Hüttendorf-Sommer 1981

„Wenn es erst warm wird und falls wir im Sommer noch da sind, wird das hier eine Riesen Sache“ So dachten wir BewohnerInnen des Startbahn-West Hüttendorfs, wenn wir im Spätwinter 1981 über den leeren Dorfplatz zogen……

Aber es kam ein bisschen anders. Wir hatten fest geglaubt, im Sommer 81 kämen aus der ganzen Bundesrepublik (und darüber hinaus) die Leute in den Wald geströmt. Um hier Widerstand zu organisieren, Und wir würden das Herz des Widerstands. Aber eher das Gegenteil trat ein. Die Leute aus der Region und selbst viele DauerbesetzerInnen strömten weg- in die ganze Bundesrepublik (und darüber hinaus). Das Hüttendorf lag wie verlassen da. Nur am Wochenende füllte es sich mit UnterstützerInnen, welche von den Dörflern etwas abschätzig als „Touristen“ bezeichnet wurden.

Musste im Winter noch ein Baustopp verhängt werden, um einer Zersiedelung des Waldes vorzubeugen, gab es jetzt das Problem des Wohnungsleerstands. Hütten, die nicht bewohnt waren, wurden rasch unbrauchbar. Sie „versifften“ Aber eigentlich vermoderten sie. Gerade viele der Erdhütten waren so feucht, dass Papier. Kleidung und Leder darin schimmelten.
„Hättet ihr mal unsere Ratschläge befolgt“ meinte ein alter Walldorfer. „Bei einer Erdhütte muss ein Abstand zwischen Erdboden und der Hüttenwand eingehalten werden, in dem Luft zirkuliert“. Wir ahnten, unter welchen Umständen der Mann in seiner Jugend diese Kenntnisse erworben hatte. Darüber sprechen tat er ungern.

Das gute an der Situation war, dass sich alle, die dies wünschten, eine eigene Hütte aussuchen konnten. Eine Hütte die niemand wollte war die „Biergrotte“. Sie war quadratisch, aber nicht praktisch und schon lange nicht mehr gut. An die Tür hatte jemand ein Foto aus der Bunte-Illustrierten gepinnt. Es war das offizielle Krönungsfoto von Charles II und Diana. Auf unserem Bild hatten wir aber die Köpfe getauscht – auf dem Körper mit der Marineuniform prangte jetzt der Kopf von Diana, und Charlie war im Tüllkleid.

Im August ging ein Feuerteufel im Hüttendorf um. Der vermutlich kein Teufel, sondern ein ganz normaler Mensch war. Wir waren fest davon überzeugt, dass es ein Auswärtiger war, der im Auftrag Psychoterror ausüben sollte. Aber wir schlossen es auch nicht ganz aus, dass es ein Pyromane aus den eigenen Reihen war. Mit psychischen Problemen, also doch kein so ganz normaler Mensch. Aber Normalität gab es hier ohnehin kaum.

Es war eine Brandserie, die sich steigerte . Die Oberurseler Hütte brannte an, aber nicht ab. , Und später entdeckten wir in der besagten Biergrotte einen Brandsatz – einen Molli mit einer langen Lunte. Weil die Hütte aber massiv durchfeuchtet war, hatte er nicht gezündet.
Dann kam eine schlimme Nacht. Mit dem Megaphon schrie jemand von unserem Dorfwachturm herunter: „Feuer im Trotzkopf“. Die „Feste Trotzkopf“ war – neben dem „Krähennest“ unser bestes und massivstes Baumhaus. Nun war es im Vollbrand und der rote Feuerschein lag unheilsam auf allen Gebäuden im Umkreis. Der Gedanke war: „Wenn da jetzt noch jemand drin ist“
Erst als die Flughafenfeuerwehr den Brand abgelöscht hatte und die Brandstelle untersucht war, konnten wir uns völlig sicher sein dass sich dort niemand aufgehalten hatte. Da war eine Brandstiftung das kleinere Übel. Später kam die Vermutung auf, dass ein Bewohner der Hütte das Feuer selbst gelegt hatte, um die Aufmerksamkeit und Fürsorge seiner Ex-Freundin zurückzugewinnen.

