Fesseln spürt wer sich bewegt

Der wohl beste Startbahnfilm überhaupt. Er erklärt besser als blosse Worte oder Bilder allein , warum der Kampf gegen die Startbahn West in Massenmilitanz gemündet ist.
Erst seitens der Polizei….

und dann auch auf der anderen Seite der Barrikade. Hier der Link zum kompletten Film aus dem DFFB-Archiv.

Über den Film

Kein Film hat den Schreiberling dieser Zeilen so aufgewühlt wie dieser, als er im Mai 1982 in die Programmkinos kam. Dabei zeigt er noch nicht einmal die richtig harten Szenen.
Die finden sich aber auf der Tonspur, eingefangen von Dietmar Klein. Wo die Bilder im nächtlichen Gegenlicht der Scheinwerfer des „Blutsonntags“ an der Mauer unscharf sind und das Geschehen nur erahnen lassen, ist der Ton glasklar.

Die 67 Minuten lange und ursprünglich als 16 Millmeter Magnettonfilm produzierte Dokumentation gliedert sich in drei Abschnitte:

Zuerst wird das Hüttendorf als Mikrokosmos vorgestellt, und seine Umgebung. Später folgen die 7 Hektar Räumung und dann die Räumung des Hüttendorfes.
Hier geht es um Fragen des Lebens.Ds macht schon der „Opener“ klar. Ein Walldorfer Vogelschützer macht den beklemmend aktuellen Auftakt: „Man kann keine Startbahn ins Grundwasser bauen. Das muss abgesenkt werden, und dann werden die Bäume absterben.“

Thomas Carle, geboren 1954, studierte zur Hüttendorfzeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Zwar in Frankfurt ansässig, brachte er den „Berliner Blick“ mit: In keiner anderen deutschen Stadt – Zürich zählt da ja nicht- waren die Widersprüche zwischen sogenannter Hochkultur und Subkultur so ausgeprägt wie in Berlin, und es war auch unvermeidlich, dass sie sich nicht nur aneinander rieben sondern auch gegenseitig befruchteten. Klassisches Filmemachen mit politischem Anspruch will gelernt sein.

Er hat einen Film über den Protest gemacht, nicht einen für den Protest. Die gab es auch, etwa die Filmreihe der Arbeitsgemeinschaft HE-Film, die viel zur Mobilisierung und Verbreiterung des Protests beigetragen hat.

Das war aber nicht das Anliegen von Carle. Er hat nicht den durchschnittlichen “ sowohl-als-auch“– Startbahngegner portraitiert, sondern die Extreme. Im Film kommen im Dorf Punky, Silvia und die „Mutter des Hüttendorfs“ Mercedes (mit ihrem Ruf „Mittagessen!!!!) zu Wort. Und Bürgis aus Walldorf, welche sich teilweise um das Hüttendorf geprellt sehen, weil das autonom sein will. Das diese Autonomie nicht funktioniert, aber die Verteufelung der Punker anstatt der Landesregierung ebensowenig, weiss Carle ebenso wie die Christin Käthe Reiss, die im Interview in ihrer Abgeklärtheit beeindruckt.

Er stellt sich auf die Seite derer, die nicht nur gegen das politische System kämpfen, sondern auch gegen dessen Auswirkung ins Private. Die gegen die emotional geschädigte elterliche Kriegsgeneration rebellieren. Im Hüttendorf, dass auch manchmal Jahrmarkt der Eitelkeiten war, erliegt er auch nicht der Versuchung, irgendwem mit irgendeinem Promibonus Filmminuten einzuräumen – natürlich würden wir uns heute aus zeitgeschichtlichem Interesse auch über eine Portraitierung beispielsweise von Anti-Promi Horst Karasek freuen. Der hat beratend gewirkt und Kontakte geebnet – gerade die, welche Carle im Film zu Wort hat kommen lassen , waren nicht unbedingt scharf auf Kameraabdeckung. Der Film ist auch keine objektive Abbildung der Verhältnisse im Hüttendorf. Auch da gab es Spitzendeckchen. Aus seiner Subjektivität und Parteinahme („es müsste viel mehr solcher Dörfer geben“) macht er kein Hehl.

