Unter den Wipfeln ist keine Ruh – oder: Der letzte Tanz

Bwwwt.Bwwt.Bwwt. macht das Handy und vibriert dabei so stark, dass es sich in der Hosentasche wendet. „Scheiss drauf“ denkt Michael, ich bin hier schliesslich in einem Ruheforst, da will ich doch mal für ein,zwei Stunden meine Ruhe haben.

Alles ist in Ordnung an der Stelle, wo er bei Nacht und Nebel Kater Carlo, die gestromte Glückskätzin, begraben hatte. Diese Aktion denkt er, die hätte Irene richtig gut gefallen. Die Katze hatte sie in die Beziehung mit eingebracht.

Michael poliert Irenes Namensschild. Auch der versteckte kleine Seestern ist noch da. Eigentlich sind solche Artefakte im Ruhe Forst verboten, aber niemand hält sich wirklich dran. Überall sind Glückssteine, Modeschmuck und kleine Basteleien offen abgelegt. Das würde ich so nicht machen, denkt er, es wäre mir unangenehm wenn jemand hier durchläuft und die Sachen mitnimmt.
Sein Blick geht an der Buche hoch. Die Krone ist sehr schütter geworden. Sie wehrt kaum noch die Sonne ab, die vom Himmel knallt. Die Zweige rascheln im Wind. Der war eben noch nicht da, auch nicht die kleinen Wölkchen, die über den Himmel ziehen als hätte jemand einen Film überdreht.
Der Platz hier, den hat Irene ausgesucht, nachdem sie die Diagnose bekommen hatte von ihrer Autoimmunkrankheit, deren Namen sie vorher noch nie gehört hatten. Jetzt müssen wir so langsam mal mit der Lebensplanung anfangen, hatte sie darauf nur gesagt.

Sie hatten sich für einen Biotop Baum für bis zu zwölf Personen entschieden. Damit da nicht noch wer anderes drunter liegt. Gebucht hatten sie zusätzlich ein Komplett Package für 2599 Euro mit Papierkram, Einsargung, Einäscherung, Transport und Trauerzeremonie. Enthalten war auch die kompostierbare Bio-Urne mit dem Ginko Blatt Symbol. Der Pfarrerin hatte er auch noch einiges Extra gegeben, für sie ging schliesslich ein halber Tag drauf.

Die Geschäftsidee, da hatte sich Michael schlau gemacht, kam zum Millenium in der Schweiz auf und 2001 rasch nach Deutschland. Nur durfte hier die Asche nicht direkt in den Boden, nur Urnenbestattung war erlaubt. Es gab zwei Platzhirsche das Original „Fried Wald“ und den Rivalen“ Ruhe Forst“. Aber auch viele Kommunen hatten inzwischen so was.
Sie hatten sich den Ruhe Forst in der Dreieich (vormals Ruhe Forst Dietzenbach) ausgesucht . Der war nicht zu weit weg und lag verkehrsgünstig. Eigentlich doof, dass man da nur mit dem Auto hinkommt, dachte er.

Bei der Beerdigung war Musik erlaubt gewesen, in Zimmer bzw. Waldlautstärke. Als Ausnahme, eigentlich sollte das Zwitschern der Vögel ausreichen. Es ginge ja um die Verbindung mit der Natur.

„Singende Vögel statt Motorenlärm, kühle Waldluft statt drückender Hitze, uralte Bäume statt schattenarmer Parkanlagen, so sieht ein Ruheforst aus.“

Der Wald bewegt uns. Der Baum als Sinnbild des Lebens verbindet die Erde mit dem Himmel, er ist zugleich Lebensraum und Trostspender. In der harmonischen Gemeinschaft des Waldes erlebt man Standhaftigkeit und Beständigkeit, die gleichzeitig Raum für Phantasie und Bildhaftes, oft christliches Denken. Das lässt im Ruhe Forst Ruhe finden.“

Irene war für solche Sprüche empfänglich. Dabei waren es hohle Sprüche. Der Baum als Sinnbild des Lebens ? Die meisten Bäume ragten nur noch als nackte Zahnstocher in den Himmel. Kein Wunder, dass heute viele Interessierte auf dem Schuhabsatz kehrt machten. Das Geschäftsmodell darbte.