Nun, viele Bewohnerinnen und Bewohner waren ausgeflogen, aber wohin ? Zum Beispiel nach West-Berlin . Damals war die Hausbesetzungsbewegung dort kurz vor ihrem Höhepunkt. „Wir wissen nicht, was Harry Ristock empfiehlt – wir empfehlen Instandbesetzung“ war einer der Slogans der autonomen Szene. Im September kam es bei einem Knüppel- Polizeieinsatz zu einem Todesfall – der Besetzi Klaus Jürgen Rattay wurde bei der Flucht vor der Polizei von einem Auto erfasst und starb. „Tote brauchen keine Wohnung“ war darauf eine Schlagzeile im „Stern“.

Neu im Hüttendorf war Alex. Er gehörte im Sommer zu einer neuen Generation HüttendörflerInnen , welche einen Neuanfang versuchten und die freigewordenen Plätze der „Alten“ einnahmen. Er gründete sofort eine ganze Reihe Arbeitsgruppen. In einer sass auch ich. Thema: Öffentlichkeitsarbeit. Wir sollten wieder mehr raus gehen, offensiv und gewaltfrei, seid schlau wie Schlangen – meinte Alex. Das ging natürlich auch einigen auf den Sack.

Anfang August organisierte Alex eine gross angelegte Friedenswerkstatt in Erinnerung an den Atombombenabwurf von Hiroshima. Dafür hatte er das evangelische Gemeindezentrum in der Kiesstrasse in Darmstadt gebucht. Die ReferentInnen kamen – aber faktisch keine Besucher. Wie ein geprügelter Hund und so gut wie ohne Support von uns übrigen schlich Alex ins Dorf zurück.
Später erlangte Alex grosse Berühmtheit durch ein Pressefoto, das ihn mit entblösstem Oberkörper auf einem Knüppelwall gegenüber der Polizei zeigt. . Als das Hüttendorf geräumt wurde, verschanzte sich Alex auf einem Baum. Die sehr erfahrene Hüttendorfbewohnerin Christel brachte ihn dazu, abzusteigen und nicht abzuspringen. Alex, der immer auf der Borderlinie war, lebte nicht mehr lange. Er wollte alleine die Welt , die er liebte , retten. Und sah sich als etwas Berufenes, Aussergewöhnliches. Er hob ab. Die Um-welt liebte und erdete ihn aber nicht genug, dass es ihn zu retten gereicht hätte.

Nur ein paar Stunden, nachdem wir mit Alex ins Hüttendorf zurückgekommen waren, fing es an zu regnen. Es regnete ununterbrochen zwei Tage lang. Das Wasser lief in die Hütten. Die Leute kamen heraus und bauten Ableitungsgräben. In der Dorfmitte wurde ein Loch ausgehoben um das Wasser aufzunehmen. Das Problem hatten wir selbst mit verursacht – durch die vielen Tausend Menschen, die im Dorf herumliefen, war der Boden verdichtet worden.
Als der Regen um war, wurde es Hochsommer mit über 30 Grad.
Wir fuhren auf unseren Fahrrädern zu den Mönchbruchwiesen. Wie der Name schon sagt ist dies ein Bruch, ein über die Jahrtausende gewachsenes Feuchtgebiet. Es stand jetzt einen halben Meter unter Wasser. Wir zogen uns aus und schwammen in dem aufgewärmten, neuen See. Dabei kitzelten die Gräser an den Bäuchen. Ein unvergessliches Erlebnis.

Die Stimmung im Dorf war mal wieder schlecht. Der Grund: Es hatte eine Attacke mit einem Molotow-Cocktail auf eine motorisierte Polizeistreife gegeben. Das wurde, auch wenn es keine Beweise dafür gab, dem Hüttendorf zugeschrieben. Die Bürgerinitiative – und nicht nur die-war im Alarmmodus. Man befürchtete eine Schnellräumung durch die Polizei. Das Innenministerium könnte die Chance nutzen, wenn es den Eindruck hätte, dass die Bevölkerung das Dorf nicht mehr mittragen würde. So etwas war zwar nicht spontan zu erwarten, sehr wohl aber innerhalb einiger Tage oder Wochen – wenn nicht gegengesteuert würde.

Es setzte nun eine grosse Kampagne der BI ein, die ihre Ortsgruppen aufforderte , Präsenz im Dorf zu zeigen.
Darüber im nächsten Beitrag mehr.


0 Antworten auf “Hüttendorf-Sommer 1981”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


neun + = achtzehn