Die grosse Stärke des Films ist die Abdeckung der Dynamik der Gewaltdiskussion, die im zweiten Block – der Räumung des Sieben-Hektar-Geländes- entsteht und im dritten Abschnitt-von den Ereignissen um die Hüttenräumung und der Ablehnung des Volksbegehrens schier überrollt wird: Weder gewaltfrei-militante noch gewaltsam-militante Strategien können das Projekt noch aufhalten. Carle macht das Konzept der politischen Führung in Hessen, den Protest über Polizeiprovokation zu spalten und ihn damit zu schwächen, für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. Auch Teile der BI macht er mitverantwortlich, welche durch Geheimabsprachen beim Nacktensamstag ihre eigene Strategie konterkariert hätten.

Es war nach Carle aber die Polizei, welche die Strategie der Durchsetzung politischer Ziele mit Gewalt selbst in die Köpfe gebracht, wenn nicht geprügelt hat.
Ähnlich sah es im Rückblick der 80er einmal ein Polizist: Für die gewaltsame Durchsetzung der Startbahn müssen wir viele Jahre lang mit den Scharmützeln an der Mauer abzahlen“
Thomas Carle hat schon in diesem Film ProtagonistInnen, die uns fast zehn Jahre später in seinem Film „Wertvolle Jahre“ wieder begegnen. In dem -beklemmenden- Film geht es um die Schüsse auf die Polizei vom 2.11.1987.
Thomas Carle schliesst den Film mit der Silvesternacht 1981/82, als Startbahngegner die Polizei mit Feuerwerksraketen beschiessen. Ein Protest, der nur symbolisch ist, aber das macht Carle im Kontext klar- der mehr sein will.

In der Taz schrieb Christel Brunn in ihrem Feuilleton -das damals nicht so hiess- über den Film:

Thomas Carle und Dietmar Klein kratzen einen Mythos an, und dabei zuzusehen tut gut. Der Blick wird offener, das Vorstellungsvermögen grössr, wie anstrengend und zugleich spannend diese Auseinandersetzungen bleiben werden. Die beiden sind sensibel gegenüber gleichen Worten, aber ihrer jeweils unterschiedlichen Bedeuung, die sie für den Einzelnen haben.

Darin, aber auch darüber hinaus, ist der Film auch die Chronik der Bewegung. Ganz behutsam wedren Veränderungen registriert, die unterschiedlichen politischen und strategischen Positionen dargestellt, es wird auch kein Hehl aus Fehlern gemacht, die begangen wurden. Er problematisiert ebenso die Hoffnungen, die trotz gegenläufiger Erfahrungen auf die verantwortlichen Politeker gesetzt werden (so wie heute teilweise bei Fridays for Future, der Säzzer), wie die Hau-Ruck-Haltung, die aus dem Schein von Unmittelbarkeit erwächst.

Die TAZ meint, dass der Film auch späteren Bewegungen nützlich sein kann, aus der Startbahn zu lernen:

Ein Film, mit dem man arbeiten , an dem man diskutieren kann, hervorragend gemacht und nicht ganz bequem. So gesehen kommt er sicher nicht zu spät, wenn man die spontane Begeisterung in aktuellen politischen Konflikten nicht mit einer grundsätzlichen Suche nach den Bedingeungen politischen Bewegungen in diesem unserem Lande verwechselt.

Thomas Carle berichtet über das Making-Off des Films:

In einer Nacht wird die Kamera durch einen plötzlichen gezielten Wasserwerferstrahl zerstört. Wir drehen mit Super 8-Material weiter. Einige Tage später schmeisst uns die Kripo vom inzwischen eingemauerten Gelände. Doch wir hatten den Chemical Mace Einsatz schon im Kasten. Nur war uns jetzt die Möglichkeit, als akkreditierte Pressevertreter hinter die Absperrungen zu schauen, verwehrt. Eine Freundin hilft uns mit ihrem Geländemotorrad aus der Patsche. Von nun an üsen wir mit Kamera und Tonbandgerät behängt über Waldwege an die Mauer……


Thomas Carle wurde im Jahr 2004 als Professor für Videoproduktion an die Hochschule Darmstadt berufen und lehrt am Mediencampus Dieburg. Er ist Träger des August Grimme – und des Max Ophüls Preises. Mit seinem bisher letzten grossen Film beschäftigte er sich mit einem besonders grossen Thema: Dem Tod. In der Langzeitdoku von 2016 „Lisbeths letzte Reise“ beschäftigt er sich mit den Lebensstrategien seiner alternden Eltern.


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