgebung. Das Angebot mitzufahren nehme ich gerne an. Wir sind noch nicht weit gekommen, da zeigt sich, dass der Lift seine Tücken hat. Die Räder des betagten Treckers drehen auf dem Schnee, unter dem sich Schlamm befindet, durch. Reinste Schmierseife.
Über den Trecker meint der Fahrer: Alt, aber bezahlt. Mercedes-Benz würde die Bauern mit der Gratisüberlassung von Fahrzeugen ködern, damit sie ihr Land verkauften.
Der Anhänger stellt sich quer, wir kommen nicht mehr weiter. Wir müssen das Gespann mit Muskelkraft wenden und einen grossen Umweg fahren.

Kundgebung im Assamstädter Wald

Wir kommen vespätet an und werden schon sehnlichst erwartet, um die Verstärkeranlage aufbauen zu können. Zeitdruck ist aber nicht, es sind erst etwa Hundert Leute da. Später sind es etwa 400. Fast alle sind aus der Region. Da wirken die fünf Autonomen aus dem Taubertal fast exotisch, die „Aufruhr-Widerstand-Es gibt kein ruhiges Hinterland“ skandieren. Von den vielen Reisedemonstranten, die vor zwei Wochen noch in Wackersdorf waren, ist hier niemand zu sehen. Da passe ich mich, wo ich doch einer bin, besser an und ein.

Zwei Schwerpunkte bestimmen die Kundgebung: Die Kritik am Vorgehen der Polizei, die sich zu Erfüllungsgehilfen von Daimler macht, und an der Politik, die im Interesse von Daimler agiert. Einer meint: Der Staat, das ist hier in Baden Württemberg gleichbedeutend mit Daimler.
Aber da ist ja noch die dritte Gewalt, die Justiz. Auf ihr ruhen die Hoffnungen, und die Bürgerinitiative ist über 10 Jahre Kampf inzwischen prozesserfahren.

Anwältinnen und Anwälte haben beim Bundschuh eine wichtige Rolle. So trifft es sich auch gut, dass der Redner für die Grünen, Rezzo Schlauch, Anwalt ist. Mir fällt auf, dass er fast ebenso eloquent redet wie Joschka Fischer. Beiden gemeinsam ist auch die Herkunft aus der Provinz, dem Landstrich um Gerabronn übrer dem Jagsttal.
Der Bundschuh-Protest ist eine der Keimzellen der Grünen im Südwesten. Sie haben dort früh -zumindest inhaltlich- die Nachfolge der traditionell starken Liberalen übernommen. Für die Grünen wird die stellvertretende Bundschuh-Vorsitzende Dora Flinner als erste Bäuerin 1987 in den Deutschen Bundestag gewählt werden. Ihr Widerstand gegen Daimler fusst auf einer pietistischen Grundüberzeugung, Pragmatismus und Wertkonservatismus. Das sind Eigenschaften die erklären, warum die Grünen dort zur Volkspartei werden konnten. Rezzo Schlauch wäre mit dem Kampfspruch „Rezzo räumt auf“ zehn Jahre später beinahe Oberbürgermeister von Stuttgart geworden.

Die Kundgebung läuft -auch angesichts von Kälte, Schnee und Wind- sehr diszipliniert ab. Trotzdem gehen danach die meisten nicht gleich nach Hause. Unter den Augen der Polizei, die respektvoll Abstand hält, werden die gefällten Stämme der Vorwoche auf die Wege geräumt. Das ist harte Arbeit – und gefährlich. Ich bekomme einen dünneren Stamm an den Kopf.
Mit der Dämmerung leert sich das Gelände – mit Wald besetzen ist heute nichts. Ich bin froh über das Angebot, in Schwabhausen übernachten zu können. Dort ist heute abend auch noch eine grosse Versammlung angesetzt.
Der Treffpunkt ist das evangelische Gemeindehaus. Die Kirche spielt hier auf dem Land eine wichtige Rolle, merke ich. Das war ja im späten Mittelalter Jahren noch massiver, als die Luther-Thesen zur Selbstermächtigung Mitauslöser der Bauernaufstände wurden. Sie werden sich in wenigen Jahren zum 500. Mal jähren. Ob das ähnlich begangen wird wie das Lutherjahr ?
Über die Veranstaltung notiere ich:

„Das Video von den Räumungen am Mittwoch wird rauf und runter gezeigt. Wiedererkennen, Nacherleben, Gespräche. Man kannte sich. Schon um 10 Uhr lief alles alles auseinander- Ohne Aktionskritik oder Aktionsvorbereitung.“

Sonntägliche Waldbesetzung

Ich komme privat unter, bin erschöpft und mit brummt noch der Schädel von der Begegnung mit dem Stamm vom Vortag. Und am späten Sonntagmorgen allein, alle sind ausgeflogen. Bald sind sie wieder da – aus der Kirche. Es regnet in Strömen. Trotzdem machen wir uns nach dem Mittagessen (Grünkern) in den Wald auf, ausgerüstet mit Werkzeug. Wir haben alles dabei , was wir brauchen um eine Hütte zu bauen.

Die Hütte entsteht in einem Rechteck um vier Fichten herum. Im Bericht von damals heisst es:

„Am Spätnachmittag steht das Ding, umlagert von Assamsädter Bürgern, welche uns Teststreckengegner als Provinzielle und Egoisten beschimpfen. Und: Wer mehr als zehn Kilometer weg wohnt, hat ohnehin kein Recht hier zu demonstrieren.“

Bald gehen die Assamstädter – und dann auch meine Begleiter. Schliesslich muss morgen gearbeitet werden, das Bett und die Familie wartet – und die Barrikade vom Samstag hält zuverlässig Wacht.

