Ein Wiederbesuch in „Überall“ – Teil 2

Der Blick geht hinunter zum Geländeeinschnitt der Jossklein. Dort war einst das Baumcamp „Überall“, jetzt ist dort eine umfangreiche Baustelle. Ein grosser Kran ist aufgestellt, auf beiden Seiten des Bachlaufs sind mobile Rammen aufgefahren. Ein Betonmischer parkt ein. Hier werden Pfahlgründungen für eine Talbrücke durchgeführt. Entlang der Trasse komme ich rasch voran – und ziehe die Aufmerksamkeit einer Gruppe Bauleiter auf mich.

Die wollen wohl wissen was ich hier mache, und ehe sie etwas unternehmen werde ich lieber selber aktiv.: „Ich bin hier zum gucken, es gibt auch einen Grund gerade hier her zu kommen , schliesslich hab ich hier vor 11 Monaten mal gewohnt.“

Die Bauleute sind damit erstmal zufrieden und ich kann mich am Rand der Trasse nach den Resten des Barrios umschauen. Hier stand einmal Neu-Überall.
Seit letzten November hat es hier -und auch anderswo- noch mächtig Nachfällungen gegeben. Zahlreiche Erlen sind zusätzlich gefallen, und entsprechend wenig ist an Spuren übrig. Ich finde noch einen bearbeiteten Stamm, der einmal Bestandteil eines Dreibeins war. Ein paar Reste von Bodenhütten sind noch da. Das wars.
Auffällig ist, dass der Bachlauf fast unberührt da liegt, und das trotz der Riesen Baustelle nebenan. Über den haben die Bauleute ein kunstvolles Holzbrückchen gezimmert. So weit ich das feststellen kann, gehen sie mit der Substanz des FF-Habitats ordentlich um. Ich denke: Noch. Wenn erst die Brücke kommt, ist der massive Niedergang nicht mehr aufzuhalten.

Dann komme ich auf den Weg, der am Bachlauf entlangführt und einst der Hauptzugang des Barrios war. Jetzt ist er gesperrt und von einer der Rammen blockiert.
Das Barrio „Überall“ entstand kurz nach der Räumung der ersten Baumplattformen im nördlichen Herrenwald. Der Bau einer ersten Plattform erfolgte heimlich, um nicht eine sofortige Räumung zu riskieren. Der Anfang der Besetzung ist schön im Video vom „Bewegungsgärtner“ dokumentiert.

Auf dem Gelände gab es drei besonders schöne alte Eichen, die sich für Baumhäuser anboten. Nur eine davon stand nahe am Weg, die zwei anderen etwa 200 Meter zurückversetzt im Gelände. Auf ihnen entstanden, als die Besetzung langsam wuchs, die Baumhäuser „Grandma“ und Grandpa“. Der Grossvater stand in einer Lichtung am Rand der Trasse und unten am Stamm war die blaue Markierung der Trassenrandbegrenzung angebracht. Um die Baumhäuser zusätzlich zu sichern, waren sie mit einer langen Traverse verbunden.

Die Räumung des Herrenwaldes erfolgte von Norden nach Süden und „sprang“ nach knapp zwei Wochen über die Bahnlinie. Taktisch geschickt erfolgte die Räumung mit der der Danni in die Zange genommen werden sollte in der ersten Oktoberwoche auch von Süden. Der Maulbacher Wald wurde in einem Intermezzo in drei Tagen gerodet, bevor sich wieder dem „Herri“ zugewandt wurde. Das war tatsächlich taktisch recht geschickt, denn es gab kein Dorf wo der Widerstand so stark – und potentiell mit mehr verfügbarer Zeit so stark ausbaufähig-war wie in Maulbach am“Mauli“. Dort harrten viele der Kletterer fast ungesichert bis zur Erschöpfung in den Bäumen aus .

Da sah es im Barrio Überall – der Name ist wohl eine Anspielung auf das etablierte Barrio „Nirgendwo“– anders aus. . Im Gegensatz zu „Nirgendwo“ wirkte das neue Barrio ambulant, hätte also gewissermassen überall sein können. Der Schlachtruf der Überallerinnen war „Wir sind überall“.

