Halbjahresbilanz Danni Protest

Am 1. Oktober 2020 begann die Räumung der Waldbesetzung gegen die A 49. Gefühlt ist das deutlich länger her als ein halbes Jahr. Die Parole „Danni bleibt“ wurde zur Halbzeit dieser Zeitspanne, zum Jahresbeginn 2021, von der Parole „Danni lebt“ abgelöst. Was lebt, kann wieder neu wachsen. Der Protest im Danni hat zahlreiche Ableger gebildet.

Die „Polizeiburg“ hat ausgedient. Das containerbewehrte Polizeilager oberhalb Dannenrods ist aufgelöst und abgebaut worden. Dagegen ist die Ausleuchtung und Bewehrung der Trasse, welche ihr in Anlehnung an die DDR Grenze den Beinamen Todesstreifen“ einbrachte, weiter in Betrieb. Gegenwärtig findet auf der Trasse die Wurzelrodung statt, auch im Herrenwald südlich der Bahnlinie.

Das Danni-Camp an der Mahnwache gibt es auch noch. Ebenso ist an der Mahnwache Schmitthof weiterhin Betrieb. Dieser Ort könnte in näherer Zukunft an Bedeutung gewinnen, denn in unmittelbarer Nähe soll die Talbrücke der Autobahn über Gleen entstehen – einer der ökologisch neuralgischsten Punkte der Trasse. Seit dem 1.Januar ist eine Privatgesellschaft für den fristgerechten Autobahnbau verantwortlich.

Im Nordrosten Stadtallendorfs soll ein Baustelleneinrichtungslager mit 100 Übernachtungsplätzen und einem Betonwerk entstehen -in einem Waldgebiet. Die Baumassnahme wurde vom Bund Umwelt- und Naturschutz beklagt. Überhaupt, der BUND sammelt Geld für Klagen, um rechtliche Planungsmängel zu beklagen und um einen Baustopp zu erwirken. Es gibt zudem eine Kampagne für eine Autobahnalternative durch einen abgespeckten Bundesstrassenausbau namens „Planfall P 2″ , der ohne eine Zerschneidung von Herrenwald und Dannenröder Forst auskommt. Hierzu ist eine Campact- Petition gestartet worden.

Das scheint momentan die einzige halbwegs aussichtsreiche politische Strategie bei der Suche nach politischen Mehrheiten gegen die Autobahn zu sein . Auch im kleinen – bei der Kommunalwahl- hat sich an den Mehrheitsverhältnissen in der Vogelsbergregion gegenüber dem letzten halben Jahr wenig geändert.

Während die Grünen in Marburg die stärkste Fraktion wurden, kommen sie In Stadtallendorf kommen auf kaum 10 Prozent. Dort gab es auch eine Initiative von A 49 GegnerInnen, aus Protest gegen die Haltung der Landesgrünen den Wahlzettel gezielt ungültig zu machen. Anders sieht es in Homberg/Ohm aus, wo die Grünen ihr Stimmenverhältnis mehr als verdoppeln konnten. Sie liegen dort jetzt knapp unter der 20 Prozent-Marke. Das haben sie den östlichen Ortsteilen zu verdanken, die direkt vom Autobahnbau betroffen sind – und der Arbeit des Teams um Frontfrau Barbara Schlemmer .

Das ist auch weiterhin sehr aktiv. Es werden an Freitagnachmittagen AnwohnerInnendemos organisiert, der schon traditionelle Sonntagsspaziergang an der Trasse findet regelmässig statt.

Am Sonntag, den 21.März gab es eine besondere Aktion im Danni. Es war aufgerufen worden, tausende Kinderbilder mit Bäumen als Motiv am Zaun aufzuhängen. Eine ordentliche Zahl kam zusammen. Leider wurde die Präsentation durch den starken Wind, der die Bilder durcheinanderwirbelte, gestört.

