Hessengrüne wollen Bannwaldschutz aufweichen

Nach Informationen der Zeitung Offenbach-Post bereitet das hessische Umweltministerium eine Einschränkung des von ihm selbst initiierten Bannwaldgesetzes vor. Grund : Das hessische Verkehrsministerium möchte über vier Meter breite, beleuchtete Asphaltstrassen durch den Bannwald bauen. Das geht nach der gegenwärtigen Rechtslage so nicht.

Auslöser der Überlegungen ist offenbar die besonders umstrittene Streckenführung der Fahrradautobahn zwischen Langen und Frankfurt über Dreieich und Neu Isenburg.
Die Leichtfahrzeuglobby, insbesondere die E-Bike und Scooter-Fraktion, fordert seit langem eine Linienführung westlich der Main-
Neckar Bahn. Unterstützung bekommt sie dabei von AnwohnerInnen der genannten Ortschaften, die keinen schnellen Durchgangsverkehr vor der Haustür haben wollen. Sie haben auch eine Bürgerinitiative „Bürger für den Radschnellweg“ gegründet, welche die schnelle Westtrasse einfordert . Bannwaldschutz ist für sie störend. In einem Leserinnenbrief heisst es:

„…die einzige sinnvolle , Kosten und Ressourcen schonende Trasse ist auf der Westseite der Bahnlinie. Das Bannwaldargument kann man leicht entkräften, nicht nur angesichts der Rodungen in Langen zugunsten des kommerziellen Kiesabbaus. So viele Bäume würden hier nicht fallen….

Gegen die bahnnahe Trasse gibt es aber -wie auch gegen andere Waldvarianten- triftige Einwände.

Tierwohl gefährdet

Sie zerstört eines der letzten nicht von Menschen intensiv genutzten Naturrefugien in der Region. Mit dem Eisenbahnverkehr können sich die Wildtiere deutlich besser arrangieren als mit FussgängerInnen und RadfahrerInnen. Dies gilt vor allem für die Waldstücke zwischen Langen und Buchschlag und für die Westseite der Bahn vor Neu Isenburg am Schienenkilometer Acht und Neun. Eine Bündelung der Verkehrswege kommt also nicht der Fauna entgegen.

Neue Heissluftschleuder

Die durch den Bannwald zu schlagende Trasse würde die Schneise der Eisenbahn um bis zu sieben Meter verbreitern. Dies ist Abstands- und Verkehrssicherungsregeln geschuldet. Damit würde die Waldzerschneidungswirkung der bereits mindestens viergleisigen Bahnstrecke weiter erhöht. Kronendachlösungen sind für die Integrität des Waldes zumeist schonender.

Gerade und Schnell – die Uni Klinik ist nicht weit….

Eine schnurgerade Trasse verleitet zum Fahren mit unangepasster Geschwindigkeit und birgt ein hohes Unfallrisiko, besonders weil mit Geschwindigkeiten zwischen 5 Km/h (Rollerblader) und 40 Km/h (Hybrid- und Elektrobikes) gefahren wird. Entsprechend steigt bei Überholvorgängen die Gefahr von Frontal- und auch Seitenkollisionen.

Schwarzbau in Grün

Ein Ausbau der sogenannten „Sommer-Trasse “ ist eigentlich kein Wegebau, sondern Strassenbau. Als Direktverbindung des wachsenden Langener Westens nach Frankfurt ist ein boomartiger Anstieg des Verkehrsaufkommens nicht ausgeschlossen. Auch für Elektrostrassen gilt: Jede verbesserte Verbindung zieht Verkehr -auch Neuverkehr- an. Ein solches Verkehrsvolumen mit tendenziell bis zu 5000 Verkehrsbewegungen benötigt aber eine Planfeststellung inklusive Umweltverträglichkeitsprüfung.
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass eine solche Strasse klein geplant, dann aber massiv ausgebaut wird sobald sie an ihre Leistungsgrenze kommt . Verkauft wird hier eine Mogelpackung und ein faktischer Schwarzbau.

Priskas Pläne

Was ist konkret geplant ? Ministerin Priska Hinz hat in einer Pressemitteilung eröffnet, dass sie eine Änderung des Waldgesetzes beabsichtige.