Die Räumung erfolgte am Donnerstag, den 15.10 . Am Freitag, den 16.10. erfolgte das „Ausputzen“, also die Räumung der verbliebenen , meist kleineren Bäume.
Berichte davon gab es auf dem Blog darüber hier und von der Nachräumung hier. Am Freitag gab es auch eine Lebenslaute-Aktion, ähnlich wie in der Vorwoche im Mauli, aber bereits deutlich besser organisiert.

Als nun die Räumung gelaufen war, stand immer noch ein Wäldchen an der Bahnlinie und der ganze Wald südlich der Jossklein. In dem Bereich befand sich über dem Bachlauf eine Plattform, welche bei der Räumung unangetastet geblieben war. Sie wurde dann die Keimzelle für „Neu-Überall“. Die Räumung des dort aufgebauten Camps verzögerte sich, da der Abschnitt aus Richtung Niederklein gerodet wurde und vom sehr widerständigen Barrio „Gegenüber“ gedeckt war. So stand das neu aufgebaute Barrio stets im Schatten des grossen Waldrand-Barrios und kam nie über 15 BewohnerInnen hinaus .
Die Räumung von „Neu-Überall“ wurde am 23. Oktober abgeschlossen.

Aber noch immer stand die grosse Eiche „Grandpa“ am Trassenrand mit ihrem programmatischen Transpi „Ich stand vor dem ersten Auto hier“ . Die Einsatzleitung dachte wohl, der Baum würde nach einer Weile Nichtbeachtung von den BewohnerInnen sich selbst überlassen. Das geschah aber nicht, er hatte „seine Fans“, selbst während der Haupträumung im Danni war er immer besetzt.. Deshalb war er als wirklich letztes Trassenbaumhaus noch übrig und wurde am 11.12 von einem SEK geräumt und gefällt.

Früher war nördlich des Querwegs eine Anhöhe mit etwa drei Metern Gefälle. Jetzt im September 2021 sind es fast zehn. Ein gigantischer Erdwall ist aufgeschüttet, um den Höhenunterschied zum Gegenhang auf der anderen Talseite auszugleichen. Er ist noch nicht ganz fertig, zahlreiche Muldenkipper und Fahrzeuge zur Erdverdichtung sind im Einsatz. Sie sind zum Teil unbegleitet abgestellt. Zumindest scheint das so, die Realität ist aber wohl eine unsichtbare Vollüberwachung.
An der Eisenbahntrasse kommt ein SUV angerauscht. Er bremst kurz neben mir ab und fährt weiter. Die Aufschrift ist „Ecoprotect“. Eine Nachforschung wird ergeben, das dies wohl mehr eine Firma zur internen Baukontrolle denn eine klassische Security ist.

Hier im Aussenbereich von Stadtallendorf wird sich das Landschaftsbild massiv verändern. An der Wegespinne mit dem Zugang zur Südschule ist der Wall unterbrochen- hier kommt wohl ein Durchlass hin. Für mich eine Möglichkeit, die Trassenseite zu wechseln und zum ehemaligen Standort von „Grandpa“ zu laufen. Hier ist nichts mehr übrig, selbst der zurück gelassene „Shit Pit“, der noch lange im Gebüsch an die Besetzung erinnerte, ist verschwunden. Im Wald hängt noch das Flatterband der Polizeiabsperrung. Um durch die Dickung zu kommen, brauchte ich geschlagene 10 Minuten. Immer wieder halten mich die Krallen der Brombeerhecken fest, als wollten sie mich nicht ziehen lassen.
Was es noch gibt, ist am Wegrand der „Wunderbaum“ – ein abgestorbener Ast mit Wolldekoration, der in einem Baumstumpf steckt. Aus dem wächst eine neue kleine Fichte heraus – ein echtes Naturkunstkonstrukt. Die Farbe der Wolle ist verblasst und die Stränge sind mürbe. Aber vielleicht überlebt die kleine neue Fichte die Installation….
Bald stehe ich mit leicht angerissener Hose und leicht verschwitzt wieder am Querweg an der Brückenbaustelle an der Jossklein – diesmal auf der Westseite. Das gefällt den Bauoffiziellen gar nicht und sie machen Meldung. Also ist es Zeit zu verschwinden.

Dann geht es über die Herrenwaldsiedlung wieder zum Bahnhof. Das Leben in der Stadt scheint sich gegenüber dem letzten Sommer kaum verändert zu haben, der Einschnitt im Herbst Episode geblieben zu sein. Um heraus zu bekommen ob das so stimmt, müsste ich hieraber tiefer eintauchen.


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