Es waren viele schöne und auch eindrucksvolle Bilder dabei. Eins stach besonders ins Auge. Es zeigt Bäume, die mit Motorsägen auf Menschen losgehen, die offenbar für den Bau der Autobahn verantwortlich sind. Rollentausch. Dazu gehört, dass die Menschen, die da angegriffen werden „wie angewurzelt“ stehenbleiben-müssen. Ein Bild, das nicht nur Nachdenklichkeit, sondern auch Grusel auslöst.

Zur künstlerischen Umsetzung des Danni-Themas gehört auch ein Fotoband des freien Journalisten und Fotografen Björn Kietzmann mit dem Titel „Kein Baum ist egal“, welcher im Februar erschienen ist.

Aufregung gab es in Niederklein. Im südlichen Stadtteil Stadtallendorfs gibt es die Befürchtung, im Zuge des Autobahnbaus zeitweise abgehängt zu werden. Zwischen der Herrenwaldsiedlung und Niederklein soll ein grosser Autobahnanschlussknoten mit Gewerbeflächen entstehen, eine halbjährige Sperrung der Verbindungsstrasse ist Bestandteil der Planung.
Negative Nachrichten gab es zu dem markanten Kruzifix am Waldzugang, das bei Demonstranten -und Polizei- unter der Bezeichnung „Jesus Point“ bekannt ist. In einer Blitzaktion wurde im Februar die Baumgruppe um das Kruzifix gefällt. Hier soll ein Regenrückhaltebecken entstehen. Die katholischer Kirche als Träger des Kreuzes hat sich den vollendeten Tatsachen willig gebeugt und plant jetzt das Kreuz umzusetzen

.Zur Repressionschiene ist noch nicht allzuviel zu vermelden. Die Justiz lässt sich mit den zu erwartenden Verfahren Zeit. Auch im Fall der internationalen Aktivisti „Ella“ die seit ihrer Festnahme am 27.11 im Barrio Nirgendwo in der JVA Preungesheim in U-Haft sitzt. Sie soll auf einer Traverse in den Bäumen einen Polizisten getreten haben. Der erste Tatvorwurf, der von Aktionsvideos nicht unterstützt wird, lautete auf „versuchten Totschlag“. Die Hauptverhandlung( Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung und des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte) ist erst auf den 8. Juni angesetzt. Solange soll sie, wie jetzt auf einem Haftprüfungstermin in Alsfeld bekannt wurde, in U-Haft bleiben, weil wegen „Identitätsverweigerung/verschleierung“ Fluchtgefahr bestünde.
Vor dem Amtsgericht fand eine laute Soli-Demo statt, an der sich auch das politische Orchester Lebenslaute beteiligte.
Es gibt noch einen weiteren Aktivisten, der Mitte November im Danni festgenommen wurde und wegen einer anderen Sache im Ruhrgebiet in Haft sitzt.

Es sieht so aus, dass die Polizeikostenbescheide bislang noch nicht eingetrieben worden sind.

Vom Danni-Protest gehen auch Solidaritätsaktionen aus. So wurden letzten Freitag aus Solidarität mit der räumungsbedrohten ZAD-Orchideen-Waldbesetzung in der Schweiz zwei Förderbänder eines Holcim-Kieswerks bei Marburg besetzt und der Betrieb lahmgelegt. Die Aktion wurde geordnet gegen 10 Uhr beendet.

Um Perspektiven für neue Mobilität und eine Verkehrswende geht es beim Danni-Klimacamp, das vom 9. April bis zum 18 April (zwei Wochenenden und die Woche dazwischen) in Dannenrod stattfinden wird. Es gibt ein umfangreiches politisches, künstlerisches und handwerkliches Programm. Auch für Leute, die sich für Bewegungsgeschichte interessieren, ist einiges dabei – etwa ein Rückblick auf Startbahn West aus anarchistischer Sicht, eine Vorstellung des Frauenwiderstandscamps gegen Cruise Missiles im Hunsrück 1986 und ein Rekurs über feministische Militanz der „roten Zora“ in den 70er80ern.


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