Darin heisst es : (zitiert nach Offenbach-Post vom 17.7.2021)

Mit einer Steigerung des Radverkehrs bremsen wir den Klimawandel aus und sorgen so für einen langfristigen Schutz des Waldes. Dafür braucht es attraktive, gut ausgebaut und sinnvoll gelegene Radwege. Teilweise kann ein solcher Weg auch durch den Bannwald führen. Deshalb wollen wir es zukünftig ermöglichen, dass Radschnellwege auch im Bannwald entstehen können, sofern mit einer hohen Nutzung , also mit mehr als 1500 Fahrten pro Tag zu rechnen ist.“

Zu dieser Presseerklärung ein Kommentar von „Waldbesetzung“ :

Hallo, gehts noch ?

Ministerin Prinz will Wald schützen, indem sie ihn fällt und weiter zerstückelt. Da bleibt einem eigentlich die Spucke weg. Auch die Aussage, mehr Radverkehr bremse den Klimawandel aus ist als solche nicht wahr. Das ist nur der Fall, wenn klimaschädliche Bestandsverkehre ersetzt werden. Konsequentes Vorgehen wäre, die bestehenden Strassen für die Verkehrswende umzubauen. Zusätzliche Fahrradautobahnen sorgen mit dafür, dass der umweltschädliche Bestandsverkehr weitermachen kann. Und: Sie sorgen tendenziell auch für Umstieg vom öffentlichen Verkehr auf motorisierten Individualverkehr, etwa per E Bike. Das konnte in der Coronakrise bereits deutlich beobachtet werden.
Der Wald ist zu kostbar und auch zu kleinräumig, um ihn für die Benutzung von Elektroscootern und Superbikes, die minimierten Rollwiderstand brauchen, zu asphaltieren. Schon die Grundüberlegung, die Geschwindigkeit des Fahrrades massiv zu steigern, ist den Erfordernissen einer wirklichen Verkehrswende abträglich. Wir brauchen Entschleunigung des Alten – Strassen und Wege für alle- statt Beschleunigung des Neuen ( Fahrrad als Standardverkehrsmittel). Je langsamer oder zumindest der Situation angepasst wir auf den Strassen und Wegen unterwegs sind, um so mehr und um so vielfältigere NutzerInnen haben Platz. Auch im guten alten Auto. Für Geschwindigkeit beim Massentransport ist die Schiene da,

Mit kleineren Massnahmen , die den Verkehr auf den Bestandswegen lotsen und verbessern, kann viel fürs sichere Fahrradfahren getan werden. Etwa gute, nicht versiegelnde Waldwegbeläge statt unfallträchtige Hessenforst- Rückefurchen . Was wir nicht brauchen, sind teure Überführungen und Tunnels. Die bringen nur ein paar Minuten – und es braucht sie höchstens die Strabag – und die Eletrofahrzeuglobby. Ampelgesicherte Kreuzungen an den Strassen reichen.

Ein Geburtsfehler der schwarz-grünen Hressen-Koalition, welche jetzt zur Halbzeit von den Grünen als „Erfolgsgeschichte“ verkauft wird, ist die Sicherung der Ressorts Wirtschaft/Verkehr und Umwelt/Landwirtschaft an die gleiche Partei. Den Antagonismus zwischen Ökologie und Ökonomie im bestehenden System haben die Grünen nicht aufgehoben, sondern mit plüschiger Parteiideologie und Klientelpolitik übertüncht. Schon seit Jahren scheint es so, dass Herr Wazir eine Art Direktionsrecht auf Frau Hinz ausübt. Sie malt die Massnahmen des Wirtschaftsministers grün an. Ihre Öko-Bilanz ist miserabel. Wenn Umweltinteressen Wirtschaftsinteressen zu- und meist untergeordnet werden, hat das Konsequenzen: Widersprüche werden nicht als solche benannt und Widerstand unterbleibt. Fahrradautobahnen werden nicht für den Umweltschutz gebraucht, sondern wegen Verkehrszuwächsen etwa durch den „Grossen Frankfurter Bogen“ und ein neues, ressourcenfressendes intermodales Verkehrsverhalten. Das zu benennen, diese Ehrlichkeit bekommen die Hessengrünen nicht hin.

Die geplante Änderung des Waldgesetzes liesse sich mit einem Wort benennen: Dreist. Der Natur ginge es besser, die Grünen wären in der Opposition als in der Regierung. Den Grünen ginge es dann wohl auch besser. Dazu kann bei der nächsten Wahl ja beigetragen werden.


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