„Ruhebiotope benötigen keine Pflege, da sie Teil des Waldes sind.“

Noch so ein hohler Spruch. Das er heute hier war, hing auch damit zusammen, dass sich Fried Wald und Co mal wieder in Erinnerung gebracht hatten. Sie wollten Geld, das war aber eigentlich erst bei der nächsten Bestattung fällig. Sie hatten aber eine Klausel aufgemacht, von wegen Verkehrssicherungspflicht. Das niemand ein Baum auf den Kopf fällt. Eine unabdingbare Sonderzahlung , um den Weiterbetrieb der Einrichtung sicherzustellen. Und dann noch irgendwelche BGB Paragraphen.
Ein Batzen Geld bei zwölf Plätzen. Er hatte aber bezahlt, dem Andenken an Irene zuliebe. Und diesem Andenken, dem wollte er heute Zeit und Raum lassen.

Einige Leute entfernten sich strammen Schrittes aus dem Wald in Richtung Andachtsstätte und Parkplatz. Auch für ihn wurde es langsam Zeit. Wieder vorbei an dem zerstörten Mülleimer, die Fetzen flogen durch die Gegend. Den werden wohl die Wildschweine platt gemacht haben, die angeblich am Verhungern sind. Früher, da haben diese Schweine alle Eichenbaumstumpen ausgegraben, um an die begehrten Hirschkäferlarven zu kommen. Reich an Eiweiss und Proteinen. Dabei muss es mehr Kalorien gekostet haben an die Engerlinge ran zu kommen als sie gebracht haben. Jetzt war das Essig, die Hirschkäfer ausgestorben. Die Spechte, die Jagd auf die fertigen Käfer machten, hatten den Rest erledigt.

Tut mir nicht leid um die Schweine, denkt Michael. Es tut ihm aber leid, dass er so weit laufen muss um aus dem Wald rauszukommen. Das war schon bei der Beerdigung unangenehm gewesen.
Früher, da war der Gottesacker direkt an der Kirche. Man wollte ja der Mutter Kirche so nahe wie möglich sein, wenn es für die Gemeinde um die Auferstehung ging. Später wanderten die Friedhöfe an die Stadtränder. Sie wurden die Angelegenheit staatlicher Verwaltung. Betreut von Zweckverbänden. Und die Sache der Kleinfamilien. Und heute ? Jetzt ging es noch weiter raus, war individualisiert, dereguliert und privatisiert. Und das Sterben war noch weiter aus dem Blickwinkel raus. Neoliberale Kackscheisse eigentlich.

Bei dem Weg aus dem Wald heraus , das hatte sich Michael angewöhnt, musste der I Pad an sein. Irenes Lied. Sie hatte sich „Seasons in the Sun“ gewünscht. Wenn sie schon jung sterben müsse, sei dies das Richtige. „Morning has broken“ sei schöner, aber die Trauerfeier könne ja nicht am Morgen sein, wegen der Anreisen. Er hatte „Der letzte Tanz“ in den Ring geworfen. Ein Partysong sei das, hatte sie gesagt. Und schliesslich ginge sie den letzten Weg und nicht -wie in dem Video- in den Knast.
Das ist aber genau der Song den er jetzt braucht.

Wieder blökt das Handy, er hat es gespürt ,und diesmal geht er ran. Eine erneute Push Nachricht der Wetter App. Heranziehendes Unwetter mit Fallwinden bis 130 Stundenkilometer.
Scheisse, denkt er. Und ich muss noch das blöde Ladekabel von der Karre abhängen.

„Drum tanz als wärs das letzte Mal – nichts ist für immer – drum tanz.------.


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