Im Bericht steht:

„Die Nacht verbringe ich allein in der Hütte (20 Leute hätten reingepasst). An Schlaf ist nicht zu denken, da sich der Sturm verstärkt hat und das Dach über mir schaukelt wie ein Schiff. Ich habe ständige Angst, dass die Orkanböen einen der knirschenden, ächzenden Bäumen auf die Hütte umlegen könnten.

Zum Glück habe ich mein Transistorradio, das den Wind übertönt. Der stärkste Sender ist Radio Tirana. Wahlweise auf Italienisch, Französisch, Englisch und auch auf Deutsch gibt es eine Sendung über den imperialistischen Charakter des Sowjet-Sozialismus. Am Ende tönt dann in mehreren Strophen die Internationale.

„Gegen sieben werde ich wach, nach 2-3 Stunden Schlaf. Aus Richtung der Landstrasse dringt Krach. Die Polizei arbeitet sich vor, ihre Vortrupps haben die sehr stabile Barrikade erreicht. Dann sind sie da. Durch das Geflecht aus Fichtenzweigen flammt das Licht von Handscheinwerfern. Fünf Minuten später haben sie mich rausgeschmissen.“

Zwei Stunden später, die Hütte liegt in Trümmern und der Wald ist mit Absperrband markiert, kommen drei Menschen vom nahen Aussiedlerhof und demonstrieren mit. Dann sollen wir weg – aber die Polizei überlegt es sich anders. Personalienkontrolle, hier wären am Wochenende zahlreiche Straftaten verübt worden. Wer das war wüsstet ihr gerne, denken wir und grinsen.

In den Tagen danach zieht die Polizei über die Straftaten der Protestwoche Bilanz:

-Einbruch in die Kirche von Schwabhausen und unbefugtes In-Gang-Setzen des Glockengeläuts

-Nötigung und Strassenraub: Waldarbeiter wurden angehalten und drei Sägen entwendet

-Freiheitsberaubung: Drei Waldarbeiter wurden beim Vespern in ihren Vesperwagen eingeschlossen

-Unbefugtes Betreten trassierten Gebiets

-Verstoss gegen das Versammlungsgesetz durch die Anmelder der Kundgebungen, Anstiftung zur Nötigung

-Ermittlung gegen Landtagsabgeordnete der Partei Die Grünen wegen gemeinschaftlicher Nötigung

-Sachbeschädigung durch Vernageln von Bäumen

-Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt im Zuge der Räumungen

Ich bekam nichts
.
Mittags sitze ich -ziemlich geschafft- im Zug nach Osterburken/Heidelberg.

Was danach passierte:

Eine Woche später sind die Bundschuh-Leute wieder aktiv. In Stuttgart laufen die Feierlichkeiten zu „100 Jahre Auto“ , es wird gegen die Autogesellschaft demonstriert. Eine Gala steht unter dem Motto „Die Zukunft hat Geburtstag“ Es sind aber auch die Tage, wo sich viele nach dem Absturz der Raumfähre „Challenger“ Gedanken über die Grenzen der technischen Machbarkeit machen.

Es gibt weitere Rodungen für den Ausbau der B 292. Es kommt zu Baustellenblockaden, auch mit Treckern. Der Hamburger Aktionskünstler Rolf Schulz inszeniert auf der gerodeten Schwabhauser Höhe das Licht- und Akustikdrama „Brüllwald“.

Im April 1986 gibt es einen Baustopp. Am 24.3.1987 ist es soweit: Das Bundesverfassungsgericht entscheidet zugunsten der Teststreckengegner. Das Projekt ist erledigt. Im Raum Boxberg nehmen die Spannungen seitens der Teststreckenbefürworter zu.
Der Bundschuh zerbricht später als Produktionsgenossenschaft wegen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Auf dem Boxberg zugewandten Teil der geplanten Teststrecke entsteht, als der Widerstand nachlässt, eine auf 94 Hektar verkleinerte Teststrecke von den Autozulieferern Bosch und Knorr-Bremse.

Daimler startet ein neues Teststreckenprojekt, diesmal in Papenburg an der Ems. Auch dort gibt es Widerstand, das Hüttendorf Anatopia besteht ab 1991 über drei Jahre.
Es ist die erste und bisher einzige Moorbesetzung .1995 wird geräumt und es beginnen die Bauarbeiten .
Es gibt einen You Tube Film von der Besetzung. Die Band Guts Pie Earshot steuerte einen neu komponierten Song bei.
Im Jahr 2015 nutzt Daimler die Gelegenheit für eine „einheimische Lösung“ und erwirbt ein ehemaliges Militärgelände bei Immendingen , welches bis 2017 für 200 Millionen Euro zu einer Teststrecke ausgebaut wird. Obwohl auch hier viel Natur zerstört wird, gibt es kaum Widerstand. Schon gar aus den Reihen der Landesgrünen wie 1986. Die Strecke wird von einem gut gelaunten MP Kretschmann eröffnet, der im Daimler anreist.

In Boxberg ist mensch neuerdings mit der Trassenführung der Südlink konfrontiert – Strom für die Elektro-SUVs in München.
Radio Tirana sendet nicht mehr weltweit für sei Modell des Sozialismus. Dafür ist Rezzo Schlauch in seiner schwäbischen Heimat seit 2015 Honorarkonsul von Albanien…..


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