Ein Wiederbesuch in „Überall“

Bald jährt sich die grosse Räumung der Waldbesetzung gegen den Bau der A 49 im Dannenröder-, Maulbacher- und Herrenwald. Es ist zu hören, dass der Bau der Autobahn planmässig und zügig vorangeht. Viele wollen das lieber nicht sehen. Ich schon….

Also steige ich an einem sonnigen Montagvormittag in den „RE 30″ von Frankfurt nach Kassel. Mein Ziel ist Stadtallendorf. Das ist die Stadt mit den zwei Bahnhofsvorplätzen. Einen auf der alten, der Dorfseite, – und einen zweiten auf der neuen, der Munitionsfabrikseite. Diese Seite ist mein erstes Ziel. Neben dem Verwaltungsgebäude der DAG im NS-Heimatstil, welches einst zur Kaschierung den im Wald eingegrabenen Fabrikationsanlagen vorgesetzt wurde, befindet sich die Haltestelle für den Bus nach Schweinsberg. Da am späteren Vomittag kaum Schülerinnen und Pendlerinnen unterwegs sind, ist er nur schwach besetzt. Das liegt auch daran, dass Stadtallendorf eine typische Autofahrerinnenstadt ist . Hier ist der motorisierte Untersatz noch eine Frage von Prestige, Unabhängigkeit und auch Ehre.
Mein nächstes Ziel ist der Vorort Niederklein. Er ist benannt nach der Gleen – geschätzt heisst in Mittelhessen jedes fünfte kleine Flüsschen so. Auf der kurzen Fahrt kann ich mir bereits ein erstes Bild von den Umwälzungen des Autobahnbaus in der Region machen. Eine grosse Staubwolke, erzeugt von zahlreichen Schwerlastfahrzeugen, liegt über der Landschaft.

In Niederklein angekommen, wende ich mich gleich wieder rückwärts. Der Plan ist, entlang der Autobahntrasse nach Stadtallendorf bis zur Querung der Eisenbahnlinie zurückzulaufen. In diesem Abschnitt liegt eines der Hüttendörfer, die im Oktober 2020 gebaut und geräumt wurden: Das Barrio „Überall“. Dort habe einige Zeit gelebt und mich auch ein wenig in den Platz verliebt.
„Barrio“ heisst eigentlich Stadtteil oder Kiez, aber der Name klingt halt gut. Und zumindest von einem „Kiez“ lässt sich durchaus sprechen. „Überall“ wurde am 3.10.2020 kurz nach den ersten Rodungen im Norden Stadtallendorfs begonnen und erst am 11.12.2020 endgeräumt. Doch davon später mehr.

Mein erstes Ziel ist nach knapp einem Gehkilometer das Gelände des geplanten Autobahnanschlusses „Stadtallendorf Süd“ mit der Verknüpfung an die B 62. Er soll der Erschliessung der Stadtallendorfer Industriegebiete dienen – und hier wird sich das Landschaftsbild so brutal ändern wie an kaum einem anderen Abschnitt der Trasse. Neben dem Anschluss ist ein grosses Gewerbegebiet für autobahnaffine Betriebe geplant. Von der ländlichen Atmosphäre, die diese Niederung des Flüsschens Jossklein azusstrahlt, wird nichts übrigbleiben.

