Mit der besoffenen Drohne über die kleinen architektonischen Wunderwerke Stuttgarts schweben

Nicht schon wieder, werden manche denken. Bei so einer Überschrift, da wird es wieder mal um „Stuttgart 21″ gehen. Das uns hier in Frankfurt doch so am A….vorbeigeht. Hier im Blog wurde aber vor etwa 6 Jahren geschrieben: „Von Stuttgart 21 lernen heisst nicht verlieren lernen“. Das gilt auch heute noch. Wo doch der Widerstand gegen den Flughafenausbau ziemlich am Boden liegt. Schauen wir doch mal, was die cleveren Schwäbinnen und Schwaben so treiben. Die hatten jetzt die 555. Montagsdemo, und sie haben richtig was draus gemacht.

Überhaupt, dieses Stuttgart 21. Wohl nirgendwo in unserer Republik wird mit so hohem persönlichen Einsatz -in der DDR nannte man das Weltniveau- und so ausdauernd gegen ein Bauprojekt gekämpft. Nicht mal am Frankfurter Flughafen. Hier aber schon länger und wohl noch einige weitere Jahrzehnte mehr. Gregor Gysi, der auch bei der 555. mitwirkte, bezeichnete das Stuttgarter Phänomen als „den längsten Atem Deutschlands“. Das an Gregor Gysi auch ein Top-Comedian im Hauptberuf verloren gegangen ist, bewies er durch das mit tiefstem Bedauern erbrachtem Eingeständnis, dass nicht der BER-Flughafen das grösste Verschwender Projekt ist, sondern bloss Vize. Hinter S 21. Alleine die jetzt auflaufenden Optimierungskosten wären fast so hoch wie der Gesamtpreis vom BER.

Was ist derzeit los in Stuttgart ? Es wurde Bergfest gefeiert. Das klingt nach einer Gaudi. War es aber nicht. Es war eine Art Richtfest-Feier auf der Baustelle. Man war jetzt auf dem Berg. Weil 14 der 28 Kelchstützen, die das Bahnhofsdach tragen sollen, fertig gegossen sind. Dr. Frank Nopper, der neue Stuttgarter Oberbürgermeister, nannte sie “ architektonische Wunderwerke, weil sie alle einzigartig und verschieden sind“ . Das macht sie natürlich auch satt teuer. Und so wie manche sie lieben, so tun andere sie hassen.

Das Stahlgittergeflecht der Stützen giesst die Firma Gödel mit Flüssigbeton aus. Es gibt ein Video von der Feier, das unten verlinkt wird. Es ist nicht so spannend, aber es braucht schliesslich auch einen Einblick in die andere Seite ,um den Konflikt ansatzweise zu verstehen. Ihn völlig zu verstehen ist ausserhalb Schwabens wohl unmöglich. Was an fachlicher Kompetenz gepaart mit fast fanatischer, missionarischer Überzeugung und Projektliebe von den PROlern in die „Haltestelle mit Glubschaugen“, wie Spötter sagen, hineingesteckt wird, ist dem Elan der Gegenseite ebenbürtig. Und im Spiegel der herrschenden Machtverhältnisse immer noch eine Nasenlänge voraus.
Weshalb ja immer noch -mit dem Segen von „Kretschi“ – weitergewurstelt wird. Anderswo hätte man die Gelder abgegriffen, das Projekt bei den ersten ernsten Problemen und Zahlungsverzügen „unterbrochen“ und mit dem alten Bahnhof weitergewerkelt. Der tuts ja auch – und ist an neue Entwicklungen anpassungsfähiger. Die Neubaustrecke bekäme eine Art „Modern Art“-Nothalt in Cannstatt. Vielleicht sogar mit einer einzigen Kelchstütze…..

An dem Video von dem Bergfest ist doch etwas spannend. Gleich am Anfang legt ein Mercedes Benz Actros Betonmischer einen satten Wheeler hin, als der Fahrer etwas zu forsch über eine Bodenwelle fährt, was aus dem Off kommentiert wird.

In dem S-21 Video über die Montagsdemo -die weiterhin nur virtuell und mit Videobotschaften stattfindet-, kommen die Kelchstützen auch vor. Beziehungsweise nach kurzer Zeit nicht mehr. Das Video von 45 Minuten Länge, welches neben dem Gysi-Auftritt auch einen sehr sehenswerten Beitrag über Flächenfrass von Katrin Hartmann enthält, ist unten ebenfalls verlinkt.
Im Video sinkt die Hälfte der neuen Kelchstützen in sich zusammen, nachdem eine davon von einem Sektkorken der Schnappszahl-Feier zum 555ten getroffen worden ist. Schon deshalb werden sich die Protest Schwäbinnen und Schwaben den ganzen Video angucken und sich auf das Ende freuen, denn zum Schluss kracht es noch mal. Als wenn die Demo geholfen hätte.

Keine S 21 Demo ohne Kultur. Diesmal ist unter anderem Timo Brunke (Wortkünstler, Dichter und Autor) dran. Er präsentiert eine politische und alkoholträchtige Version des Kinderliedes „Ein Loch ist im Eimer“. Dies im strömenden Regen mit einem Blick in Vogelperspektive auf die Baustelle, der zeigt wie klein und mickerig der Bahnhof eigentlich wird. Er sagt zu seinem Beitrag: „Lasst uns mit einer besoffenen Drohne über die Schnapsidee Stuttgart 21 schweben.“

Noch immer werden in Stuttgart Fragen diskutiert, die eigentlich vor Projektbeginn befriedigend geklärt hätten sein müssen. Was in Stuttgart momentan viele aufregt, das ist die fehlende Perspektive für die Anbindung der Gäubahn. Für die ist bei Stuttgart 21 eigentlich kein Platz und die direkte Verbindung nach Horb, Rottweil, Singen und auch Zürich würde gekappt. Jetzt wird über einen zusätzlichen Tunnel nachgedacht. Das kostet wieder viele Jahre und so manche Milliönchen.

Vor 10 Jahren war der Schreiber dieses Blogbeitrags viel in Stuttgart. Zu viel, wie manche an der darbenden Mahnwache im Kelsterbacher Wald sagten. Er hatte sogar ein eigenes , zusammenfaltbares Domizil am Rand der Parkbesetzung im Mittleren Schlossgarten. Besonders gemütlich war es da nicht, da die Ecke von manchen etwas entfernter hausenden Besetzis zum Sch…. benutzt wurde. Viel Zeit wurde auch in den Stuttgarter Gerichtssälen verbracht. In der Kantine trafen sich dann manchmal Seite an Seite die unterschiedlichen Parteien. Auch das ist/war Stuttgart. Zum Essen bot sich auch die Kantine des Staatstheaters an. Dort gab es viele Gespräche, zum Glück nicht nur über S 21.

Jetzt die Links für die Videos:

Hier der Video zur 555. Montagsdemo für einen funktionsfähigen oberirdischen Bahnhof

Hier der Video von dem Bergfest zur Halbzeit der Kelchstützengiessung ( mit Actros-Wheeler)

Hier ein Video von 2010 im September mit dem Singer-Songwriter Jonathan. Er sang sich die Seele aus dem Leib, als ringsum gerade die Polizei zur Räumung einer Baustellenblockade am Nordflügel aufmarschierte. Er wurde auch festgenommen und musizierte im Gewahrsam weiter.


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