Das gilt bereits heute für das Wegekreuz mit seiner Baumgruppe und Ruhebank – alles ist vollständig verschwunden. Das Kreuz der katholischen Gemeinde wurde demontiert und temporär entweiht, da hier ein Rückhaltebecken entstehen soll. Es soll anderswo wieder aufgestellt werden. Um die Verbindung von Stadtallendorf nach Niederklein gab es grossen Streit, da eine Totalsperrung den Vorort abgeschnitten hätte. Vermutlich wird die Trasse temporär verlegt werden. Für den Radweg gilt das nicht, er ist gesperrt und es sind Umwege erforderlich. Benutzt wird er aber trotz Absperrung weiterhin.
Mindestens 10 Schwer-LKWs sind im Einsatz, um das Gelände autogerecht zu nivellieren. Das erfordert hohen Aufwand, da sich das Gelände in einer Schräg-Hanglage befindet. Rechts geht der Blick hoch zu der -gerodeten- Kuppe, wo eine Zeit lang das Barrio „Underground“ war. Es wurde um den 27. Oktober
2020 geräumt. Die starke Steigung, in der die Autobahn hier liegt, wird zu einem massiven „Lärmtrichter“ führen, gegen den keine Lärmschutzwand, bestenfalls eine Einhausung hilft. In diesem Abschnitt ist eine Wildbrücke vorgesehen.
Fällt der Blick nach links, trifft er auf eine Baustelleneinrichtungsfläche. Hier ist die Baufirma Leonhard Weiss zu Gange. Die Baufirma aus dem Schwäbischen bildet mit der Bad Hersfelder Strabag eine öffentlich-private Projektarbeitsgemeinschaft. Sie ist auf dem 31 Kilometer langen letzten Bauabschnitt für Planung, Finanzierung, Bau und Betrieb zuständig.
In der Mitte des Baucamps steht ein sogenannter Kameraturm. Er ist mit 360 Grad- Hochleistungskameras ausgestattet. Die Zeiten, wo Baustellungsüberwachung Nachtstreife mit Schäferhund bedeutete, sind lange vorbei- Das sagt einer der Hersteller dieser Geräte, die ISG International Security Group. Heute ist eine 24 Stunden Überwachung angesagt – die hochauflösende Videoanalytik erfasse und detektiere jede Eindringling. Kappe dieser den Strom, liefe die Anlage auf Akku weiter. Und es ginge heute nicht mehr nur um Vandalismus und Diebstahl von aussen, sondern auch um die Kontrolle der Arbeiter bis hin zur Zeiterfassung.
Bei dem Türmchen halte ich mich nicht lange auf und mime den normalen Ausflügler. Dann schlage ich mich aber rechts in die Büsche, um mir die Baustelle von der Zubringerstrasse näher anzuschauen. Am Rand der planierten Fläche sammelt sich das Stauwasser und ich lande in einer sumpfigen Furche. Die Arbeiter, welche hier ihre Muldenkipper entladen, interessieren sich nicht für mich. Ich gucke, dass ich wieder festen Boden unter die Füsse bekomme und wende mich in Richtung „ehemaliges Barrio Gegenüber“. Das war am Waldrand auf dem Hügel mit schönem Blick auf Niederklein und Schweinsberg errichtet. Den schönen Blick haben künftig die Autofahrerinnen, wenn sie denn einen dafür haben. Vielleicht steht dann an der Seite ja ein touristisches grünes Schild „Ehemaliges Barrio Gegenüber“….
Ich tauche in den Wald ein. Vor mir biegen zwei grosse LKW auf meinen Wirtschaftsweg ein. Die Umnutzung des Wegenetzes der Region hat bereits zu viel Unmut und sogar einzelnen Blockaden geführt. Im eingen Fällen wie hier hat man sich auf eine kombinierte Nutzung geeignet, auch um die Zerschneidungseffekte, die der Autobahnbau mit sich bringt, zu reduzieren.
Dann passiert etwas, was mich zum Lachen bringt: Ich hab mich verlaufen. Das ist mir bestimmt an die 10 Mal im letzten Jahr hier passiert- und jetzt wieder. Es hängt sicher damit zusammen, dass das Wegenetz des Forstes völlig quer zur Trassierung der Autobahn liegt. Aber da ich mich jetzt weit südlich der Autobahn befinde, muss ich -ohne es wahrzunehmen- über die Trasse, die dort noch kaum als solche erkennbar war, gelaufen sein.
Schläge von Rammen bringen mich wieder auf die Spur, zum anderen kenne ich hier eigentlich fast jeden Strauch. Schon bald komme ich zu der Furt über die Jossklein. Das warnende Schild „Furt“ war zu Räumungszeiten in „Fort“ abgewandelt worden , jetzt steht hier „Furtz“. Nun ja.

Über einen Waldweg laufe ich parallel zur Trasse ein wenig zurück Richtung „ehemaliges Barrio Gegenüber“ Zur Baustelle vorzustossen erweist sich als schwierig. Man hat sich unsere Methoden zu eigen gemacht und alle Querwege mit Stämmen verbarrikadiert und fast unpassierbar gemacht. Die untersten Stämme waren vielleicht noch von uns. Oder doch alles ? Durch das Unterholz komme ich trotzdem hin – und stehe vor einer grossen, roten Ramme. Hier kommt der südliche Brückenkopf der Talbrücke über die Jossklein hin. Absperrung ist völlig Fehlanzeige. Auch Warn – oder Verbotsschilder gibt es nicht. Es hat sicher Vorteile , auf eine Absperrung zu verzichten, die dann ja auch ständig geschützt werden muss. Und doch verwundert mich der Grad an Normalität , den diese, einer von Deutschlands umstrittensten Baustellen, ausstrahlt.

Ich halte Abstand und will weiter, ehe ich übermässig Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Zur Rechten im Tal liegt jetzt das FFH-Schutzgebiet Josskleinaue, der ehemalige Standort des „Barrio Überall“ Entlang der Rodungsschneise mache ich mich auf den Weg dorthin, und bin gespannt, was noch an Spuren übrig ist.

Ende erster Teil


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